Digitalisierung und Automobilindustrie – Eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Disruption von enormen Ausmaßen

Digitalisierung und Automobilindustrie – Eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Disruption von enormen Ausmaßen


Über den Autor Dr. Jürgen Scheele

Jürgen Scheele, geb. 1963, Dr. phil., Politikwissenschaftler, Referent für Netzpolitik bei der Bundestagsfraktion DIE LINKE,

 


zuvor langjährige Tätigkeit als Editor, Trainer und Berater im Bereich Broadcast & New Media.

Die Automobilindustrie in Deutschland gilt als eine Schlüsselindustrie. Ihr kommt eine gesamtwirtschaftliche Bedeutung zu wie in kaum einem anderen Land und sie ist, bezogen auf die verarbeitende Industrie, Nr. 1 bei Wertschöpfung, Beschäftigung, Investitionen, Außenhandel sowie Forschung und Innovation [15]. Hierzulande arbeiten fast 800.000 Personen (Stand: 2015) unmittelbar in Betrieben der Kraftwagen- und Kraftwagenteileherstellung [12]. Wird zudem der – im Jahr 2004 mit dem Faktor 2,2 bezifferte – indirekte Beschäftigungseffekt des Automobilbaus durch die Vorleistungsnachfrage in anderen Wirtschaftszweigen berücksichtigt, so liegt der Gesamtbeschäftigungseffekt gegenwärtig bei knapp 1,8 Mio. Arbeitsplätzen. Die Automobilindustrie ist zugleich der bildhafte Ausdruck des deutschen Industriemodells, das Automobil mit dem Versprechen von Autonomie und Mobilität das ikonische Produkt des fordistischen Produktions- und Konsummodells des 20. Jahrhunderts. Wie andere Branchen zuvor wird die Automobilbranche durch Digitalisierung und Vernetzung von einem tiefgreifenden Wandlungsprozess erfasst. Dieser ist mit einem weiteren, nicht weniger tiefgreifenden Veränderungsprozess teils verwoben, teils verbunden – dem Übergang zur Elektromobilität. Die Umstellung von Verbrennungsmotor auf Elektroantrieb scheint aus heutiger Sicht unumkehrbar: zum einen, weil im Zuge der klimabedingt erforderlichen Dekarbonisierung der Verkehrssektor als Verursacher von fast einem Viertel der CO2-Emmissionen weltweit vom natürlichen Kohlenstoffkreislauf abzuscheiden ist; zum anderen, weil sich die Strategie der Automobilindustrie – Verbrauchsreduktion statt ehrgeiziger Emissionsziele bei den klassischen Schadstoffen – zuletzt nur noch durch Betrug in Form manipulierter Software erreichen ließ.

Bereits der Übergang zur Elektromobilität ist mit grundlegenden Veränderungen verbunden [14]. Entlang der automobilen Wertschöpfungskette entfallen Komponenten wie Verbrennungsmotor, Tanksystem, Auspuffsystem und Kühler, andere wie Getriebe, Diagnose und Steuergeräte oder Klimatisierung müssen grundlegend angepasst werden. Insbesondere die Zulieferer der erstgenannten Gruppe von Komponenten werden besonders stark vom Wandel zur Elektromobilität erfasst. Zugleich entstehen neue externale Kosten in der Erzeugung und Verarbeitung von (erneuerbarer) Energie, sowohl im regionalen als auch im internationalen Maßstab. Für letztgenannten sei exemplarisch auf die Geopolitik des Lithiums verwiesen [9]. Nach Schätzungen befinden sich 70–80 Prozent der bekannten Reserven des Batterierohstoffs im Lithium-Dreieck zwischen Argentinien, Bolivien und Chile (20 Mio. Tonnen), ein Großteil davon beherbergt die größte Salzpfanne der Erde, der mehr als 10.000 km2 umfassende Salar de Uyuni im bolivianischen Altiplano. Setzt Lithium sich langfristig als Energiespeicher für Automobile durch, kommt es unweigerlich auch zum Eintritt in eine Lithium-Ökonomie mit entsprechendem Raubbau an Mensch und Natur. Der Elektroautohersteller Tesla Motors des Internetpioniers Elon Musk beispielsweise setzt auf Batteriepakete aus Lithium-Ionen-Zellen und errichtet zusammen mit Panasonic und anderen strategischen Partnern gegenwärtig im US-Bundesstaat Nevada mit der auf 4–5 Mrd. US-Dollar veranschlagten Tesla Gigafactory eine etwa 1 km2 große Produktionsstätte, um die Gestehungskosten für Batterien durch Massenproduktion um 30 Prozent zu senken und Elektroautos auch im unteren Marktsegment anbieten zu können.

Anders als bei den Veränderungsprozessen durch Elektromobilität allein, die unter sonst gleichen Umständen mit einiger Wahrscheinlichkeit beschäftigungsneutral gestaltet werden könnten [3], etwa durch die Produktion neu hinzutretender Komponenten wie Elektromotor, Batterie, Leistungselektronik oder Hochvoltverkabelung, sind die Folgewirkungen der sich im schnellen Tempo durchsetzenden Digitalisierung und Vernetzung. Zwei grundlegende Tendenzen sind zu benennen. Erstens die Transformation vom Produkt zur Plattform: Plattformen sind Intermediäre, die mehrere verschiedene Nutzergruppen zusammenführen und zahlreiche Einnahmekanäle generieren, während diese bei Produkten immer singulärer Art sind [16]. Von den nach Marktkapitalisierung wertvollsten Unternehmen der Welt zählten im Jahr 2015 mit Apple, Microsoft, Google (jetzt: Alphabet), Amazon und Facebook fünf der Top 10 zu Plattform-Unternehmen, wobei beispielsweise mit Apple auch Hybridformen bestehen. In vielen Branchen suchen daher Produkthersteller die Transformation zu plattformbasierten Geschäftsmodellen. Nicht allen gelingt das. Welche disruptiven Entwicklungen eintreten können, zeigte sich paradigmatisch beim Übergang vom (elektronischen) Handy zum (digitalen) Smartphone. Einstige Weltmarktführer wie Nokia oder Motorola wurden hinweggespült und zu Hardwareproduzenten, die Betriebssysteme lizenzieren, degradiert. Heute (August 2016) dominieren mit einem Marktanteil von 81,3 Prozent das (partiell) quelloffene Android (Google) und mit einem Marktanteil von 14,2 Prozent das (weitgehend) geschlossene iOS (Apple) den deutschen Markt für Betriebssysteme von Mobilfunkendgeräten [12]. International sieht es kaum anders aus.

Nach anfänglichem Leugnen und Negieren ist sich die Autoindustrie der bevorstehenden digitalen Herausforderungen inzwischen bewusst. Ankündigungen, das Auto schnellstmöglich in ein rollendes Smartphone verwandeln zu wollen und vollständig selbstfahrende Autos bis 2020 oder früher anzubieten, sind so oder ähnlich von nahezu allen Unternehmenslenkern der großen Autokonzerne weltweit zu vernehmen [4, 13]. Dass das Silicon Valley in Zukunft eine wichtige Rolle in der Automobilbranche spielen wird, zeichnet sich ab. Googles Self-Driving Car Project ist bekannt; dass Apple – ähnlich wie in der frühen Entwicklungsphase des iPhone, in der Konkretisierung der strategischen Ausrichtung noch unschlüssig – ein eigenes iCar oder iCar-System entwickelt, ein offenes Geheimnis. Auch Tesla und weitere neu in den Markt eintretende Anbieter entwickeln vollständig autonom fahrende Autos oder haben das angekündigt. Der unlängst erfolgte Erwerb von Nokias digitalem Kartendienst Here für 2,8 Mrd. Euro durch Daimler, Audi und BMW zeigt, dass die deutschen Autohersteller in der digitalen Zukunft nicht bloß nachgelagerte Produzenten sein wollen, die Hardware in Abhängigkeit von Google, Apple und anderen Datenkonzernen zuliefern. Auch bestehen erste Erfahrungen aus Mobilitätsdienstleistungen durch eigenständige oder in Kooperation betriebene Carsharing-Anbieter wie etwa DriveNow (BMW/Sixt) und car2go (Daimler). Dennoch werden die Chancen der deutschen Hersteller gegenüber den US-Technikkonzernen von dem Autoexperten und Professor am Center of Automotive Management, Stefan Bratzel, lediglich mit 50:50 eingestuft [7]. Der Grund ist, dass Internetplattformen groß genug sein müssen, um Netzwerkeffekte – das bedeutet Zunahme des Nutzens eines Dienstes oder einer Applikation mit steigender Nutzerzahl – zu erzielen. Im Unterschied zu den USA, aber auch zu China existieren in Europa keine nennenswerten Big Data-Player. Europa wird von Google, Apple, Facebook & Co. über hier angesiedelte Server-Farmen (Content Delivery Networks) bespielt.

Die US-Technologiekonzerne Google und Apple, aber auch Tesla verfügen voraussichtlich über ausreichend Ressourcen, um die Entwicklung hin zu einem fahrerlosen autonomen Auto zum Erfolg zu führen. Googles langfristiger Fokus liegt dabei allem Anschein nach auf der Bereitstellung von Robotertaxis, wobei es eine eigene Flotte solch autonomer Taxis später weder selbst produzieren noch betreiben müsste, sondern es dem Konzern analog zum Smartphone-Markt vermutlich ausreichte, das Betriebssystem zu liefern. Das Self-Driving Car Project läuft seit 2011. Inzwischen sind etwa 25 Fahrzeuge im Dauertestbetrieb auf kalifornischen Highways und in der Stadt Mountain View unterwegs. Ende des Jahres 2016 werden diese mehr als drei Mio. Testkilometer absolviert haben. Google ist über seinen Risikokapitalarm Ventures zudem mit 250 Mio. US-Dollar an dem App-basierten Fahrdienstvermittler Uber beteiligt, der in Pittsburgh ebenfalls selbstfahrende Autos testet und, wie der einschlägigen Wirtschaftspresse zu entnehmen ist, zunehmend in Konkurrenz zu seinem Kapitalgeber tritt. Google allerdings verfolgt im Unterschied zu den klassischen Automobilherstellern keinen evolutorischen Weg hin zum fahrerlosen Auto, sondern kommt von Anfang an ohne Lenkrad aus. Die fahrerlose Zukunft in den Automobilen der etablierten Autobauer hingegen soll sich über verschiedene Niveaus der Automatisierung etablieren [4]. Zu bereits bestehenden Assistenzsystemen (Einparkhilfe, Notbremsung, Spurhaltewarnung und -korrektur etc.) treten kurzfristig Autobahn-Piloten, aktive Parkassistenten und Stau-Fahrhilfen. Sie übernehmen zunächst teilautonome Funktionen, die vom Fahrer weiterhin überwacht werden, und sodann hoch- und vollautomatisierte Aufgaben, in denen das System immer mehr Funktionalitäten übernimmt und in die der Fahrer nur noch potenziell oder situationsbezogen einzugreifen hat, bis auch dies nicht mehr erforderlich ist.

Verkehrspolitisch ist unter einem evolutorischen Szenario absehbar, dass das Netz von im autonomen Fahrbetrieb zu befahrenden Teilstrecken kontinuierlich anwachsen wird. Beginnend mit den Autobahnen werden nach und nach weitere Strecken hinzutreten, bis auch das übrige Straßennetz, zuerst in den Metropolen und städtischen Agglomerationen, erschlossen ist. Die Diffusion der Technologie, so wird prognostiziert, erfolge schneller als bisherige Innovationen in der Automobilindustrie [4]. Da mit letzteren kein besonders hoher Zusatznutzen verbunden war, mithin kein nennenswerter Einfluss auf den Ersatzzeitpunkt für ein Altfahrzeug bestand, setzten sie sich bislang immer erst in einem jahrzehntelangen Prozess nach und nach durch.

Ursächlich für eine beschleunigte Diffusion hingegen sei die durch Nutzung vollständig autonom fahrender Fahrzeuge zu erzielende enorme Zeitersparnis. In Deutschland beträgt die durchschnittliche Unterwegszeit eines Fahrers oder einer Fahrerin ca. 60 Min. pro Tag, sodass ein Äquivalent von 45 Arbeitstagen am Steuer als vergeudete Zeit verbracht wird. Innovationsverbreitend wirkt aller Voraussicht nach eine jüngere, technikaffine, nicht aber techniksouveräne Generation. Der Studie einer Consulting-Firma zufolge können sich 76 Prozent der Generation Y – also jener Bevölkerungskohorte, die zwischen 1980 und 1999 geboren wurde – vorstellen, ein selbstfahrendes Auto zu nutzen [1]. 64 Prozent davon sind bereit, automobile personenbezogene Daten an Unternehmen weiterzugeben, wenn diese ihnen eine Gegenleistung in Form von Rabatten oder besserer Betreuung durch den Automobilhersteller bzw. Mobilitätsdienstleister in Aussicht stellen. Wie immer man die Studie methodologisch bewerten mag, zeigt sie dennoch ein Bild, das uns aus der massenhaften Nutzung von Smartphones und Sozialen Netzwerken wohlbekannt ist: Vorherrschend sind Bequemlichkeit und Komfort, statt Datenschutz. Dabei sei nicht unterschlagen, dass laut Befragung zeitgleich auch 63 Prozent der Generation Y von einem datenschutzrechtlichen Unbehagen befallen sind und befürchten, auch automobil die Kontrolle über ihre Daten verlieren zu können.

Selbst wenn es den deutschen Autokonzernen gelingen sollte, nach dem für sie am vorteilhaftesten Entwicklungsszenario in der Innovation und bei Markteinführung der Technologie vorne dabei zu sein, kommt eine zweites Bedingungsgefüge von Digitalisierung und Vernetzung für sie negativ zum Tragen: die Ökonomie des Teilens (Sharing Economy) [5]. Gegenstände, Dienstleistungen und Fertigkeiten können digital vernetzt gemeinsam genutzt werden, und zwar in profitorientierter Form (Plattformkapitalismus) oder aber gemeinwohlorientiert (Commons-basiert). Über das Internet und seine Vermittlungsplattformen werden Ressourcen, die nicht dauerhaft von ihren Eigentümern selbst genutzt werden, ohne große Transaktionskosten temporär anderen Nutzerinnen und Nutzern zur Verfügung gestellt. Eigentum zur Nutzung eines Produkts ist unter diesen Bedingungen nicht mehr zwingend erforderlich, entsprechend konkurriert künftig – erste solche Tendenzen sind bereits heute in den Städten durch Nutzung kommerzieller Carsharing-Angebote wahrnehmbar – Mobilitätsnutzung mit statischem Fahrzeugbesitz. In Szenarien zur Übertragung der Ökonomie des Teilens auf den Verkehrssektor ist daher bereits von Zero Ownership die Rede. Modellrechnungen für Mittelklasse- und Kleinwagen zeigen denn auch, dass sich die Kosten zum Unterhalt eines benzingetriebenen Privatautos gegenüber der Nutzung eines selbstfahrenden, elektrisch angetriebenen Flottenfahrzeugs um 50–66 Prozent reduzieren lassen [4]. Flotten autonomer Fahrzeuge besitzen erhebliche Vorteile aufgrund ihrer besseren Kostenstruktur, größeren Flexibilität und Entlastung des Kunden bezogen auf alle Verwaltungs- und Unterhaltsaspekte rund um das eigene Auto (Kauf, Reparatur, Parkplatz, Wartung etc.). Vor dem Hintergrund, dass das durchschnittliche Privatauto in Relation zur täglichen Nutzungsdauer kaum mehr als vier Prozent seiner Existenz in Betrieb ist, liegen die Vorteile autonom fahrender Fahrzeuge auf der Hand. Obgleich die Modellrechnungen noch überschlägig und insbesondere keine Gewinnmargen für die Flottenbetreiber eingerechnet sind, indizieren sie, dass nutzungsbasierte Geschäftsmodelle mit entsprechenden Einsparpotenzialen für bisherige Privat-PKW-Nutzer funktionieren.

Verkehrsabwicklung über eine Flotte selbstfahrender Autos jedoch zeitigt enorme wirtschaftliche Folgewirkungen für die klassischen Automobilhersteller. Der Fahrzeugbedarf gegenüber privaten PKWs fällt unter diesen Bedingungen um den Faktor 4 bis 10 geringer aus, insbesondere in Städten ist eine Reduktion der Fahrzeugzahl um 90 Prozent möglich [8, 13]. Brian Johnson, Branchenanalyst für den Automobilsektor bei der Barclays Bank, prognostiziert innerhalb der kommenden 25 Jahre ein Einbrechen des Autoabsatzes in den USA um 40 Prozent, von heute 16,5 Mio. auf 9,5 Mio. Fahrzeuge im Jahr 2040 [2, 6]. Auch eine Forschungsstudie des Transportation Research Institute der Universität Michigan kommt zu dem Ergebnis, dass durch autonom fahrende Fahrzeuge der Privat-PKW-Bestand in den USA um 43 Prozent, von durchschnittlich 2,1 Fahrzeugen heute auf 1,2 Fahrzeuge pro Haushalt künftig, abschmelzen könne [10]. Die Hoffnung der Automobilindustrie, mit der Produktion autonomer Autos ließe sich eine Zunahme in der Gesamtnachfrage generieren oder könnten zumindest die Absatzzahlen aus dem Zeitalter des Verbrennungsmotors aufrechterhalten werden, trügt. Selbst wenn es ihr gelingen sollte, marktmächtige digitale Plattformen zu entwickeln und erfolgreich als Mobilitätsdienstleister zu agieren – sprich: sich gegenüber den digitalen Herausforderern zu behaupten –, fallen die Arbeitsplatzeffekte im Saldo negativ aus. Der Wegfall in der Produktion physischer Entitäten (Fahrzeuge als Hardware) wird durch virtuelle Dienstleistungen (Mobilität als Software) nicht kompensiert. Zur Veranschaulichung: Alphabet Inc. beschäftigte zum 31. Dezember 2015 weltweit gerade einmal etwas mehr als 60.000 Mitarbeiter, im Falle von Facebook Inc. waren es zum selben Zeitpunkt keine 13.000 [12]. Ein in der Größe der US-Technologiekonzerne vergleichbarer digitaler Mobilitätsdienstleister würde demnach gerade einmal 0,7 Prozent bis 3,3 Prozent der heute mittelbar und unmittelbar in der deutschen Automobilproduktion beschäftigten Personen aufnehmen. Selbst im Best-Case-Szenario, in dem die entscheidenden Innovationen aus Deutschland kämen, geriete Wolfsburg zum zweiten Detroit, zum Synonym für den ökonomischen Bedeutungsverfall der Automobilindustrie im Digitalzeitalter. Da das deutsche Industriemodell insgesamt eng mit jenem der Automobilindustrie verbunden ist, kündigt sich eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Disruption von enormen Ausmaßen an.

Doch bedeutet autonomes Fahren nicht nur weniger Fahrzeuge, sondern unter sonst gleichen Bedingungen auch mehr Verkehr [8, 10]. Die Straßenkapazität steigt infolge effizienterer Nutzung von Fahrzeugkapazitäten durch verringerte Zeitlücken auf Autobahnen und kürzere Anfahrtszeiten an Ampeln, zusätzlicher Leerfahrten von Carsharing-Fahrzeugen zwischen Gebieten mit temporal unterschiedlich hoher Mobilitätsnachfrage, starkem Zuwachs von Einkauf- und Güter-Lieferdiensten sowie Beförderung von Personen ohne vormals eigenen PKW, Führerschein oder Fahrerlaubnis (Kinder, Jugendliche, Senioren, Menschen mit Behinderungen, Einkommensschwache etc.). Unreguliert käme es Verkehrsabschätzungen zufolge zu einer Steigerung des Autoverkehrs um 25 Prozent bis 103 Prozent oder – nach einer jüngeren, noch unveröffentlichten Metastudie aus den USA – zu einem zu erwartenden Verkehrsanstieg von vier Prozent bis 156 Prozent [8, 11]. Somit geriete nicht nur der ÖPNV massiv unter Druck, sondern drohte energetisch zudem ein Rebound-Effekt. Die ursprünglich möglichen Energieeinsparungen würden aufgehoben und in ihr Gegenteil überführt. Selbst Verbesserungen der Energieeffizienz durch beispielsweise Fahrzeug-Routing, Platooning (Kolonne-Fahren) und Wegfall des Parksuchverkehrs von autonom fahrenden Elektroautos schüfen keine Abhilfe. Ohne einen, auch in Form selbstfahrender Busse und Kleinbusse, modernisierten ÖPNV als Rückgrat umfassender Mobilität bleiben nachhaltige Verkehrskonzepte aussichtslos. Die Stadt Helsinki ist dabei Vorreiter in einer Entwicklung, wie eine Mischung aus öffentlichen Verkehrsmitteln, Fahrrädern und Carsharing künftig aussehen kann [13]. Nach den Vorstellungen der lokalen Verkehrsplaner soll die finnische Hauptstadt bis zum Jahr 2025 frei von Privat-PKWs sein. Über eine App können dann die Einwohner ein auf sie zugeschnittenes Mobilitätspaket abrufen, das Carsharing-Angebote in Form vernetzter autonomer Elektroautos, dynamische Busse, Bahnen und Fähren sowie Fahrräder miteinander verbindet.

Als Zeithorizont zur Markteinführung von vollautonomen Fahrzeugen wird ein Zeitraum von 10–20 Jahren benannt. Zuvor zu lösen sind Fragen insbesondere des Haftungsrechts, des Datenschutzes und der IT-Sicherheit. Diese sind keineswegs trivial und, wie bisherige Erfahrungen zeigen, nicht allein technisch auflösbar, grundsätzlich aber fachpolitisch gestaltbar. Grundlegender Art hingegen sind die mit der skizzierten Entwicklung verbundenen Probleme der künftigen Ausgestaltung des Sozial- und Steuersystems. Sollen die gravierenden Auswirkungen einer Reduktion der Automobilproduktion für Wachstum und Beschäftigung in Deutschland sowie weiteren Automobilstandorten in Europa sich nicht abrupt auswirken, sind frühzeitig Optionen der Neugestaltung aufzuzeigen. Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auf die besonderen ökonomischen Eigenschaften von digitalen Gütern und darauf, dass mit der Zunahme des Anteils von digitalen Gütern in der Produktion von Sachgütern und Dienstleistungen insgesamt eine komplementäre Abnahme des Anteils des Produktionsfaktors Arbeit einhergeht. Ab einem gewissen Grad des Verhältnisses wird mithin die paritätische Finanzierung der Sozialversicherungssysteme ebenso wie eine nicht an die Wertschöpfung angekoppelte Unternehmensbesteuerung dysfunktional. Dies ist der Ansatzpunkt, von dem aus der digitale Umbruch von Automobilität und Automobilwirtschaft gesellschaftlich gesteuert werden kann. Andernfalls, dies ist fortschrittsfeindliche Option, blieben die Potenziale digitaler Technologien nicht ausgeschöpft, fiele Europa ökonomisch wie technologisch zurück und wäre einer Politik des Maschinensturms ausgeliefert. Dass die Automobilindustrie und ihre Vorfeldorganisationen diese Entwicklung in allen Phasen massiv zu ihren Gunsten zu lobbyieren versuchen wird, steht dabei außer Frage. Der Kampf der Zeitungsverleger um ein Leistungsschutzrecht für Presseerzeugnisse wird im Nachhinein demgegenüber nur als ein harmloses Waffenklirren einzustufen gewesen sein.

 

Literatur

[1]            Deloitte Deutschland: Datenland Deutschland – Connected Car. Generation Y und die nächste Generation des Automobils. Stand: 09/2015. URL: http://www2.deloitte.com/de/de/pages/trends/datenland-deutschland-connected-car.html

[2]            Eckl-Dorna, Wilfried: Werden Roboterautos zum Absatzkiller für die Autobranche? Manager Magazin, 21.05.2015. URL: http://www.manager-magazin.de/unternehmen/autoindustrie/studie-autonome-autos-senken-us-autoabsatz-bis-2030-um-40-a-1034917.html

[3]            Elektromobilität und Beschäftigung. Wirkungen der Elektrifizierung des Antriebsstrangs auf Beschäftigung und Standortumgebung (ELAB). Studienergebnisse. Projektträger: Daimler AG, IG Metall Baden-Württemberg, Hans-Böckler-Stiftung. Düsseldorf 2012. URL: http://www.boeckler.de/pdf/pub_ELAB_2012.pdf

[4]            Hars, Alexander: Flotten selbstfahrender Elektrotaxis – Eine Szenarioanalyse. In: Proff, Heike (Hrsg.): Entscheidungen beim Übergang in die Elektromobilität. Wiesbaden 2015 [Preprint]. URL: https://www.inventivio.com/publications/2014/Flotten-selbstfahrender-Elektrofahrzeuge-Hars-2014.pdf

[5]            Haucap, Justus: Ökonomie des Teilens – nachhaltig und innovativ? Die Chancen der Sharing Economy und ihre möglichen Risiken und Nebenwirkungen. Ordnungspolitische Perspektiven, Nr. 69. Düsseldorfer Institut für Wettbewerbsökonomie, Januar 2015. URL: http://dupress.de/fileadmin/redaktion/DUP/Info_PDFs/DICE_OP/OP_69_Haucap.pdf

[6]            Johnson, Brian: Disruptive Mobility: AV Deployment Risks and Possibilities. Barclays Equity Research, 20.07.2015. URL: http://orfe.princeton.edu/~alaink/SmartDrivingCars/PDFs/Brian_Johnson_DisruptiveMobility.072015.pdf

[7]            Menzel, Stefan: „Die Chancen für deutsche Hersteller stehen 50:50“. Handelsblatt, 17.07.2016. URL: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/stefan-bratzel-zur-zukunft-der-autoindustrie-die-chancen-fuer-deutsche-hersteller-stehen-50-50/13875718.html

[8]            Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD)/International Transport Forum (ITF): Urban Mobility System Upgrade. How shared self-driving cars could change city traffic. Paris, 1 April 2015. URL: http://www.itf-oecd.org/sites/default/files/docs/15cpb_self-drivingcars.pdf

[9]            Rojas, Raúl: Wettrennen um die Autobatterie der Zukunft eröffnet. Telepolis, 28.09.2014. URL: http://www.heise.de/tp/druck/mb/artikel/42/42858/1.html

[10]         Schoettle, Brandon/Sivak, Michael: Potential Impact of Self-Driving Vehicles on Household Vehicle Demand and Usage. The University of Michigan Transportation Research Institute. Report No. UMTRI-2015-3. Ann Arbor (Mich.), February 2015. URL: https://deepblue.lib.umich.edu/bitstream/handle/2027.42/110789/103157.pdf

[11]         Sokolov, Daniel AJ: Forscher: Selbstfahrende Autos bringen Verkehrslawine. Heise Online, 14.01.2016. URL: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Forscher-Selbstfahrende-Autos-bringen-Verkehrslawine-3070571.html

[12]         Statista: Beschäftigtenzahl in der deutschen Automobilindustrie bis 2015. URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/30703/umfrage/beschaeftigtenzahl-in-der-automobilindustrie/; Marktanteile der Smartphone-Betriebssysteme am Absatz in Deutschland bis Aug. 2016. URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/225381/umfrage/marktanteile-der-betriebssysteme-am-smartphone-absatz-in-deutschland-zeitreihe/; Anzahl der Mitarbeiter von Google weltweit bis 2015. URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/195387/umfrage/anzahl-der-mitarbeiter-von-google-seit-2001/; Anzahl der Mitarbeiter von Facebook weltweit bis 2015. URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/193372/umfrage/anzahl-der-mitarbeiter-von-facebook-weltweit/

[13]         Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV): Zukunftsszenarien autonomer Fahrzeuge. Chancen und Risiken für Verkehrsunternehmen. Positionspapier, November 2015: Url: https://www.vdv.de/positionensuche.aspx?mode=detail&id=9DAAE371-2F2C-43B9-B614-26FF397F0BB7

[14]         Waas, Albert: Dynamic Capabilities, die Ressourcenbasis und die Veränderung in Unternehmen. Auswirkungen der Elektromobilität auf die deutsche Automobilindustrie bis ins Jahr 2020. Diss. Univ. Ulm. Berlin 2012.

[15]         Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW)/Niedersächsisches Institut für Wirtschaftsforschung (NIW): Die Bedeutung der Automobilindustrie für die deutsche Volkswirtschaft im europäischen Kontext. Endbericht an das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (Projekt Nr. 29/08). Hannover, Mannheim, September 2009. URL: ftp://ftp.zew.de/pub/zew-docs/gutachten/AutomobEndBericht_final.pdf

[16]         Zhu, Feng/Furr, Nathan: Products to Plattforms: Making the Leap. Harvard Business Review, April 2016. URL: https://hbr.org/2016/04/products-to-platforms-making-the-leap

 

Erst die Kohle, dann die Werte

»Erst die Kohle, dann die Werte?« Drei Skizzen zur Europäische Kulturpolitik 2026 - Ein Beitrag zur Debatte


Über die Autorin Konstanze Kriese

Konstanze Kriese, Jg. 60, Kulturwissenschaftlerin, Autorin, akkreditierte Assistentin für Martina Michels, MdEP, mit Schwerpunkt Europäische Kultur-, Medien- und Netzpolitik,

 


sowie Beziehungen EU-Türkei, Stellv. Vorsitzende der Kulturinitiative '89, Vorstandsmitglied Förderband e. V.

Prolog

Kulturpolitik ist das Letzte, was die europäische Politik bewegt. Einerseits streuen Festivals keinen Glitzer des Vergessens über eine nicht enden wollende Eurokrise. Andererseits verstören Filmpreise im besten Falle irgendjemanden, der daraus eine flüchtige mediale Botschaft zu produzieren weiß. Im besten aller Fälle legen Kulturproduktionen den Finger in die Wunden eines geschichtsvergessenen Europas - tiefgründig und unterhaltend. Selbst wenn eine deutsche Kanzlerin mit einem saloppen „Wir schaffen das!“ in Kauf nimmt, den Humanismus wach zu küssen, galt dies offenbar nur der verzweifelten Suche nach einem Partner zur Auflösung des Problemstaus europäischer Flüchtlingspolitik. Die große Wertedebatte blieb in Sonntagsreden konserviert. Das Diplomatenscheckheft ersetzte wie eh und je die verweigerte demokratische Debatte über Europas Zukunft. Offene Grenzen für Menschen in Not wichen Zäunen, Passkontrollen, Gummigeschossen, Notversorgung und scharfer Munition.

Wer die Gegenwart Europas im griechischen Idomeni an der mazedonischen Grenze gesehen hat, tut sich schwer mit lockeren Zukunftsszenarien und fiktiver Sachliteratur. Doch, so ist die Autorin überzeugt, ernsthafte Debatten bedürfen solcher Gedankenarbeit. Kopfloses Handeln gibt es genug.

In drei Szenarien folgen knappe Skizzen über Europas Zukunft. Geschrieben sind sie aus der Perspektive unterschiedlicher Interessengruppen. Alle haben eine veränderte Kulturpolitik im Fokus. Es wird innerhalb der Szenarien weitgehend auf Wertungen verzichtet, damit sie ihrer „eigenen Logik“ folgen können. Denn wollen sich relevante Interessengruppen durchsetzen, dann muss deren Erzählung etwas Einleuchtendes, etwas von Gewinn und Verzicht im gemeinsamen Zusammenleben erläutern, das akzeptabel oder erstrebenswert erscheint. Wie viel Wahrheit und Nachhaltigkeit derartige Erzählungen haben, ob sie Minderheiten diskriminieren, innergesellschaftliche und globale Herrschaftsansprüche festigen und auf irgendeine Weise Ungleichheiten rechtfertigen, sowie langfristig Konflikte ökonomischer, sozialer und kultureller Natur heraufbeschwören, steht auf einem anderen Blatt. Allen Szenarien ist gemeinsam, dass Europäische Kulturpolitik eine funktionale Aufwertung erfährt.

I. The show must go on Europa 2026 - eine Freihandelszone

Eines der bekannten politischen Szenarien nährt die Vorstellung, dass das wirtschaftlich potente „Kerneuropa“ 2026 Teil einer globalen Freihandelszone ist. Die ökonomisch potenten Länder des Nordens setzen weiter auf Angebotspolitik an große Unternehmen zur Sicherung des Wohlstandes. Private und öffentliche Armut brechen der demokratischen Aushandlung anderer Visionen das Genick. Die EU-Staaten gleichen nach innen und außen einem Hochsicherheitsgehege. Wasserkriege und Migration sind mehrheitlich von Hunger und Hoffnungslosigkeit des Südens geprägt. Globale Entdeckerlust und Austausch sind durch selektive Waffenexporte zum Erliegen gekommen. Die Welt gleicht einem vernetzten Gleichgewicht des Schreckens. Um die Konflikte der global ausgestoßenen Unterschichten nicht erneut massiv in die Großstadtinseln der nördlichen Hemisphäre und die einstigen Schwellenländer schwappen zu lassen, ist Einwanderung weltweit strikt reguliert. Green- und Blue-Cards regeln eine gesteuerte Zuwanderung, die alle ethnischen und religiösen Minderheiten in einem europäischen Verteilungsschlüssel unter einem regionalen 15 % Level hält.[1] Die internationale Diplomatie hält die außereuropäischen Brandherde auf mittlerer Flamme. Das Prinzip der kontrollierten Brandrodung, das dereinst der Kulturation unwegsamer Regionen an den Küsten des Mittelmeeres diente, hat die Weltinnenpolitik tief verinnerlicht. Das jahrelang erprobte wechselnde Paktieren der NATO, einschließlich Israels, Russlands und der Golfstaaten mit weiteren Regionalkräften im Nahen Osten hatte die regime change Strategien der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts, die vormals oft Oppositionsbewegungen zugleich integrierten und neutralisierten, inzwischen für ineffektiv, marktschädigend und politisch gefährlich eingestuft. Sie brachten nachweislich immer neue Regionalmächte hervor, die die Konfliktbalancen empfindlich störten. Die Erprobung der konventionellen Waffensysteme wurde vom Nahen Osten in die Pazifikregion verlegt.

Im alten Europa sind die Generaldirektionen der EU-Kommission die letzten Refugien, die mit substanziellen gesellschaftlichen Steuerungsstrategien befasst sind. Sie verstehen sich als produktive Korrekturbehörde zum Europäischen Rat und überraschen mit immer neuen Aktionsplänen, um das auslaufende Programm „Freiheit in den Europäischen Grenzen einer marktkonformen Demokratie 2020 - 2026“ einer internen Revision zu unterziehen und politisch tragbare Revisionen zu entwickeln.

Durch den Schwung des Informationszeitalters, in dem sich Kapitalströme in Sekundentakten bewegten und die Echtzeitkommunikation in Beruf und Alltag viel Wissen und Innovation einforderte, wurden unter wachsender Akzeptanz der Bürgerinnen und Bürger effektive Fasttrackverfahren unter Einbeziehung der Parlamente vor nunmehr zehn Jahren unter der politischen Marke „better regulation“ eingeführt. Inzwischen sind sie als demokratische Aushandlungsverfahren allgemein akzeptiert. Parlamente, auch in den Nationalstaaten, haben sich dem im amerikanischen Kongress lange erprobten Prinzip des „Take it or leave it“ verpflichtet. Damit konnten Ausarbeitung, Entscheidung und Umsetzung aus einem Guss in die politischen Kommunikationsmaschinerien überführt werden. Die Bürgerinnen und Bürgern fühlen sich gut informiert und mit klaren gesetzlichen Vorschlägen konfrontiert, die nicht mehr in zermürbenden Debatten verschlimmbessert werden.

Nachdem TTIP 2018 im Schatten der ungelösten Flüchtlingspolitik und der Asienpakt 2019 in Kraft traten und damit die nordamerikanische und chinesische Lebensmittelindustrie den Europäischen Markt flutete, wurde nach energischem Widerstand der regionalen Agrarbetriebe das lange künstlich hochgehaltene Landwirtschaftsbudget der EU von seinen beinahe 400 Mrd. €, die noch bis zum Ende der 2020er Förderperiode verausgabt werden, in der neuen Förderstruktur strikt auf Diät gesetzt. Das Landwirtschaftsbudget wurde endlich entsprechend seines Anteils am BIP der EU - ins Verhältnis gesetzt zur Beschäftigungsquote des einstigen agrarischen Sektors - neu berechnet. Damit erhalten das Landwirtschaftsressort und das Fischereiwesen im EU-Haushalt 2026 nur noch ein Budget von 120 Mrd. €, welches zum Teil durch die massive Förderung von Patentforschungen aufgefangen wird.

Endlich wurden Gelder frei, um Hollywood in einem fairen interessanten Wettbewerb Paroli zu bieten, und um umfangreiche demokratische Debatten in der Unionsbürgerschaft zu fördern. Die geltenden Europäischen Lösungsansätze wurden intensiv ausdiskutiert. Es entstanden schlüssige Ideen für die weitere Verbesserung der Debatte um kulturelle Werte der Europäerinnen und Europäer und ihrer Beziehungen zur Welt, die auf den großen Preisverleihungen, bei glamourösen Filmfestivals und in den aktuellen Kulturhauptstädten nachhaltig umgesetzt wurden.

Die Kulturhauptstadtereignisse haben eine Bedeutung erlangt, die den im 20. Jahrhundert anachronistisch geworden Weltausstellungen gleicht. Einst ließ sich die Menschheit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts noch mit Produktmessen des industriellen und täglichen Bedarfs beeindrucken. Heute liefert das Netz den Menschen diese Produktwelt gratis ins Haus. Ebenso bestehen Menschen auf der Suche nach einem erfüllten Leben und es hat sich ein gut präsentierter Markt lange vernachlässigter Wertedebatten etabliert. Die Aufmerksamkeit gegenüber dem Ereignischarakter architektonischer und künstlerischer Highlights ist enorm gewachsen. Die früher notwendige Mitwisserschaft, die zumeist sozial vererbt wurde, um Genuss an Debatten um Kunst und Kommunikation zu haben, liefert heute das Internet gratis. Die Ereignisse selbst sind die Treffpunkte personeller Kommunikation der Neuzeit.

Während der auf Hochtouren laufenden Programmrevisionen im EU-Förderschwerpunkt Kultur wurde einhellig festgestellt, dass das Budget von 140 Mrd. € für die Schaffung und Unterstützung von Film- und Medienunternehmen, sowie E-Book-Verlagen und das - alle online-Plattformen einbeziehende - Förderprogramm „Europa - Insel der Freiheit, Wiege der abendländischen Kultur“ sinnvoll verausgabt wurde. Es waren wertvolle Beiträge für die Europäische Öffentlichkeit entstanden, die die Europäische Identität, das Selbstbewusstsein der Bürgerinnen und Bürger stärkten. Ein teilnehmendes Weltgewissen verband sich mit einer gewachsenen Europäischen Souveränität. Die Zeiten der Eurokrise mit dem anschließenden deutlichen Warnschuss gegenüber den demokratischen Fehlkonstruktionen der Europäischen Institutionen durch das Brexitvotum, dem letztlich niemand praktisch und verantwortlich folgen wollte, waren endlich auch kulturell eine Klippe aus vergangenen Tagen. In den Europäischen Mitgliedstaaten wurde nach dem Referendum im Vereinigten Königreich ausgiebig diskutiert, was eigentlich eine verfassungsgebende Mehrheit sei und ob Demokratie im Internetzeitalter noch verlässliche Informationsspeicher produziert und bereithält und wie diese verbindlich herstellbar seien. Die gesamte Medienbranche entwickelte Vertrauensstrategien, in denen wieder deutlich zwischen Bericht und Meinung getrennt wurde und die Überprüfbarkeit von Quellen wie ein Gütesiegel neu verhandelt wurde. Damit wurden erste ernsthafte Fehlstellen des Austauschs von Informationen im Internetzeitalter angepackt. Gleich 2017 verabschiedete die Europäische Kommission bei der Überarbeitung der Richtlinie für die Audiovisuellen Medien (AVMD) neue Haftungsregeln für die neuen Diensteanbieter, die gleichfalls Inhalt und Nachrichten - so wie die traditionellen linearen Medien - produzierten, bis dahin aber von allen Regulierungen ausgenommen waren.

Es ist nicht verwunderlich, dass der enorme Aufwuchs der Europäischen Kulturförderung von den einstigen knapp 1,5 Mrd. € sich positiv auf die politische und kulturelle Akzeptanz der neuen politischen Regelungsmechanismen ausgewirkt hatte. Die noch bis 2020 geltende Portokasse für Kultur, das bis dahin politisch produzierte geistige Schattendasein Europäischer Selbstverständigung gehört nun endlich der Vergangenheit an. Längst ist die Anerkennung kultureller, bildender, wissenschaftlicher Tätigkeit als Wirtschaftsmotor und Beschäftigungsmodell für viele andere Berufszweige in der gesellschaftlichen Debatte akzeptiert.

Jahrelang hatten die, einst als Apologeten der radikalen Marktwirtschaft verschrienen Förderer der creative industries, diese politischen Herausforderungen angemahnt. Die widerständigen Kreativen der Kulturwirtschaft machten es seit Jahrzehnten vor. Sie arbeiten hart im Modus der europäisch so hoch im Kurs stehenden Selbstverwirklichung, die dem Kontinent sein Selbstbewusstsein erhielt, unter schwierigen Umständen, mit bitteren geschichtlichen Erfahrungen und schier unlösbaren Aufgaben, immer wieder fertig zu werden.

Das patriarchale Sozialstaatsmodell, das auf vergangene Familienbindungen setzte und bei allen Revisionsversuchen keinerlei Individualprinzip integrieren konnte, hatte sich endgültig als Modus der sozialen Sicherung überlebt. Frauen und die wachsende Schar der produktiven Selbständigen hatte dieses lange gültige Modell ohnehin tendenziell ausgegrenzt. Daher konnte es als Sicherungsmodus nicht mehr überzeugen.

Das reiche kulturelle Erbe Europas, von den Göttern der Antike bis zu den Heroen der Aufklärung, bietet auch 2026 den gültigen Humus der Rückversicherung und Anleihe für die Gegenwart, in der der Tatmensch, egal welchen Geschlechts, entscheidend für gesellschaftliche Innovationen, für Freiheit und Selbstbestimmung streitet.

Politisch bedeutet dies, dass nach den Revisionen des Urheberrechts 2018 die Kulturleute als die Pioniere der neuen Arbeitswelt endlich gesellschaftlich anerkannt sind. Sie schützen ihre Produkte streng urheberrechtlich. Sie leiten aus einem differenzierten Lizenzrecht ihre Bezahlung und den Zugang zu den weitgehend privatisierten sozialen Sicherungen, mit Ausnahme der Gesundheitsversorgung, ab. Ihnen kam dabei zugute, dass der Kampf gegen Produktpiraterie längst von Übersee in Europa angekommen war und es endlich klare Regelungen für Nutzerinnen und Nutzer kultureller Leistungen gibt. Der Zugang zu Bild und Ton wurde endlich streng reguliert und fair bezahlt. Dadurch haben auch alle anderen Berufsgruppen ein vitales Interesse, die eigene Leistungsfähigkeit zu erhöhen, um am kulturellen Austausch, am Wissenserwerb und Zugang zu Information angeschlossen zu bleiben.

Die Beschäftigten haushaltsnaher Dienstleistungen, des Pflege- und Erziehungsbereiches, im Service und in vergleichbaren Branchen, die keine derartige urheberrechtlich geschützte Produktstruktur erarbeiten, sind flächendeckend durch einen Europäischen Mindestlohn geschützt, der 2022 eingeführt wurde. Die mit dem Mindestlohn einst verkoppelte heftige Debatte um eine Europäische Arbeitslosenversicherung hatte sich mit den neuen Arbeitswelten erübrigt. Weiterhin ist die flächendeckende Einführung eines basic income im Gespräch. Dies wird von vielen Wirtschaftsverbänden unterstützt, da dieses Einkommen auch als Bezahlung für unentgeltlich geleistete Carearbeit und für gemeinnützige Tätigkeiten in Zukunft anerkannt werden könnte. Ebenso kann das basic income zur selbstorganisierten Qualifikation genutzt werden, um einen Wiedereinstieg in die Hochleistungsjobs zu erkämpfen.

Es gibt inzwischen sichtlich Informationseliten und eine Selbstreproduktion der Hochverdiener. Doch diese Struktur ist auch in der Vergangenheit gesellschaftlich wirksam gewesen, nur jetzt kann sie effektiver und produktiver zur Steigerung der Wirtschaftskraft genutzt werden.

Mit den beschriebenen Veränderungen in der Kulturförderung und der beschriebenen Akzeptanz der Kulturberufe wurde endlich offen ausgesprochen, dass das Programm der Europäischen Kulturhauptstadt nicht für die Förderung lokaler Akteure verausgabt wird und der Vitalisierung der Subkulturen und alter, lieb gewordener Traditionen der prämierten Städte und Regionen zu dienen habe, sondern ein gelungenes Programm für internationales Stadtmarketing ist. Kulturförderung ist wirtschaftsfunktional und muss sich nicht länger verschämt als weicher Standortfaktor feiern lassen oder einen unbegründbaren Eigenwert herausstellen. Die Kulturpolitikerinnen und Kulturpolitiker hatten längst erkannt, dass Kultur ein harter Standortfaktor ist, der sich nicht hinter anderen Regionalförderungen verstecken muss.

Ein Teil der Kulturförderung fließt endlich in die ohnehin nötige Entwicklung der ländlichen Räume nach Wegfall eines Teils der Agrarsubventionen und der agrarischen Produktion selbst. Der Europäische Binnentourismus und der Ausbau der ländlichen Kulturräume als Erholungsreservoir der Hochleistungsbeschäftigten sind zu wesentlichen Förderschwerpunkten geworden. Deren Bedeutung wuchs ohnehin unter den angespannten außenpolitischen Bedingungen, in denen sich die Europäische Union weiterentwickeln musste. Globales Reisen gilt längst als letztes Refugium für unverbesserliche Abendteurer, als Gefahr für Gesundheit, Leib und Leben, das keinerlei Beitrag für die Erholungsbedürfnisse leistet. Die Welt ist im globalen Mediendorf ohnehin verfügbar, lange schon in Echtzeit- und Echtraumrekonstruktion. Unsere Welt ist in 4D an jedem Ort virtuell erlebbar.

Bei der Evaluation der Programmstrukturen für den Kulturbereich sind immer wieder die hohen Investitionen in die auswärtige Kulturpolitik im Gespräch. Doch es wächst das Verständnis, dass die aufwändige Dokumentation der immer wieder aufflammenden sozialen und kulturellen Konflikte in den Europäischen Vorstädten als Schaufenster für die Welt genauso wertvoll sind wie die Festivals der Europäischen Klassik in den weltweiten Metropolen. Beides ist unerlässlich, damit sich vorrangig globale Funktionseliten und gut ausgebildete Fachleute für das alte Europa mit seinem reichen Musik- und Kunsterbe interessieren. Jene sind ohnehin „grundinformiert“ durch die elektronische Archive des google-Nachfolger k_space (für knowledgespace) und können das wachsende Weltwissen und dessen methodisch differenzierte Aufbereitung durch das Digital Archive des IWF von jedem Ort der Welt gebührenpflichtig ansteuern.

Seit 2020 förderte die EU weltweit Beethoven-Institute und konnte mit diesem Novum ganz offensichtlich effektive Botschafterinnen der modernen europäischen Wertedebatten etablieren. Ebenso erwies sich die Reduktion der Budgets zur Förderung der sprachlichen Vielfalt Europas mit dem Auslaufen des Junckerplanes als Motor für die alltägliche Festigung der verbliebenen Amtssprachen der EU: deutsch - französisch - englisch - spanisch - polnisch. Die Förderprogramme für arabisch und chinesisch, so die Einschätzung der Kommission, können nach der Förderperiode in die Mitgliedsstaaten überführt werden und werden den EU-Hausalt in Zukunft nicht mehr belasten. Mit dem Abrüsten der multilingualen EU-Bürokratie wären im Gegenzug endlich die bis dahin von den Mitgliedstaaten aufgebrachten Mittel für die Verstärkung der Übersetzer*innenleistungen in den Hotspots an den EU-Außengrenzen zum Teil aus dem EU-Budget zu bestreiten. Hier sind die Diskussionen allerdings noch nicht abgeschlossen…

II. „Freude schöner Götterfunken…“ Europa 2026 - Verfassungsmaxime: Gottesbezug

Jene Vision, in der ein Gottesbezug ganz anders als je geahnt in eine Europäische Verfassung findet, hatte Michel Houellebecq in seinem nicht gerade glänzenden, doch offenbar derzeit diskutabelsten Roman „Die Unterwerfung“ schon angedeutet. Etwas konkreter als im Roman sieht es nun so aus: Marie Le Pen und die Muslimbruderschaft unterwanderten 2016/17 mit Hilfe russischer Diplomaten die Genfer Friedensverhandlungen für Syrien. Jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger verließen Europa ein zweites Mal innerhalb eines Jahrhunderts Richtung USA und des vom Ausgang des Syrienkrieges stark bedrohten Israel. Die Türkei hatte sich als hegemoniale Regionalmacht im Nahen Osten mit Hilfe der EU fest etabliert, obwohl ihre abenteuerlichen Eskapaden mit einer Dauerbedrohung von Kiew bis Jerusalem für die EU-Diplomaten anhaltende Schwerstarbeit bedeuteten. Nur die Nato-Bündnistreue verhinderte seit dem ersten erfolgreichen Waffenstillstand im Syrienkrieg 2021, dass das hochgerüstete Israel nicht zur offenen Zielscheibe des bis zum Rand mit Waffen gefüllten Nahen Osten wurde.

Der christliche Gottesbezug wurde - wie schon einmal beinahe zu Ende diskutiert, als noch die Verfassungsdiskussion 2005 im vollen Gange war - 2020 verbindlich in die Europäischen Verträge aufgenommen. Der Britten- und Polenrabatt, ist inzwischen durch ein kompliziertes Rabattsystem ergänzt.[2] Die Sitzungen des Europäischen Rates haben Nachjustierungen zu diesem Regelwerk als ständigen Punkt bei jedem Regierungsgipfel auf jeder Tagesordnung. Diese, wie alle anderen Sitzungen der Europäischen Institutionen werden seit der letzten Förderperiode, auch auf Drängen der Kulturpolitikerinnen und Kulturpolitiker, sowie diverser Europäischer Bürgerinitiativen, live übertragen. Die nationalen Medien bereiten diese Schlachten als einem bunten, heftigen und diskussionsfreudigen Europäischen Dialog auf, der die Politik in den Mitgliedsstaaten, auch den großen, mitbestimmt.

Dem wirkt ausgleichend entgegen, dass diverse Programmschwerpunkte im Kulturbereich sich mit der Vertiefung des religionsgeschichtlichen und religionspraktischen kulturellen Erbes Europas auseinandersetzten und dies als verbindendes Element eines wachsenden Europäisches Identitätsverständnisses neben den nationalen Souveränitäten aufarbeitet. Die ideologische Kongruenz manch rechter und linker Vordenker*nnen, die sich auf der europäischen politischen Bühne lange erbittert bekämpft hatten, konnte endlich produktiv ausdiskutiert werden. Linke Vordenker*innen aus Deutschland, erkannten schon vor zwei Jahrzehnten, dass „Die Chance aus dem hundert Jahre alten Ghetto der vaterlandslosen Gesellen zu entkommen“ oft besonders von der „Westlinken“ vertan wurde und schlugen deshalb vor, dass Linke „nicht einem abstrakten Europäer oder unbehausten Weltbürger das Wort reden (sollten), sondern Menschen in ihren konkreten ethnisch-kulturellen Beziehungen sehen (sollten).“[3] Und damit stand die deutsche Linke nicht allein. Noch weit entfernt, mit Le Pen zu paktieren, bekannte sich ein paar Jahre später ein französischer Linker auf dem Gipfel der Eurokrise, die mit einer Exekution nationaler Demokratie an der griechischen ersten Querfrontregierung einherging: „Vor die Wahl zwischen Euro und der Souveränität gestellt, entscheiden wir uns für die Souveränität.“ Die, damals noch häufig aus einem säkularen, wirtschaftspolitischen Zusammenhang formulierten Positionen fanden schnell Anschluss an eine intensive Ansprache an die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler in den Nationalstaaten, die die Herausforderungen eines geeinten Europas mit einer verbindenden Identität nicht aufgeben wollten.

Identität- und Souveränitätsdebatten fanden Anschluss an eine modernisierte Religiosität, die einen rituellen Zusammenhang europäischer Debatten liefern konnte, also de facto die kulturelle Praxis zur Theorie darstellte.

Bildungseinrichtungen, Kulturinstitute und Medien bevorzugen heute sichtbar Trauergottesdienste, Morgenandachten und kirchliche Feiertage, um gesellschaftliche Ereignisse öffentlich zu gestalten, zu würdigen und zu debattieren. Die Kirche wurde nach Jahrhunderten ihrer beinahe nur noch touristischen Bedeutung wieder zu einer massenkulturellen Institution. Die bessere Ausstattung von Lehrangeboten und -stühlen für Theologie und Religionswissenschaft wird mit einem Sonderprogramm europaweit gefördert.

Multikulturalität wird in der Europäischen Öffentlichkeit zunehmend als das, was sie geschichtlich schon immer war, gefördert: als Multireligiosität. Selbst Freikirchen und der über Jahrhunderte starke von den Niederlanden ausgehende Humanismus hatten sich immer schon in Abgrenzung zu den Kirchen definiert. Dabei hatten sie nie den rituellen Bezug verloren und den Andachts- und Gemeinschaft stiftenden Charakter in der Lebensorganisation von Atheistinnen und Atheisten verschwiegen, wie deren kulturellen Traditionen von der Namensgebung, Jugendweihe usw. deutlich zeigten.

In einem rasanten Tempo entstanden ein weltoffener Diskurs und eine erneute Vertragsänderung der EU-Verträge. Der einengende christliche Gottesbezug von 2020 wurde 2022 in einer neuen Präambel in einen nicht religionsspezifischen Gottesbezug geöffnet. In den Europäischen Verträgen wurde der 9. Mai als Europaweiter Feiertag des Glaubens festgehalten, an dem Familienfeste und der Schutz des Lebens zelebriert wird. Dieser Tag ist heute Symbol des freien Denkens, getragen von den Jahrhunderte alten religiösen Traditionen Europas.

Die vorgegangene, heftige Wertediskussion wurde als Versöhnungsprozess mit der Tradition der Aufklärung verstanden. Immerhin kam die Proklamation der individuellen Freiheitsrechte in der Trias von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auch ohne einen gesonderten Bezug zu Frauenrechten oder Rechten von Sklaven aus. Menschenrechte sind unteilbar. Die zweihundert Jahre währende Debatte um differenzierende Minderheitenrechte, die Identitätspolitiken von Frauen, Queers, Behinderten, Migranten hatten sich offensichtlich zu einem bevölkerungspolitischen Damoklesschwert für die biologische Reproduktion Europas entwickelt. Sie beförderte nichts als Beziehungsunfähigkeit und Einsamkeit. 2016 nahm der Marktführer bei den Streamingdiensten die einzig sinnvolle politische Antwort auf dem Irrweg der verlorenen Individualitäten vorweg. Maxdome löschte die Rubrik der Queerfilme mit über 400 verwirrenden Angeboten zugunsten einer gesellschaftlich akzeptierten und gelebten „Familienfreundlichkeit“. Maxdome war zuvor ohnehin der einzige Streamingdienst mit dieser Sparte. Der Markt zeigte damit seine selbstregulierenden Fähigkeiten auch auf wertstabilisierendem Terrain.

Die Einbindung der Aufklärungsideen in den traditionsreichen religiösen Diskurs der Europäischen Werte wurde als befreiende Korrektur aus der Werteverzerrung des 20. Jahrhundert, als bejahender Ausweg aus individualistischen Freiheitsvorstellungen erlebt, die das bittere Jahrhundert der Extreme hinterlassen hatte, in denen Europa immerhin zwei Weltkriege angezettelt hatte.

Gott, welcher auch immer, wurde zur Wahrheit oder Offenbarung über das Leben des Einzelnen in seiner familiären Gebundenheit, gab Sicherheit und Antwort auf Fragen der Lebensführung. Die humanistische menschenrechtliche Tradition der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wurde positiv transformiert. Kein Individuum stand ohne Schutz der Gemeinschaft, ohne Fürsorge in sozialen Fragen. Der säkulare Sozialstaat wurde in ein umfassendes caritatives Sicherungssystem transformiert, indem Familie und staatliche Fürsorge Hand in Hand gingen.

Auch wenn dies nicht so ohne weiteres zu erwarten war, verschwanden mit diesen Entwicklungen die - besonders in Europa - lange Zeit heißt diskutierten Fragen des Datenschutzes. Noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts hinderten die Datenschutzregulierungen und andauernden Initiativen die Gesundheitsunternehmen und das regulierende Staatswesen. Sie schränkten eine sinnvolle gesundheitlicher Betreuung und einen zielgerichteten Umgang mit den Bedürfnissen der Verbraucherinnen und Verbraucher massiv ein. Die lang anhaltende Skepsis wich zunehmend einer öffentlich erfolgreich verhandelten und allgemein akzeptierten Erkenntnis, dass von der Grippebekämpfung bis zur Fitness eine gute Begleitung staatlicher Institutionen und der Gesundheitsunternehmen nur für alle garantiert werden kann, wenn der durch Daten erfasste

Zugang zum körperlichen und seelischen Zustand und zu ideellen Vorstellungen und Befähigungen der Einzelnen für staatliche Institutionen, Gesundheits- und andere Unternehmen flächendeckend möglich ist. Diese Einsichten, die gewachsene politische Vernunft der Bürgerinnen und Bürger in die sorgsame institutionelle Verarbeitung persönlicher Daten, wurden mit einer umfassenden EU-Förderung in den letzten Tagen des Junckerprogrammes begleitet.

Kultur-, Medien- und Internetkompetenz dienten der Teilhabe aller am Informationsaustausch zu Fragen der Familiengründung, des Glaubens und des Staatswesens. Die Konflikte auf diesem Wege wurden, wie schon angedeutet, intensiv verhandelt, so dass Medien- und Glaubensfreiheit sich der neuen europäischen Idee eines abendländischen Gemeinschaftswesens selbstbestimmt verschreiben konnten.

Medienfreiheit ist auch vor 2026 eine dienende Freiheit gewesen und hatte die Europäischen Werte der Freiheit und Gleichheit zu verteidigen. Die Gemeinschaftlichkeit, früher noch unter der Vokabel Brüderlichkeit verhandelt, kam im stattgefunden Wertewandel endlich zu ihrem verdienten Recht und war umfangreicher Gegenstand der kulturellen Debatten des neu erwachten Kontinents.ƒ

Es setzt sich die Auffassung durch, dass andere Kontinente ihren eigenen Weg finden müssen. Da sich Europa nach der schweren Flüchtlingskrise 2015/16 selbst geholfen und neu erfunden hat, gilt für Europäerinnen und Europäer nun als universell und unteilbar, also im global Maßstab: Wenn jeder sich in seiner Gemeinschaft selbst hilft, ist allen geholfen.

Intermezzo

Eine wünschenswerte, einigermaßen realistische Zukunft zu formulieren, ist ein schwieriges Unterfangen. Lieber würde ich an dieser Stelle sofort zugeben, dass ich keine Lösungsvorschläge angesichts des derzeitigen Zustandes der EU, ihrer Institutionen und mancher Entwicklungen in den Mitgliedstaaten habe. Ich bin ratlos, was das geopolitische Management der Großmächte betrifft und frage mich, ob Millenniumsziele oder Weltinformationsgipfel noch mehr wert sind, als das Papier, auf dem die edlen Wunschzettel einer gerechteren Welt stehen.

Sicherlich fragen sich einige, die den Gedankenexperimenten gefolgt sind, ob hier eigentlich noch Kulturpolitik verhandelt wird? Was haben diese Szenarien und Skizzen mit dem offensichtlichen Fokus auf Wertedebatten und konkret mit Kulturförderung zu tun? Kulturpolitik hat sich doch um Strukturen und gute Rahmenbedingungen für künstlerisches Schaffen zu bekümmern. Und frei waren die Künste doch schon immer, zumindest haben wir sie so zumeist rezipiert, ob nun vor oder nach der Aufklärung, ob im religiösen oder weltlichen Gewand.

Immerhin gehen viele Menschen einfach davon aus, dass die tendenzielle Freiheit der Kunst, Medienfreiheit, informationelle und persönliche Selbstbestimmung in europäischen Gesellschaften nicht umzuwerfen sind oder ernsthaft zur Disposition stehen. Das sehe ich tendenziell anders. Die Umbrüche drängen sich immer heftiger in unseren Alltag. Aktuell müssten wir nur nach Ungarn, Polen oder Frankreich blicken. Und letztlich wäre es sogar hinreichend, unseren unmittelbaren Alltag aufmerksam zu verfolgen, wie zum Beispiel die stillschweigende Zunahme von Gottesdiensten bei staatlichen Festakten, die verhandelten Menschenbilder und die Lebenswelten, die uns von der Versicherungsindustrie bis zur Pflegepolitik, in der Innen-, Sozial, Beschäftigungs- und Außenpolitik begegnen. Wir würden hinnehmen müssen, dass auch andere Entwicklungen diagnostiziert werden können: Rassismus, Nationalismus, Elitediskurse und patriarchale Familienbilder unter Berufung auf das christliche Abendland werden am laufenden Band präsentiert und verhandelt, und dies nicht nur bei der AfD.

Was die Kultur einer Gesellschaft ausmacht, ist nicht wirklich kongruent mit dem, was klassische Kulturpolitik im Visier hat. Sicherlich ist das auf vielen Ebenen verwaltete Institutionengefüge, mit dem sich Kulturpolitik auseinandersetzt, am demokratischen Dialog einer Gesellschaft beteiligt. Praktizierte Kulturpolitik kann gut mitspielen, bremsen, dynamisieren, wenn sie diverse Rechtsakte verfolgt, die die Theater- und Musiklandlandschaft, den Buchmarkt, die Filmbranche, soziokulturelle Zentren, Museen, Bibliotheken, die Gedenkstättenkonzepte und die Bildung betreffen. Damit beeinflusst sie durchaus Wertedebatten einer Gesellschaft. Kultur-, Medien- und Bildungspolitik , auch Sport und Touristik. Kulturpolitik verantwortet mit, WER in der Lage ist, Wertedebatten öffentlich zu führen und zu beeinflussen. Bildung, Schulen, Theater, Bibliotheken, die sozial ausgrenzen, bewirken, dass Menschen, die einen Teil der Institutionen nicht benutzen oder betreten, sich kaum an der Konstitution von Öffentlichkeit beteiligen, es sei denn sie sind ökonomisch in der Lage, Bildung zu kaufen und Meinungsstärke über Marktmechanismen in die gesellschaftliche Debatte einzuspeisen. Ohne gute Rahmenbedingungen, Förderung und gut zugängliche Angebote ist ein kultureller Dialog, der alle einbindet, ausgeschlossen. Scheinbar einfachste kulturpolitische Entscheidungen, getroffen aus Situationen der Unterfinanzierung, z. B. gegen die gute Ausstattung öffentlicher Bibliotheken mit vollem Zugriff auf das Internet zugunsten der Weiterförderung des Stadttheaters bei gleichzeitigem Ausstieg aus vernünftigen Arbeitsverträgen, kann langfristig verheerende Folgen haben. Unterm Strich kann sich die Konkurrenzentscheidung zwischen Stadtbibliothek und Theater letztendlich gegen das Theater selbst richten, da - siehe „The show must go on“ - ein Privatinvestor die Subventionen des städtischen Theaters einige Jahre später erfolgreich weggeklagt hat, weil ihm das TTIP ermöglichen könnte. Wenn dann keine Stadtgesellschaft hinter einem Theater steht, das alle wollen und brauchen, wird es geschlossen.

III. Aufklärung reloaded? Europa 2026 - Kommunikation, Kunst und Information für alle

Unabhängig aller Kämpfe um die modernen Funktionen tradierter Kulturinstitutionen, wurde ein umfassendes gut ausgestattetes europaweit vernetztes modernes Bibliotheksprogramm erkämpft, das 2026 gut genutzt und anerkannt ist. Bibliotheken gelten endlich als modernisierte Zeichen eines kulturellen Selbstverständnisses, das zum Inhalt hat, wir können Wissen zum Nutzen aller teilen. Zugleich ist mit einem guten Netz an Bibliotheken als moderne Kultur- und Veranstaltungsorte eine Politik verbunden, in der diskutiert wird, wie umfangreich uns allen öffentliche Räume gehören und wie wir lokales Handeln und globales Denken praktisch machen können.

Die großen Bibliotheksverbände, die europaweit aktiv sind, hatten seit langem ein vitales Interesse an einer Harmonisierung des Europäischen Urheberrechts angemeldet. Sie standen gemeinsam mit Verbraucherverbänden und selbst modernen Marketingstrategen auf Seiten der wachsenden Akzeptanz, dass Nutzerinnen und Nutzer nicht nur spezifische Mitgestaltungsrechte auf Plattformen, bei der Nutzung von Diensten und älteren Kulturinstitutionen, wie den Rundfunkräten und Theaterverbänden haben, sondern auch grenzüberschreitende Rechte für den Schutz ihrer Bilder, Texte, die sie in die Kommunikation einspeisen.

Der Zugang zu Kultur, Kommunikation und Wissen ist 2026 weitgehend in öffentlicher Kontrolle gesichert, durch demokratisch kontrollierbare Eigentumsformen, die Mitsprache der und Gestaltung durch Bürgerinnen und Bürger zulassen. Sie sind als Orte öffentlicher Debatten zugleich auch ein Motor für die regionale Wirtschaft. Das moderne Bibliothekswesen 2026 - erkämpft durch allgemeine städtische, National- und Hochschulbibliotheken, durch Netzaktivisten und Kommunalpolitikerinnen hat sich endlich der lange liegen gebliebenen Aufgabe, der Sicherung des kulturellen Erbes (einschließlich Filme) verschrieben. So ist ein produktives Gegengewicht zum durchaus interessanten googles books Projekt entstanden. Heute sind Bibliotheken so etwas wie öffentliche Kommunikationsorte, virtuelle Fahrbibliothek über Land und örtliche Touristikinformation.

Bibliotheken liefern 2026 das Grundgerüst diverser, interessanter Kulturinstitutionen in Gemeinden und Städten, Hotspot des öffentlichen unmittelbaren kommunikativen und elektronischen Netzes. Bibliotheken sichern nicht nur den Zugang zum kulturellen Grundbedarf, sondern entwickeln sich zu Weiterbildungsinstitutionen des digitalen Wissens- und Kommunikationserwerbs für den Alltag.

Das digitale Bibliotheksprogramm 2020 - 26 hat, wie sich heute, 2026, abzeichnet, den regionalen Buchläden und einem Teil des regionalen Gewerbes das schwere Überleben gesichert. Buchläden wurden zu kompetenten Auswahl- und Bestellkoordinatoren im Dschungels des Onlinebuchmarktes und versahen damit einen Teil der Funktionen, die im analogen Zeitalter noch von Bibliothekaren angeboten wurden. Diese haben allerdings reichlich in den modernen Bibliotheken zu tun.

Mit der erfolgreichen Bibliotheksinitiative, die mit der Urheberrechtsharmonisierung innerhalb der EU 2015/16 ganz klein begann, entwickelte sich zunehmend auch ein neues Verständnis, sich gegen die Überwachung und Privatisierung des öffentlichen Raumes zur Wehr zu setzen. Orte mit freiem, sicheren WLAN haben sich in den vorangegangenen zehn Jahren vervielfacht. Sie erwiesen sich damit auch als Schutzschild gegen die nervigen individuellen Überlastungen der ersten Jahre des digitalen Wandels, die den Alltag vieler erheblich durcheinanderbrachten. Mobile Dauerverträge für elektronische Geräte wurden zu einem alten Hut, den sich kaum noch jemand aufsetzt. Es wuchs die Bewegung für die alltägliche Wiedergewinnung netzfreier Orte, ob daheim oder unterwegs. Kinderkrankheiten und verwirrende Suchbewegungen aus der Anfangszeit der digitalen Kommunikation sind verschwunden, Entschleunigung, auch die elektronische ist ein Moment, das dem Wachstums- und Wettbewerbsfetischismus des 20. Jahrhunderts endlich Paroli bietet.

Teilen wurde nicht nur als Maxime des Wissensaustausches entdeckt. Heute ist das globalen Teilen - und zwar ganz praktisch - das große kulturelle Thema, um das gängige Abtauchen der politischen Eliten vor den Klimakrise und den weltweiten Konflikte endlich aufzubrechen.

Zu den klassischen politischen Forderungen der open software Bewegung und der freihandelskritischen Bewegungen, die für mehr faire Hardware stritten, gesellte sich die aus den Bibliotheksinitiativen erwachsene Bewegung für mehr globale Gerechtigkeit bei der Beseitigung von Datenmüll und Bilderflut.[4]

Noch vor zehn Jahren, also zu Beginn des Kommissionsprogramms von Junker 2014/2015 konnte man allgemein festhalten: Kulturpolitik war, wie andere Politiken auch, ein gewachsener Zusammenhang, der sich viel zu oft seinen speziellen kulturellen Bereich klein definierte. Doch schon damals - und da war durchaus ein Moment der Öffnung enthalten - befasste sich der Kulturausschuss des Europäischen Parlaments zunehmend genauso intensiv, wie mit der Lage klassischer Kulturinstitutionen, mit viel Medienpolitik, Netzpolitik, Sport, Tourismus, Bildung, Hochschulen, zum Teil Beschäftigung und den creative industries.

Immerhin, diese unterschiedlichen Welten - so wie der öffentliche Rundfunk, der selbst fast schon am Verschwinden und von den großen Plattformen vor sich her getrieben worden war - wurden diese Politiken schon damals nicht in Arbeitsgruppen und Unterausschüsse verbuddelt. Doch die grundlegende „Restmittelideologie“ gegenüber kulturellen Institutionen blieb noch lange dominant. Da halfen auch nicht die schönen Reden, dass Kultur- oder Bildungssubvention doch eigentlich Investitionen sind. Diese Auffassung, trotz größerem Budget (vergleiche Abschnitt I, nur anders verwendet) brauchte noch lange, bis sie große Akzeptanz fand. Eigentlich ist es erstaunlich, dass es so schwierig durchzusetzen war, dass großzügige Rahmenbedingungen etwas kosten, eine Kulturlandschaft, in der unsere Gesellschaft den modernen Kulturaustausch, den Wissenserwerb, eine demokratische Kommunikation - ohne soziale Beschränkung und thematische Fragmentierung - in einer globalen Welt vollziehen kann, nicht einfach vom Himmel fällt und schon gar nicht von Unternehmen in der erforderlichen Vielfalt zur Verfügung gestellt wird.

2026 müssen sich Kulturpolitikerinnen und Kulturpolitiker nicht mehr hinten anstellen, wenn der digitalen Wandel verhandelt wird. Während früher der Industrie- und Verbraucherschutzausschuss, natürlich ohne ernsthaften Kulturcheck in allen Fragen der modernen Kommunikation federführend waren, ist 2026 keine wirtschaftspolitische Entscheidung oder Richtlinie denkbar, deren Auswirkung nicht auch auf eine Freiheit des kulturellen Austausches getestet wurde.

Netzpolitik wird 2026 nicht mehr irgendwo zwischen Innen- und Rechtspolitik verhandelt, sondern in einer ressortübergreifenden Internetpolitik. So lässt sich endlich ausschließen, dass fachfremde, wenn auch hochausgebildete Juristinnen und Juristen Gesetzesvorschläge erarbeiten, die letztlich die journalistische Freiheit untergraben, Blogger gängeln oder die Rechte von Kulturproduzenten wie Rezipienten sanktionieren, weil große Verlage, Verwertungsgesellschaften und Filmproduzenten sich als Schutzpatrone der kreativen Urheber inszenieren. Diese Konfliktebene, die lange genug die Harmonisierung eines Europäischen Urheberrechtes blockierte, ist 2026 endlich in einem fairen Ausgleich zwischen Produzenten, Urhebern und Nutzern geronnen. Auch Verlegerinnen und Verleger haben darin ihre moderne Aufgabe der Talentpflege und Vermarktung wiedergefunden. Dafür werden überdies spezielle Förderprogramme aufgelegt, nach dem die alte und unfaire Umwegfinanzierung über Vergütungen aus Kopierpauschalen endlich den Urhebern voll zugutekam.

Die Institutionalisierung einer eigenständigen Netzpolitik 2026 führt dazu, dass in ebenfalls eigenständigen Ministerien, die wirtschaftlichen und kulturelle Dimensionen (Bildung, Medien eingeschlossen) gemeinsam verhandelt wurden.

Der gesellschaftspolitische Ansatz einer für alle nutzbringenden Netzpolitik hat sich im politischen Feld erfolgreich institutionalisiert. Dass dafür eine völlige Revision des Institutionengefüges der EU nötig war, muss ich den politischen Interessierten hier kaum ausführen. Ein Europäisches Parlament mit Initiativrecht, das endlich in der 19. Legislaturperiode auf dem Tisch lag, war dabei das Mindeste. Und auch ein Parlament, das die Geschicke des Kontinents diskutiert und mitentscheidet, hat nun endlich eine vernünftige Bibliothek und einen wissenschaftlichen Dienst, der den Namen verdient. Die Verschiebung der Entscheidungskompetenz hin zum Rat, die sogenannte Gouvernementalisierung Europäischer Politik, hat sich von 2016 bis 2026 umgekehrt. Das war eine überfällige Voraussetzung, damit Europäische Bürgerinitiativen, aber auch die Europawahlen selbst eine andere Bedeutung bekommen konnten. Der Anlauf eines erneuten Verfassungsdiskurses, der mit den Europawahlen 2019 immer lauter wurde, war gleichfalls entscheidend, um das unübersehbare Demokratiedefizit, das Rechtspopulisten immer mehr in die Hände spielte, produktiv anzupacken. Damit wurde der Einfluss eines Demokratieverständnisses, welches sich nur an formalen Verfahren orientiert und keinerlei Bildungsaspekt und sozialen Zugang thematisierte, erfolgreich zurückgedrängt. 2026 sind europapolitische Debatten in den Regionen keine Stiefkinder mehr, sondern Alltag zur Lösung politischer Vorhaben.

Während noch vor zehn Jahren Kulturförderung für die einen nur als Standortfaktor Sinn ergab, war für andere die innige Beschäftigung mit den creative industries ein gefundenes Fressen, um neue Ideen für eine de-regulierenden Arbeitsmarktpolitik auszubrüten. Wieder andere befanden, Kulturaustausch ist das perfekte Schmiermittel, um hegemoniale Diskurse im Ausland zu entfachen. Oft wurden kulturelle Begegnungen als der befriedende Kit erlebt, der verhinderte, dass man sich nach dem 13. November 2015 in Paris nicht gleich dem Kulturkampf Huntigtons verschrieb, sondern stattdessen ein befriedender Dialog starker Eliten durchsetzte.

2026 ist allgemeiner Konsens, dass der interkulturelle Dialog, dass die Rahmenbedingungen für eine offene demokratische Auseinandersetzung, die Wertedebatten in unseren Gesellschaften, nicht unbedingt allein durch die aktuellen Aktionsprogramme Europäischer Kulturpolitik vermittelt werden. Das tradierte Ensemble von Künsten und absolut modernisierten demokratischen Bildungsinstitutionen, sowie die neue Bedeutung der Bibliotheken als öffentliche Orte der weltweiten Kommunikation waren genauso wichtig für die gesellschaftlichen Wertedebatten wie flexible und zugleich sichere Jobs, offene Familienformen, gerechte Geschlechterverhältnisse, bürgerfreundliche Rechtsinstitutionen, Bürgermedien, das überall zugängliche kostenlose Netz usw.

Letztlich ist Kultur nur eine Dimension gesellschaftlicher Entwicklung. Und so gesehen, hatte schon immer jedes politische Ressort eine Art kulturelle Dimension, und genau deshalb gab es auch schon lange Überlegungen, ähnlich einem Gendermainstreaming (bei aller Problematik) oder einer Sozialklausel, eine Art Kulturklausel bei allen Rechtssetzungsakten der Europäischen Union geltend zu machen. Daran wurde lange gefeilt, eine offene Debatte mit diversen Lobbyisten geführt, um eine Art Check zu entwickeln, der Prüfkriterien vorhält, was dieses oder jenes politische Vorhaben für den offenen kulturellen Dialog, für Wertedebatten, informationelle Freiheit, den Zugang zu Bildung, Wissen, Kommunikation für Auswirkungen hat. Diese Kulturklausel Europa 2025unterliegt jetzt einer fünfjährigen Evaluation. Mit dem Jahre 2026, zu Beginn der neuen Förderperiode, wird die Kulturklausel in den Europäischen Verträgen verbindlich.

Diese Entwicklung half auch der Kulturpolitik im engeren Sinne auf die Sprünge, die nun genauer zu prüfen hatte, wer von den Kulturpreisen profitiert, wie nachhaltig sie eine Stadt, die Film- oder Musiklandschaft, die Bildwelten oder den Buchmarkt wirklich veränderten oder die Entdeckerarbeit der regionalen Kulturproduzenten gefördert wurden. Mit einer Kulturklausel hätten wir uns manch Irrwege - vom Zero-Rating bis zu den omnipotenten Spezialdiensten -, die noch bis 2020 drohten die Netzneutralität zu durchlöchern, sparen können.

Mit einer Kulturklausel wären die Auswüchse der Exzellenzinitiativen und des Rankings in Bildung, Kultur und Medien wesentlich schneller bei einem sachlichen Qualitätsmanagement angekommen. Die mit dem Wettbewerbsgedanken zerstörte Vielfalt von Bildungsinstitutionen hätte nicht wieder mühselig zum Programmschwerpunkt 2020 - 2026 erhoben werden müssen, sondern hätte sich im fröhlichen Wildwuchs weiter entfalten und unterschiedlichen Bedürfnissen entsprechend qualifizieren und ausdifferenzieren können.

Der Datenschutz wäre nicht so aufwändig in die Annexe von Handelsverträgen eingefügt worden und die langanhaltende Ignoranz gegenüber der miesen Beschäftigungssituation in den creative industries wären viel früher als dringende Herausforderung, sie durch gute Arbeit zu ersetzen, erkannt worden.

Jetzt haben wir den Kulturcheck 2026, das überall übliche Internetministerium, den Internetausschuss, die neue Bibliotheks- und offen zugängliche Netzlandschaft. Damit wird endlich deutlich, dass die Medienpolitik aus dem Schattendasein von Kultur- und Wirtschaftspolitik tritt. Kultur wird ohnehin auch als medial vermittelte Kultur verstanden. Medien, als öffentliche Institutionen mit dem Bildungs-, Informations- und Unterhaltungsauftrag und das Internet, als gesellschaftliche Betriebsstruktur der modernen Demokratie werden lange schon zusammen gedacht. Die Unterscheidung von linearen und nichtlinearen Diensten wurde schon bei der Revision der Audio-visuellen Medienrichtlinie 2017 aufgehoben. Das war noch zu Zeiten, als der digitale Wandel explizit und beinahe ausschließlich auf dem Felde des digitalen Binnenmarkts diskutiert wurde.

Noch vor ungefähr zehn Jahren passierte es, dass in Erläuterungen zu Europäischen Programmstrukturen für die Kultur[4] (umfasste damals Kultur, Medien und Film), innerhalb des Großprogramms „Creative Europe“, welches mit lächerlichen 1,46 Mrd.[5] € budgetiert wurde, solch absurde Passagen für das „Unterprogramm“ MEDIA - das insgesamt 56 % des Budget ausmachte, Folgendes zu finden war, wenn es um den „Start in die digitale Zukunft“ ging, der eigentlich schon mindestens zehn Jahre tobte: „Das Programm ‚Kreatives Europa‘ soll die Kultur- und Kreativbranche dabei unterstützen, die Chancen im Zuge des digitalen Umbruchs optimal zu nutzen. Um diesen Änderungen gerecht zu werden, steht im ‚Aktionsplan ‚Verbreitung europäischer Filme im digitalen Zeitalter‘, der den Übergang in das digitale Zeitalter unterstützen soll, ein Budget von 2 Millionen. € zur Verfügung…“

Es erübrigt sich ausführen, was mit zwei Millionen, verteilt über sieben Jahre gefördert werden konnte. Im Verhältnis zum Budget hätte man sich die Zweckbindung, die bessere Verbreitung Europäischer Filme einfach sparen können. Sicherlich wurden Filme auch an anderen Stellen gefördert, zum Beispiel durch den weitgehend außerhalb des Parlaments unbekannten LUX-Preis. Aber selbst da leisteten die Medienanstalten der Länder die Löwenarbeiten. Verbreitet wurde der LUX-Preis außer bei ARTE bei keinem einzigen öffentlichen Fernsehkanal in Europa, weil die Untertitelung der Filme in 27 Sprachen jedes Jahr so lange dauerte, dass der Bezug zum Preisereignis völlig verloren ging. Zu diesem - auch in anderen Bereichen nicht ganz untypischen - Umgang mit Kultur, nicht einmal zehn Jahre her, fällt einem nur das alte Bonmot des Theaterdramaturgen Sewan Latchinian ein, der damals angesichts der chronischen Unterfinanzierung des „Kulturbereichs“ ausrief: „Kultur kostet, Unkultur kostet mehr.“

Derartige politische Fehlleistungen, hier geschildert am Beispiel einer schönen Idee bei gleichzeitiger völliger Unterfinanzierung, sind 2026 weitgehend überwunden.[6]

Es gab vor zehn Jahren auch gute Ansätze in der Europäischen Kulturpolitik, die 2026 noch aktuell sind. Zu Beginn des Jahres 2016 wurde der Initiativbericht des Europäischen Parlaments zum Interkulturellen Dialog[7] verabschiedet. Er enthielt schon damals viele Ansätze, die heute Grundbestand der gesellschaftlichen Debatte sind. Dieser damals völlig unbeachtete Bericht des Kulturausschusses fragte schon damals, wo und wie langfristig Integration in eine offene Gesellschaft stattfindet, was endlich passieren muss, dass sie gelingt und nicht Jahrzehnte Probleme auftürmt und ungelöste globale Konflikte nur verstärkt werden. Es brauchte weitere zehn Jahre bis diese Debatte in der gesamten EU-Politik angekommen war.

Schlussbemerkung:

Ohne Kritik an den praktizierten kulturpolitischen Strukturen und der völlig veränderten Bedeutung von Kulturförderung 2026, hätten wir viele gesellschaftliche Aufgaben, wie den digitalen Wandel, die neuen Formen des Wissenserwerbs und der Kommunikation, die Sicherung von guten Jobs und demokratischer Aushandlung, von Bildung und Information für alle, nicht im Ansatz geschafft. Die soziale und kulturelle Integration innerhalb eines weltoffenen Europas wäre ein frommer Wunsch geblieben. Es war gut, dass die weitreichende Debatte um den Stellenwert kultureller Vielfalt und des demokratischen Dialogs erkämpft und die Kultur- und Medienförderung nicht weiterer Ignoranz und Instrumentalisierung unterworfen wurde.

Die Umkehr zu dem, was wir heute Kulturpolitik 2026 nennen können, wurde einer Dimension gerecht, die das Spektrum der Herausforderungen neu definierte, um brüchig gewordene Rahmenbedingungen zu rekonstruieren, in denen sich traditionelle Kulturinstitute - wie Theater, Museen, Ausstellungs- und Konzerthallen - weiterentwickeln konnten und moderne elektronisch voll zugängliche Bibliotheken einen neuen Stellenwert einnehmen.

Bildungsinstitutionen, Medien, die die Akzeptanz ihrer Existenzberechtigung in einer breiten öffentlichen Debatte gegenüber den Plattformen der weltweiten Telekommunikationsbranche wiedergewannen, verbinden beute geschichtliche Auseinandersetzung mit Zukunftslaboren, sind Zeitraffer und auch freie Orte der Gegenwartsdebatten.

Diese umfangreiche geförderte institutionelle Kulturlandschaft ist als öffentliches und gemeinnütziges Angebot 2026 anerkannt. Sie wird - wie zu allen Zeiten - durch innovative Impulse und höchst unterschiedliche massenkulturelle Produktionen der Kulturwirtschaft und freien Szenen ergänzt. All dies trägt auf seine Weise zu einem offenen, demokratischen Dialog europäischer und global unteilbarer Werte bei, zu Freiheit und Selbstbestimmung, und hat den Gerechtigkeitsdiskurs aus seinem eurozentristischen Korsett befreit. Die Kultur des Teilens wurde aus der Klicklandschaft zurück ins Leben zurückgeholt, nicht als einfache share-economy, sondern als gesellschaftliche Herausforderung globalen und lokalen Handelns.

Der Bedarf nach Kulturaustausch und kultureller Vielfalt hat sich 2026 intensiviert und globales Lernen und Teilen, vereinfacht. Wie sich Kapitalströme und -fraktionen in diesen Welten bewegen, hatte Google und Facebook auf seine Weise vorgemacht, auch, dass sie von der Bedeutung von Bibliotheken und Kommunikation einiges verstehen. Es hat gedauert, bis Politik endlich begriffen hatte, dass Kulturpolitik nicht das Letzte sein kann, was uns bewegt.


[1] Migrationsforschung macht darauf aufmerksam, dass Minderheitenrechte ohne besondere politischen Wellen unter einer 15%-Grenze Gesellschaft nicht relevant werden, Minderheitenperspektiven im Alltag kein Gehör geschenkt wird und sie damit nicht in relevante demokratische Entscheidungen eingreifen.

[2] Wir folgen hier derselben Hypothese, wie im ersten Szenarium des Europas der neoliberalen Freihandelswelt, dass das Brexitvotum gegen den starken Widerstand Deutschlands, letztlich von der repräsentativen Demokratie Großbritanniens nicht umgesetzt wurde. Dafür gab es viele innenpolitische (drohende Ablösung Schottlands), wie europäische Gründe (Kettenreaktion von nationalen Referenden, die vor allem von rechtspopulistischen Netzwerken gesteuert wurden), die an dieser Stelle leider nicht weiter erörtern werden können.

[3] aus Maurer, Modrow: „Überholen mit links…“, Berlin 2005

[4]Aus der Broschürenreihe: Die Europäische Kommission erklärt: Kultur und audiovisuelle Medien, Nov. 2014, S. 11 - Die Veröffentlichungsreihe ist online zu findenhttp://www.creative-europe-desk.de/downloads/EU_erklaert_Kultur_Audiovisual.pdf, ISBN 978-92-79-41535-7

[5] Selbst diese lächerliche Summe war damals ein Aufwuchs von 9 % für den sich Kulturpolitikerinnen und Politiker noch immer artig bedanken.

[6] Hier kurz die 2016er Perspektive: Ob dies in Zukunft aus einem Ende der protektionistischen Europäischen Agrarpolitik oder deren Ende durch TTIP (siehe Zukunft 1) bezahlen wird, sei jetzt mal dahin gestellt. Das ist fast eine andere Debatte. Doch eine angemessene Kulturfinanzierung 2026 steht ganz oben. Es gibt ja noch mehr Etats, die einer friedlichen Entwicklung und einem angemessen kulturellen Dialog massiv m Wege stehen.

[7] Unter dem Titel: „Wertedebatten sind keine Nischenthemen“ wurde der Ansatz des Berichtes verteidigt und zugleich kritisch ins Verhältnis gesetzt zu seiner realen Bedeutung für die Europäische Politik, 10.12.2015 siehe http://www.dielinke-europa.eu/article/10153.interkultureller-dialog-wertedebatten-sind-keine-nischenthemen.html, letzter Zugriff: 9. Februar 2016

Nicht über Sachen ist zu reden, stattdessen mit den Menschen

Nicht über Sachen ist zu reden, stattdessen mit den Menschen


Über den Autor Wolfgang Storz

Wolfgang Storz, Jahrgang 1954, ist Sozialwissenschaftler und arbeitet als Publizist und Medienberater. Von 2002 bis 2006 war er Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“, zuvor Chefredakteur der Mitgliederzeitung IG Metall.

 


Er ist einer der Herausgeber der Monatszeitung „OXI“, die sich zur Aufgabe gestellt hat, aus unabhängiger, linker Sicht über Wirtschaftsthemen zu schreiben. Wirtschaft für Gesellschaft lautet der Untertitel der Zeitung und des gleichnamigen Blogs www.oxiblog.de

Der Blick von ganz oben auf eine große Stadt im Jahr 2026: Raumgreifende von humanoiden Robotern verantwortlich organisierte Auslieferungslager liegen rundum verteilt an der Peripherie. Autonom und lautlos fahrende Elektroautos transportieren bestellte Güter, unterstützt von zahllosen Drohnen. Das Angebot lautet: Bleib zuhause in deiner gated community, dort ist es sauber, sicher, die Güter kommen zu dir. An den Rändern der Parks lagern Ausgegrenzte, von gut sichtbaren Überwachungskameras in Schach gehalten. Die konsumfähigen Bewohner, mit implantierter Abbuchungs-Funktion, bewegen sich konzentriert und zielgenau. Die öffentlichen Räume sind perfekt überwacht. Die erste Phase der Technisierung, Roboterisierung und Digitalisierung der privaten Haushalte, Verwaltungen, Schulen, Krankenhäuser, Pflege- und Altenheime ist abgeschlossen. Die Menschen haben sich den neuen Techniken angepasst und genießen es, ihren Lebensalltag fehlerfrei steuern zu lassen. Die gewonnene Zeit nutzen sie, um ihre sozialen Kontakte von zuhause aus zu pflegen. Das einst unberechenbare, von Eigensinn, Gefühlen, zufälligen öffentlichen Begegnungen und Tätigkeiten geprägte Leben ist komfortabel minimiert und eingehegt.

Demokratie funktioniert im Großen nur, wenn sie im Kleinen auf für alle jederzeit zugänglichen öffentlichen Plätzen der Städte sinnlich gelebt und verhandelt werden kann. Demokratie braucht Bühnen, Arenen, Zeit, viele einladende Gelegenheiten. Teilnehmen, sich beraten, begegnen und austauschen auf nicht-vermachteten Plätzen - der Philosoph Jürgen Habermas hat das alles mit seinem Ideal der partizipativen und deliberativen Demokratie geschildert und begründet. Wo es keine öffentlichen, stattdessen nur noch leblose Plätze gibt, entscheiden nach und nach allein Repräsentanten, Sachzwänge und Lobbyisten. Alexander Kluge, Schriftsteller und Filmemacher, sieht in der Fähigkeit, sich mit anderen auszutauschen und „Öffentlichkeit zu bilden, eine Lebensnotwendigkeit“. Öffentlichkeit ist für ihn „ein um keinen Preis der Welt verkäufliches Gemeingut“, denn sie erst ermögliche den unmittelbaren Verkehr zwischen dem Subjektiven und dem Gemeinwesen.     

Die Plätze sind erblindet

Es geht um die allgemeine Öffentlichkeit, nicht um die Nischen und Szenen, in denen Privates ausgelebt und inszeniert wird, durch Mode, Musik, Körperformung, Kochen, Lebensstile... Es geht nicht um die sozialen Netzwerke, die jeder und jede knüpfen muss, um im Berufsleben, in dem Instabilität zur Konstante geworden ist, halbwegs durchzukommen.

Diese allgemeine Öffentlichkeit kann nur leben, wenn in den Zentren der Städte unterschiedliche und nicht für den Konsum abgerichtete Plätze einladen: Parks mit Bänken, offene Theater, Buchhandlungen und Cafés, kommunale Kinos und Medien, Museen, Stadtbüchereien mit vielen Medien und Services, Veranstaltungsorte für kulturelle und politische Tätigkeiten, Initiativen und Manifestationen. Leben werden diese Plätze nur, wenn es in den Städten wiederum genügend digitale und gedruckte Medien gibt, die sich aktuell den Themen der Allgemeinheit widmen, die auf diesen öffentlichen Plätzen verhandelt werden können. Was wir seit Jahren erleben: Genauso wie die öffentlichen Plätze schrumpfen die Medien, die sich den allgemeinen, die Stadtgesellschaft (zu) interessierenden Themen widmen. Und: Zudem schwächeln jene organisatorischen Dinosaurier, die Wohl und Zukunft der Allgemeinheit zumindest im Programm stehen haben. Parteien, Gewerkschaften und Kirchen schrumpfen, altern, verlieren Mitglieder, vor allem Vertrauen. Vereinen geht es oft nicht viel besser. Robert Kaltenbrunner, Stadtplaner und in verantwortlicher Position beim Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung tätig, schreibt in einem seiner Texte, die Plätze einer Stadt sollten ihre „lächelnden Augen“ sein. Seien jedoch zu 

oft schon erblindet – von Autos durchbraust oder zugeparkt, Anleitungen zum zügigen Durchqueren, nicht zum Verweilen. Wer möchte schon auf dem Innsbrucker Platz in Berlin ein Buch lesen, mit seinen Kindern am Sendlinger Tor in München spielen oder am Kölner Neumarkt ein Sonnenbad nehmen. Wo es also Plätze gibt, da sind sie zu oft wie Bahnhöfe angelegt, zum zügigen Wieder-Verlassen, nicht zum Verweilen und Flanieren.

Rückzugsorte für Ausgeschlossene

Die für uns alle bestimmte öffentliche Räume werden seit vielen Jahren mit zunehmender betriebswirtschaftlicher Uniformität zu Wirtschaftszonen geformt, dem privaten Hausrecht unterworfen: Shopping, Entertainment, Reinraus-Gastronomie, unterlegt mit kaufanimierenden Musikteppichen; der auf den ersten Blick Konsum-Untüchtige wird von geschultem Sicherheits-Personal möglichst unauffällig aussortiert. Die Handels- und Gastronomiekonzerne mit ihrer digitalen Auslieferungs-Präsenz und ihren weltweit platzierten Einheits-Filialen verjagen die alteingesessenen Händler und Wirte aus den Innenstädten. Amazon fresh wird in den nächsten drei, vier Jahren auch noch den Lebensmittelhandel umpflügen. Bahnhöfe geizen mit Sitzplätzen – setz dich in das Eiscafe oder den Schnellimbiss! Nur die Kommerz- ist Komfortzone. Die Übernahme der öffentlichen Räume wird demonstriert: Das Frankfurter Fußballstadion, die Commerzbank-Arena, trägt den Namen einer gerade noch mit Steuergeldern aufgefangenen abstürzenden Bank. Daimler und Sony geben dem Stadtzentrum von Berlin ihren Namen. Und der noch verbleibende wirtschaftlich nicht direkt genutzte öffentliche Platz? Der wird oft unansehnlich – im Vergleich mit der (vordergründigen) Attraktivität der Einkaufs-Tempel. Und weil die Stadtverwaltung Geld, Pflege und Verantwortung scheut, um ihn einladend zu gestalten. Die öffentliche Hand vernachlässigt ihre öffentlichen Plätze. Sie werden nicht selten, so Kaltenbrunner, zum „Rückzugsort für ausgeschlossene Bevölkerungsgruppen“.

In Zeiten dieses digital-totalitären Kapitalismus wird deshalb bisher alltäglich Banales zum politisch bedeutsamen Abenteuer umgedeutet werden müssen: die vielen Initiativen, wie beispielsweise urban gardening. Oder: Bauern-Märkte als Stätten ökonomischer Transaktionen und Umschlagplätze für Nachrichten und Meinungen. Sie wachsen unter diesen Bedingungen zu „sozialen Immunsystemen“ und „emotionalen Herzstücken“ von Städten heran, so Götz Eisenberg, Familientherapeut und Psychologe. Mieter- und Bau-Genossenschaften, neue Wohn- und Arbeitsformen, die sich nicht abschotten, sondern sich der allgemeinen Öffentlichkeit zuwenden und als Teil von ihr verstehen, werden bedeutend, weil sie von den prägenden Tendenzen zwangsläufig zu Gegenwelten gemacht werden. Unter materiellen und sozialen Ungleichheiten und Instabilitäten und wegen dieser rückt das Thema, öffentliche Gemeinschaften zu fördern, nach vorne.

Eine Aufgabe der Städte

Die städtische Politik sollte sich also einer Aufgabe widmen, die bisher als zu unbedeutend angesehen worden ist: die Märkte und öffentlichen Plätze als für alle zugängliche Angebote auszubauen und sorgsam so zu gestalten, dass sie vielfältig nutzbar und zum zweckfreien Verweilen geeignet sind. In dem öffentlichen Alltagsleben und der spannungsvollen Erfahrung, dieses sicht- und greifbar auch verändern und gestalten zu können, wird darüber entschieden, ob eine Demokratie lebt. Noch ein Vorteil: Während dieser Arbeit an der Gestaltung der Plätze würde im Sinne von Ernst Bloch mehr mit und „zu Menschen“ und weniger „von Sachen“ geredet werden.

Rassismus – ein tief verwurzelter Machtmechanismus

Rassismus – ein tief verwurzelter Machtmechanismus


Über die Autorin Zerrin Güneş

Zerrin Güneş, Jahrgang 1986, ist Diplom-Politologin, Freundin, Schwester, Tochter, Aktivistin und Kollegin. Seit 2010 arbeitet sie im Wahlkreisbüro von Halina Wawzyniak, wo sie vor allem für das Gebiet Kreuzberg zuständig ist. Nebenbei arbeitet sie an einem Film, der die langjährigen antirassistischen Widerstände in Berlin von Menschen die 

 


Rassismuserfahrungen machen, ein wenig nachzeichnet. Zudem ist sie in außerparlamentarischen politischen Gruppen aktiv, die vor allem zu Rassismus in Deutschland arbeiten, aber auch in kurdischen Gruppen, die in der Diaspora kurdische Widerstände und Lebendrealitäten thematisieren.

„Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ (GG Art. 3 Abs. 3)

Die intensive Auseinandersetzung mit einem der schrecklichsten Kapitel deutscher Geschichte oder mit Filmen wie ‚Die Welle’ von Dennis Gansel sollen junge Menschen sensibilisieren, damit sich die in den Jahren 1939 bis 1945 begangenen Gräueltaten nicht wiederholen. Kein Mensch in Deutschland sollte jemals wieder aufgrund seiner Herkunft und/oder Religionszugehörigkeit verfolgt oder ermordet werden.

Doch die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), öffentlich geworden im Jahr 2011 zeigt, dass es Rechtsextremen über ein Jahrzehnt möglich war, insgesamt neun Menschen mit sogenannter Migrationsgeschichte zu töten und viele weitere zu verletzen. Menschen, die einzig und allein wegen ihrer Herkunft und Religionszugehörigkeit sterben mussten. Bei den rechtsextremen Täter_innen handelt es sich jedoch nicht um verwirrte Einzelpersonen. Vielmehr repräsentieren sie die Spitze des Eisberges und einen Staatsapparat, der die Morde durch die Verstrickungen der Täter_innen mit Sicherheitsbehörden und dem Verfassungsschutz möglich gemacht hat. Behörden und Staatsorgane, deren Aufgabe es ist, die Menschen, deren Rechte und deren Wohlergehen zu schützen, haben diese Aufgabe nicht erfüllt.

Die jüngere Geschichte Deutschlands zeigt also, dass einige Menschen in diesem Land auch heutzutage nicht immer mit Schutz rechnen können. Die Gewaltanschläge auf Asylunterkünfte in den 1990er Jahren und auch heute sind nur einige traurige Beispiele dafür. Verantwortlich sind nicht nur Einzeltäter_innen am rechten Rand der Gesellschaft. Pegida und die sogenannten Wutbürger_innen gehen zu Tausenden auf die Straße. Sie hetzen gegen u.a. Muslime und Asylbewerber_innen und sind auch nach 1945 mit ihrer Wir-sind-das-Volk-Attitüde erneut gesellschaftsfähig. Dies führt unter anderem dazu, dass eine Partei wie die AfD, die rassistische und menschenverachtende Inhalte vertritt, mittlerweile in neun Landtagen sitzt (Stand:05.09.2016). Und auch die Bundesregierung reagierte auf Angriffe auf Asylunterkünfte, sowohl in den 1990er Jahren als auch aktuell, nicht etwa mit einer intensiveren Strafverfolgung der Täter_innen oder Schutzmaßnahmen für die Opfer, stattdessen mit rassistischen Asylrechtsverschärfungen.

Positiv ist jedoch, dass sich parallel zur AfD und ihren Gesinnungspartner_innen, auch eine Bewegung entwickelt hat, die sich für ein Für- und Miteinander stark macht. Vor allem in den deutschen Großstädten bemühen sich seit dem Sommer 2015 immer mehr Menschen mit einem sicheren Aufenthaltsstatus und deutsche Staatsbürger_innen um Hilfe und Unterstützung für die Geflüchteten. Sie helfen dort (meist ehrenamtlich), wo Behörden – wie zum Beispiel das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) in Berlin – versagen. Zuvor hat sich ein selbstbewusster Widerstand von Menschen entwickelt, die von struktureller Diskriminierung betroffen sind. Sowohl bei Migrierten, Geflüchteten als auch bei hier Geborenen mit Migrationsgeschichte. Sie kritisieren den Rassismus in Deutschland und fordern das Aufbrechen rassistischer Gedanken, sowie rassistischer Strukturen in den Institutionen.

Bevor ein Vorschlag, ein Gedankenspiel oder vielleicht auch nur ein paar optimistische Hoffnungen beschrieben werden, möchte ich sichergehen, dass dem Folgenden ein gemeinsames Verständnis von Rassismus zugrunde liegt.

Zu Beginn ist es wichtig, Rassismus nicht mit Rechtsextremismus, Ausländerhass oder Fremdenfeindlichkeit zu verwechseln, auch wenn dies vor allem im öffentlichen Diskurs noch sehr häufig geschieht. Michel Foucault und Mark Terkessidis haben beschrieben, weshalb Rassismus eben keine extreme Ideologie vom rechten Rand der Gesellschaft, kein irrationaler Hass und auch nicht bloße Feindlichkeit gegen Menschen ist, die oft seit mehreren Generationen hier leben und dennoch als fremd betrachtet werden. Vielmehr handelt es sich um einen Machtmechanismus, der in der gesamten Gesellschaft vorhanden ist und strukturell wirkt.

Leben machen und sterben lassen

Um die Rassismustheorie des Philosophen Michel Foucaults zu verstehen, muss mit seiner Definition der Souveränitätsmacht begonnen werden. Foucault lokalisiert die Souveränitätsmacht vor dem 19. Jahrhundert. Sie bestimmt das Recht über Leben und Tod – genauer gesagt das Recht, töten und somit über das (Über-) Leben entscheiden zu können. Kurzum – die Macht zu haben „sterben zu machen oder leben zu lassen.“[1] Die Souveränitätsmacht transformiert sich zunehmend im Zuge des Nation-Building Prozesses im 19. Jahrhundert zur Biomacht. Diese Macht orientiert sich am Leben und wird auch als „Leben machen und sterben lassen“ [2] beschrieben. Die Politik der Biomacht entwickelt Mechanismen, um die Sterberate zu verändern und zu senken, das Leben zu verlängern und die Geburtenrate zu stimulieren, wodurch Kräfte gesteigert und ausgeschöpft werden sollen. Kapitalistische Staaten sollen damit effektiver werden. Die zentralen Machtinstrumente sind dabei Disziplinierung und Regulierung. Die Disziplinierung des Individuums findet durch Institutionen und gesellschaftliche Handlungsfelder und die (staatliche) Regulierung der Bevölkerung durch Verwaltungsapparate sowie Justiz statt. In diesem Zusammenhang wird eine Normalisierungsgesellschaft konstruiert, in der es darum geht, das Leben in einem Bereich von Wert und Nutzen zu organisieren.

Dabei stellt Foucault die Frage, wie es innerhalb der Biomacht dennoch möglich ist, zu töten bzw. den Tod zu fordern?

Die Antwort darauf ist Rassismus. Foucault führt aus, dass Rassismus bereits vor dem Aufkommen der Biomacht existierte. Doch mit dem Aufkommen der Biomacht zieht der Rassismus in die Mechanismen des Staates ein. Dabei ist er ein Mittel, um eine Zäsur im Bereich des Lebens (den die Biomacht in Beschlag genommen hat) einzuführen: eine Zäsur zwischen dem, „was leben und dem, was sterben muss.“ Aus diesem Gedanken leitet Foucault zwei Funktionen des Rassismus ab

Einmal die Aufteilung der Menschen in sogenannte „Rassen“, die Hierarchisierung der „Rassen“ und die Kategorisierung bzw. Einteilung in zwei Gruppen. Diese beiden Gruppen werden innerhalb der Bevölkerung gegeneinander ausgespielt. Quasi die „Normalen“ bzw. Normalisierungsgesellschaft gegen „die Anderen“.

Die zweite Funktionsweise des Rassismus ist die Rechtfertigung der Akzeptanz des Tötens innerhalb einer Normalisierungsgesellschaft: „Um zu leben musst du töten [können]“ [3], wodurch eine biologische Selbststärkung gewährleistet wird. Mit der Tötung ist nicht nur die physische Tötung gemeint, sondern unter anderem auch, jemanden der Gefahr des Todes oder dem politischen Tod, z.B. Vertreibung und Abschiebung, auszusetzen.[4]

Rassismus ist demzufolge nicht eine Form der Irrationalität Einzelner, sondern ein Machtmechanismus oder auch eine politische Rationalität, die gesellschaftliche Handlungsfelder strukturiert. Die sogenannte Normalisierungsgesellschaft konstruiert sich dabei als ‚das Volk’ und legitimiert somit den Ausschluss von Personen, die nicht als Teil eben dieses ‚Volkes‘ betrachtet werden. Dabei ist die Identifikation mit einer Normalisierungsgesellschaft nicht statisch, so definierte man sich in den 1990er Jahren als ‚Deutsches Volk‘ und heute eher als ‚christlich abendländische Europäer_innen‘.

Fundamente der Rassifizierung

Der Migrationsforscher Mark Terkessidis befasst sich detailliert mit diesem Machtmechanismus und entwickelt eine anschauliche Theorie, die den Rassismus in unserer Gesellschaft verständlicher macht. Er versteht Rassismus als etwas, das sich aus drei Funktionsweisen zusammensetzt: Rassifizierung, Ausgrenzungspraxis und differenzierende Macht.

Die Rassifizierung wird als ein Prozess beschrieben, in dem eine Gruppe von Menschen mit Hilfe der Zuschreibung bestimmter Merkmale als natürlich festgelegt wird. Es entsteht also zu allererst die Kategorisierung in eine Gruppe. Gleichzeitig wird das Verhältnis zwischen dieser und der eigenen Gruppe formuliert. Rassismus entsteht also nicht erst durch die Wertung der Unterschiede – egal ob negativ oder positiv – sondern auch durch die Zuschreibung einer Gruppe als naturgegeben. Damit ist die Unterscheidung zum Eigenen von vornherein bewertend.

Als Fundament der Rassifizierung wird ein bestimmter Wissensbestand vorausgesetzt: das sogenannte rassistische Wissen. Des Weiteren geht Terkessidis davon aus, dass sich das rassistische Wissen, das die Rassifizierung überhaupt möglich macht, aus vier Elementen zusammensetzt. Zum einen aus morpho-physiologischen Kennzeichen, bei denen körperliche Merkmale, wie u.a. Haut- und Haarfarbe oder Augen- und Nasenform, kategorisiert werden. Zum anderen aus soziologischen Kennzeichen, z.B. Sprache, Ernährung, Kleidung und Gewohnheiten. Hinzu kommen symbolische und geistige Kennzeichen wie politische Praktiken, Einstellungen, Lebensauffassungen, religiöse und kulturelle Verhaltensweisen. Ferner spielen auch imaginäre Kennzeichen eine Rolle, die oft völlig willkürliche Zuschreibungen zu Fakten, Ereignissen, Praktiken beinhalten, die nicht notwendigerweise real sein müssen.[5]

Ein weiteres Element, das den Rassismus ausmacht, ist die Ausgrenzungspraxis. Terkessidis beschreibt diese als die praktische Seite des Rassismus. Wichtig ist hierbei auch zu unterstreichen, dass der rassistische Wissensbestand innerhalb einer Gesellschaft, Einfluss auf die gesellschaftlichen Institutionen hat. Dadurch gibt es dann eine ungleiche Behandlung in der Zuteilung von Dienstleistungen und Ressourcen. Dies sind z.B. ökonomische Unterschiede, wie die Art der Arbeit, die Höhe der Löhne, die Wohnorte etc.. Wenn man sich den deutschen Arbeitsmarkt ansieht, fungiert das Anwerbeabkommen der 1960er Jahre zwischen der Türkei und der BRD als anschauliches Beispiel. Die sogenannten Gastarbeiter_innen übernahmen unqualifizierte Arbeit und waren äußerst prekär beschäftigt. Leider ist fünf Jahrzehnte später kein gravierender sozialer Aufstieg bei den Folgegenerationen festzustellen. Terkessidis betrachtet die soziale Schließung als einen möglichen Grund. Als Folgen der sozialen Schließung benennt er ungleiche Partizipationsmöglichkeiten, unqualifiziertere Jobs, was wiederum dazu führt, dass dieser Gruppe von Menschen ‚Dummheit’ und ‚Faulheit’ unterstellt wird. Diese Unterstellungen modifizieren sich später in ‚problematische kulturelle Unterschiede’ was auch gut als Legitimation der strukturell bedingten sozialen Schließung auf dem Arbeitsmarkt dienen kann, bzw. oft dient.

Als dritte und letzte Funktionsweise führt er die differenzierende Macht an. Auch hier ist, ähnlich wie bei Foucault, der Ausgangspunkt, dass Rassismus nach einem bestimmten Machtmechanismus funktioniert. Das bedeutet, dass eine „Gruppe [...] über die Mittel [verfügt], eine andere Gruppe sichtbar zu machen, zu unterdrücken etc.“[6]

Diese differenzierte Macht besteht im Falle des Kolonialismus, aber auch im Umgang mit der Einwanderungsgesellschaft. Eine Gruppe besitzt die Macht, die als „anders“ kategorisierte Gruppe auszuweisen, ihr Ressourcen zu verwehren oder deren Mitglieder abzuschieben, wobei die Existenz der eigenen Gruppe nicht in Frage gestellt wird.[7] Dabei fungiert vermeintliches Wissen als Erkenntnis und Legitimation von Macht zugleich.

Als kurzes Beispiel sei an dieser Stelle die Diskussion über kriminelle muslimische Migrant_innen erwähnt. Es ist egal, ob sie hier geboren und aufgewachsen sind oder vielleicht sogar in der zweiten oder dritten Generation in der BRD leben: Sobald sie als unverwertbar für einen kapitalistisch-neoliberalen Staat erachtet werden, kann darüber diskutiert werden, ob sie abgeschoben werden sollen. Kaum vorstellbar, dass diese Diskussion über weiß-deutsche Menschen je geführt wird.

Unser Umgang mit Geschichte

Nun aber von der Theorie zur Praxis. Die Theorie soll an dieser Stelle unter anderem dazu dienen, verständlich zu machen, dass Rassismus nicht einzig und allein als eine individuelle Befindlichkeit zu betrachten ist. Es handelt sich um einen Zustand, der in vielen Gesellschaften existiert, vor allem in kolonialisierenden und jenen Gesellschaften, die Rassismus als Legitimation für Gewalt gegenüber als anders definierte Gruppen benutzt haben.

So ist auch unser Wissen rassistisch, da es u.a. auch auf die gern zitierten und heroisierten „Väter der Aufklärung“ zurückgeht: Immanuel Kant und Friedrich Hegel. Kant, unterteilte und hierarchisierte die sogenannte Menschenart in „Rassen“.[8] Er unterscheidet zwischen Weißen und Schwarzen, wobei Schwarzen keinerlei künstlerische und wissenschaftliche Fähigkeiten zugesprochen wurden. Sogar beim „niedrigsten [weißen] Pöbel“[9] können solche Fähigkeiten emporkommen, jedoch nicht bei Schwarzen. Auch Hegel verbreitet ein ähnlich rassistisches Wissen, wobei er Schwarzen eine feste Objektivität abspricht und ihnen „Wildheit und Unbändigkeit“ unterstellt.[10]Hegel zufolge besitzen Schwarze nicht das Bewusstsein von Freiheit, weshalb sie zu „Wertlosen“ herabsinken und ihre Sklaverei gerechtfertigt werden kann.[11]

 

Doch was bedeutet das alles für uns und was hat das überhaupt mit uns zu tun?

Diese „Väter der Aufklärung“ klären aus der Position weißer Männer mit einer zugesprochenen Deutungshoheit auf. In der Schule lernen wir viel darüber, wie wichtig sie für unsere heutige Gesellschaft waren, jedoch sehr wenig darüber, welche schreckliche Epoche sie legitimiert haben. Wir lernen wenig bis gar nichts über die Kolonialgeschichte Deutschlands und verhindern so eine Auseinandersetzung mit unserem immanenten rassistischen Wissen. Auch wenn es Sklaverei in der Form wie zur Zeit des Kolonialismus nicht mehr gibt, ist rassistisches Wissen noch immer wirkmächtig. Wie auch hätten Sicherheitsbehörden die Opfer des NSU sonst zu kriminellen Tätern machen, sie in konstruierte Rollen von Drogendealern stecken können? Wie hätte Oury Jalloh einfach in der Polizeizelle verbrennen können? Wie können tausende Menschen abgeschoben werden und wieso muss eine nicht-weiße Person viel mehr Qualifikationen vorweisen, als weiße Mitbewerber_innen, um Chancen auf einen Arbeitsplatz oder für eine Wohnung zu haben?

Die Antwort ist: Wir leben in einer rassistisch strukturierten Gesellschaft und es sind nicht allein Neonazis oder Rechtsextreme, die all dies möglich machen.

Einige Ausgrenzungspraxen müssen also mit dem Begriff Rassismus zusammengefasst werden, da er ihnen zugrunde liegt. Doch wie kann diese Ausgrenzungspraxis, dieser Machtmechanismus überwunden werden? Im Folgenden möchte ich ein paar Gedankenspiele machen und einige Hoffnungen für das Jahr 2026 formulieren.

Diskussionen, die geführt werden müssen

Anfang 2013 entfachte eine Debatte über pejorativ verwendete Begriffe in Kinderbüchern: Die sogenannte „N-Wort Debatte“. In meinen Augen eine vollkommen berechtigte, wichtige und längst überfällige Diskussion. Was aus der Forderung, kolonial-rassistische Wörter aus Kinderbüchern zu streichen, folgte, war ein trauriges Ereignis. Der Aufschrei war groß. Es war von Zensur und Geschichtsfälschung die Rede. Wochenlang wurde das Thema in vielen Tageszeitungen von Autor_innen und Leser_innen diskutiert.[12] Doch weshalb hängen die Menschen an diesen Ressentiments? Machen diese beleidigenden und verletzenden Worte in Kinderbüchern die Geschichten aus? Es ist ein wichtiger und notwendiger Schritt in die richtige Richtung gewesen, Kinderbücher neu zu editieren und auch zugänglich für nicht-weiße Kinder zu machen. Es ist möglich, rassistisches Wissen, stereotype und beleidigende Beschreibungen nicht Teil des Wissens der nächsten Generation werden zu lassen.

So möchte ich mir für 2026 vorstellen, dass alte Bücher editiert werden oder zumindest kenntlich gemacht wird, wenn sie diskriminierende Inhalte verbreiten. Dann können sich Käufer_innen bewusst entscheiden, ob sie diese Bücher für ihre Kinder kaufen möchten. Ich möchte mir eine neue Generation der Kinderliteratur vorstellen, in der die Diversität der Gesellschaft abgebildet ist und keine Stereotype, egal welcher Art, vermittelt werden. So haben wir unter anderem auch die Gelegenheit, Schwarze oder dunkel-haarige Heldinnen in

Geschichten kennenzulernen und damit eine Verschiebung von „Normalität“ zu erfahren.

Ein weiterer wichtiger Bereich sind die Schulen. Dort machen die meisten Personen ihre ersten Rassismuserfahrungen – um aus meiner eigenen Perspektive und der vieler Freund_innen zu sprechen.[13] Hier suggerieren einige Lehrer_innen nicht-weißen Kindern, dass sie weniger Fähigkeiten besitzen als die meisten ihrer weißen Mitschüler_innen. Diese Erkenntnis hatte ja bereits Hegel, und in der Schule wird dies den meisten Kindern auch heute noch eingetrichtert. Zum Alltag gehört auch, dass weiße Mitschüler_innen sich über Eigenschaften anderer Kinder lustig machen, die nicht dem gängigen weißen Phänotyp entsprechen. Rassistisch ist aber ebenso, wenn Lehrer_innen z.B. türkeistämmige - manchmal auch arabischstämmige Kinder oder Jugendliche, weil weiße Lehrer_innen oft den Unterschied nicht erkennen – zu Expert_innen der Türkei machen. Nur weil deren Großeltern – mittlerweile oft auch Urgroßeltern – aus der Türkei kommen, müssen sie sich also perfekt mit diesem Land auskennen. Dies gilt auch für schwarze Kinder. Diese müssen sich meist mit dem gesamten afrikanischen Kontinent auskennen, egal ob sie schon mal dort waren oder nicht. Kinder werden mit solchen Aussagen und Handlungen also anders gemacht. Dies passiert direkt in der Schule. Doch das ‚Andersmachen’ bzw. die Kategorisierung nicht weißer Kinder beginnt bereits in der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Ein Stichwort ist dabei: NDH – Nicht-deutscher-Herkunft bzw. Herkunftssprache. In der Statistik der Senatsverwaltung taucht diese Unterscheidung auf, um nicht-weiße Schüler_innen statistisch zu erfassen.[14] Weshalb ist das notwendig? Für mich gibt es keine plausible Erklärung dafür. Vielleicht ist es wichtig für Kinder, die die deutsche Sprache nicht sprechen, um den Unterricht besser an sie anzupassen. Aber warum werden auch die erfasst, die der Sprache mächtig sind und keinerlei sprachliche Förderungen benötigen? Auch diese bekommen den Stempel: NDH. Folglich werden alle in einen Topf geschmissen und man suggeriert nicht-weißen Kindern, ein sprachliches Defizit, da sie Nicht-deutscher-Herkunftssprache sind.

Für 2026 wäre es ein schöner Gedanke, wenn zumindest Senats- und Landesverwaltungen keinerlei Unterschiede mehr zwischen den Schüler_innen machen, die in diesem Land geboren sind, und diese Herangehensweise auch von ihrem Personal (Lehrer_innen) verlangen. Doch leider kann mit der Forderung, keinen Rassismus mehr zu reproduzieren, wenig erreicht werden. Wichtig ist, dass bereits bei der Ausbildung der Lehrenden eine Auseinandersetzung mit Diskriminierungsformen stattfindet. Sensibilität für rassistische Vorurteile und Bewertungen sollte also zum Bestandteil eines Lehramtstudiums werden. Bereits ausgebildete Lehrende könnten dieses Versäumnis natürlich mit Hilfe von rassismuskritischen Fortbildungen nachholen.

Es gibt bereits einige Vereine, die dies anbieten. Der Staat hat Einfluss auf viele Lebensbereiche, sodass neben Lehrenden, Polizeibeamt_innen, Behördenbeamt_innen, Erzieher_innen auch andere Berufsgruppen mit diesem Thema vertraut sein sollten. Wenn in allen staatlich regulierten Bereichen eine kritische Auseinandersetzung mit Rassismus stattfände, hätte dies indirekt auch Auswirkungen in den Bereichen, die jenseits der staatlichen Kontrolle liegen – Familien, Freundes- und Bekanntenkreisen – da es im Idealfall zu einem gesellschaftlichen Umdenken führen würde.

Ein weiterer Punkt wäre, die deutsche Kolonialgeschichte endlich in den Geschichtsbüchern deutscher Schulen zu thematisieren. Der unsichtbarste Teil deutscher Geschichte muss sichtbar gemacht werden, damit eine Auseinandersetzung mit Rassismus möglich gemacht wird. Auch dies lässt sich leicht verändern und ist ein weiterer Schritt zum Versuch, die Gesellschaft anders zu gestalten.

Wenn solche neuen Impulse gesetzt werden, könnte rassismuskritisches Bewusstsein langsam zur neuen Geschichte Deutschlands werden.

Jedoch ist nicht nur der Bildungsbereich von Rassismus durchzogen, auch viele Zugänge zu anderen wichtigen Ressourcen werden Menschen, die von Rassismus betroffen sind, verwehrt bzw. schwer zugänglich gemacht. So z.B. der Arbeits- und Wohnungsmarkt.

Im Frühjahr 2015 erschien eine im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes erarbeitete Studie, die sehr gut verdeutlicht, dass Menschen, die eine Wohnung suchen, dabei häufig rassistisch diskriminiert werden. Menschen mit Migrationsgeschichte haben es viel schwerer, als andere, eine Wohnung zu finden, müssen meist eine höhere Miete zahlen und bewohnen in der Regel die kleineren und unsanierten Wohnungen. Besondere Benachteiligungen erfahren muslimische Frauen mit Kopftuch bei der Wohnungssuche.[15] Auch diese Form der strukturellen Diskriminierung könnte bearbeitet, vielleicht sogar überwunden werden. Die Studie enthält nämlich ganz gute und weiterführende Empfehlungen, die für das Jahr 2026 angedacht werden können. Unter anderem Sensibilisierungscoachings für die mittlere Mitarbeiter_innenebene und Hausverwalter_innen. Zudem sollte der politische Einfluss auf kommunaler Ebene in Bezug auf die Wohnungsbelegung zurückgewonnen werden. Ich teile diese Auffassungen, da der politische Einfluss zwar ein kurzfristiger Lösungsvorschlag, ähnlich wie die Quotenregelung für Frauen ist, langfristig aber vermutlich positive Auswirkungen auf die Art der Wohnungsvergabe haben würde. Zusammen mit den erwähnten Sensibilisierungsweiterbildungen kann meines Erachtens eine langfristige positive Veränderung herbeigeführt und im Idealfall eine Chancengleichheit auf dieser Ebene hergestellt werden.

Auch auf dem Arbeitsmarkt gehört struktureller Rassismus zum Alltag. Studien belegen hier ebenfalls eine empirisch nachweisbare Diskriminierung.[16]So haben es Menschen mit Migrationsgeschichte ersichtlich schwerer, einen qualifizierten Arbeits- und Ausbildungsplatz zu bekommen. Wie Terkessidis ausführt, steht rassistisches Wissen im engen Zusammenhang mit dem Zugang – oder eben auch nicht – zu gesellschaftlichen Ressourcen. Kurzfristige Ansätze, wie Quotenregelungen zusammengedacht mit sensibilisierenden Workshops, die ein langfristiges Umdenken bewirken sollen, wären auch hier ein Lösungsvorschlag. Dies sollte bis oder auch für das Jahr 2026 ernsthaft angedacht werden.

Das Allgemeine Gleichstellungsgesetzt von 2006 stellt dabei eine Entwicklung in die richtige Richtung dar. Doch wie so oft gibt es auch hier einen großen Unterschied zwischen der einfach wirkenden Theorie und der oft komplizierteren und komplexeren Praxis. Denn in der Praxis profitieren die Kläger_innen vom Gesetz nur selten, da die betroffene Person immer vollkommen in der Beweispflicht steht, um die Diskriminierung nachzuweisen. Gerade bei Ablehnungen bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche ist dies jedoch häufig sehr schwer. Deswegen wäre es wünschenswert, nicht mit bestrafenden und sanktionierenden Gesetzen für eine diskriminierungsfreie bzw. diskriminierungsärmere Gesellschaft zu arbeiten, stattdessen Menschen zu sensibilisieren und weiterzubilden. Ein Gesetz zu erlassen scheint ein sehr einfacher Weg zu sein (natürlich nicht für Oppositionsparteien), doch das wirkungsmächtige Wissen zu hinterfragen, zu kritisieren und umzugestalten, ist der langfristig erfolgreichere Weg. Allein den Begriff „Rasse“ noch im Grundgesetzt verankert zu haben, zeigt uns doch schon, dass wir von dem Gedanken der Existenz von „Rassen“ noch immer nicht abgekommen sind. „Rassen“ wurden konstruiert, um Gewalt, Ausbeutung und Unrecht zu legitimieren. Also können sie auch wieder dekonstruiert werden – sie sind nicht naturgegeben. Für 2026 wünsche ich mir, dass zumindest anhand der Änderung des Grundgesetzes ein symbolischer Schritt in Richtung Dekonstruktion gemacht und dieser Begriff nicht weiter reproduziert wird. Studierende oder Auszubildende in pädagogischen oder lehrenden Berufen sollten durch angepasste Lehrpläne und eine eigene kritische Auseinandersetzung einen sensiblen und rassismuskritischen Habitus entwickeln, sodass sich kein Kind als nicht zugehörig fühlen muss.

Das Ziel ist eine Gesellschaft, in der Rassismus bzw. rassistisches Wissen immer mehr schwindet und der rassistische Konsens in der Gesellschaft nicht mehr so mächtig ist, dass rechte, menschenverachtende Parteien, wie die AfD, in Landtage einziehen können. Erstrebenswert ist eine Gesellschaft, in der der Gedanke an Rassismus genauso absurd ist, wie die Vorstellung, dass Frauen nicht wählen oder studieren dürfen.

Abschließend ist es mir sehr wichtig an dieser Stelle deutlich zu machen, dass Rassismus nur eine von sehr vielen Machtmechanismen/Diskriminierungsformen ist, die in allen Bereichen des privaten und öffentlichen Lebens vorkommen. Die Funktionsweise von anderen Diskriminierungsformen wie Sexismus, Klassismus, Ableismus, Heterosexismus etc. sind dem des Rassismus sehr ähnlich. Bis 2026 sollten all diese Formen der Diskriminierung und Herabsetzung auf der Tagesordnung stehen.

Und so könnte der Art.3 Abs. 3 GG im Jahr 2026 lauten:

„Niemand darf aufgrund von Geschlecht, sexueller Identität, Sprache, Heimat und Herkunft, Glaube, religiöser oder politischer Anschauungen, Behinderung diskriminiert werden.“

 

[1]Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit Frankfurt am Main 1977; S. 165.

[2]Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit Frankfurt am Main 1977; S. 165ff.

[3] Foucault, Michel: In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am Collège de France (1975-76); Frankfurt am Main 1999; S. 276-305. Unter: http://www.momo-berlin.de/Foucault_Verteidigung_der_Gesellschaft.html

[4] Foucault, Michel: In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am Collège de France (1975-76); Frankfurt am Main 1999; S. 276-305. Unter: http://www.momo-berlin.de/Foucault_Verteidigung_der_Gesellschaft.html

[5] Guillaumin, Colette: RASSE. Das Wort und die Vorstellung. In: Bielefeld, Uli (Hrsg.): Das Eigene und das Fremde. Neuer Rassismus in der alten Welt; Hamburg 1991; S. 167.

[6] Terkessidis, Mark: Die Banalität des Rassismus – Migranten zweiter Generation entwickeln eine neue Perspektive; Bielefeld 2004; S. 98.

[7] Terkessidis, Mark: Die Banalität des Rassismus – Migranten zweiter Generation entwickeln eine neue Perspektive; Bielefeld 2004; S. 98.

[8] Kant, Immanuel: Von verschiedenen Racen der Menschen; S. 430.

[9] Kant, Immanuel: Beobachtungen über das Gefühl der Schönen und Erhabenen; S. 253.

[10] Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Vorlesung über Philosophie und Geschichte; Meiner 1919; S. 137.

[11] Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Vorlesung über Philosophie und Geschichte; Meiner 1919; S. 140.

 

[12] Greiner, Ulrich: Die kleine Hexenjagdt; in: Die Zeit Online (17.01.2013): http://www.zeit.de/2013/04/Kinderbuch-Sprache-Politisch-Korrekt . Siehe auch: Interview mit Dodua Otoo, Sharon: Pippi und der Kolonialismus; in: Taz Online (20.02.2013): http://www.taz.de/!5072942/

[13] Dehmer, Dagmar: Rassismus in der Schule- Lass dir nichts gefallen; in: Der Tagesspiegel (26.08.2014): http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/rassismus-in-der-schule-lass-dir-nichts-gefallen/10370482.html

[14]Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft: Blickpunkt Schule - Schuljahr 2014/2015; Berlin 2015. https://www.berlin.de/imperia/md/content/sen-bildung/bildungsstatistik/blickpunkt_schule_2014_15.pdf?start&ts=1451466659&file=blickpunkt_schule_2014_15.pdf

[15] Vgl.: Müller, Annekathrin: Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt – Strategien zum Nachweis rassistischer Benachteiligungen; Hrsg.: Antidiskriminierungsstelle des Bundes; Berlin 2015. In: http://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/Downloads/DE/publikationen/Expertisen/Expertise_Wohnungsmarkt_20150615.pdf?__blob=publicationFile

[16] Siehe Sekundärliteratur: Hummitzsch, Thomas: Diskriminierung von Migranten auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt; Berlin 2014: http://www.migration-info.de/artikel/2014-04-03/diskriminierung-migranten-dem-ausbildungs-und-arbeitsmarkt

Internet und Recht

Daten kennen keine Grenzen


Über die Autorin Halina Wawzyniak

Halina Wawzyniak, geboren 1973 in Königs-Wusterhausen, hat den Anstoß für das Projekt „2026“ gegeben. Sie ist seit 2009 Abgeordnete der Linksfraktion im Deutschen Bundestag und deren rechts- und netzpolitische Sprecherin. Gute Politik über den Tag und über eine Legislaturperiode hinaus machen zu wollen, 

 


ist nach ihrem Verständnis nicht im Alleingang möglich. Und vor allem verlangt dies, sich gemeinsam Gedanken darüber zu machen, wie die Welt, in der vieles im Argen liegt, aussehen soll. Deshalb unterbreitet Halina Wawzyniak immer wieder Angebote zur Zusammenarbeit.

Lange haben Politikerinnen und Politiker die gesellschaftlichen Veränderungen durch das Internet ignoriert. Weltweit. Zwar wurde mal an einer Stelle ein wenig geändert und an anderer Stelle etwas neu reguliert, die Kernfrage aber blieb unbeantwortet. Es war bis ins Jahr 2026 eine Selbstverständlichkeit, dass der Nationalstaat durch seine Parlamente gesetzliche Regelungen schafft. Sicherlich, in einigen Bereichen war inzwischen klar geworden: Besser geht es durch die Europäische Union. Aber mit der Frage, wie im Zeitalter von Digitalisierung und Globalisierung weltweit Rechtsetzung und Rechtdurchsetzung stattfindet, wollte sich kein Parlament beschäftigen. Es wäre ja auch eine Debatte über die eigene Bedeutung und die eigenen Kompetenzen geworden.

Im Jahr 2026 gibt es also einen Flickenteppich: eine nationalstaatliche Regelung hier und eine europäische Regelung dort. Eine weltweite Digitale Verfassung oder ein Völkerrecht des Internets gibt es ebenso wenig, wie Vereinbarungen zur Ächtung von Cyberwaffen. Dabei hatte es bereits im Jahr 2014 das NETmundial Multistakeholder Statement (http://netmundial.br/wp-content/uploads/2014/04/NETmundial-Multistakeholder-Document.pdf) gegeben. Die erste Internetverfassung, in Brasilien unter dem Namen Marco Civil da Internet im Jahr 2014 unterzeichnet (https://docs.google.com/document/pub?id=1kJYQx-l_BVa9-3FZX23Vk9IfibH9x6E9uQfFT4e4V9I), war ein Einzelfall geblieben. Es gab keinen verbindlichen hippokratischen Eid für Soft- und Hardwareentwickler. Doch jetzt im Jahr 2026 geht es nicht mehr anders: Das Thema Rechtsetzung im Zeitalter der Digitalisierung steht ganz oben auf der Agenda.

Kein Stein wird auf dem anderen bleiben

Digitalisierung heißt vor allem mit Daten hantieren. Und Daten kennen keine Grenzen. Die Illusion, Daten ließen sich irgendwie nationalstaatlich einhegen, hatte sich in den vorangegangenen Jahrzehnten endgültig erledigt. Daten sind die Grundlage für Automatisierung und Algorithmen. Der Glaube, irgendein Stein könne auf dem anderen bleiben, hatte sich als falsch erwiesen. Weltweit waren Erwerbsarbeitsplätze verloren gegangen. Die Gesellschaften stellten sich ob ihrer Erwerbsarbeitszentrierung nur mühsam darauf ein, eine soziale Absicherung für die Menschen zu organisieren. Das Problem, wer was mit welchen Daten tun darf, blieb ob der anderen Herausforderungen ungelöst, weil es im nationalstaatlichen Rahmen eben nicht zu lösen war.

Die Bildung von Oligopolen hatte sich frühzeitig angedeutet. Wenige Konzerne nutzten die Lethargie und die Angst vor dem Umgang mit dem Neuen und bauten eine Vorherrschaft auf. Sie agierten schon früh international und setzten Regeln, konzentriert auf Profitmaximierung. Unter diesem Gesichtspunkt entschieden sie, wer im Hinblick auf ihre Angebote etwas darf und was mit den übermittelten Daten passiert. Natürlich konnten sie zehn Jahre zuvor noch nicht mehr, als Menschen von der Nutzung ihrer Produkte auszuschließen. Das ging dann auch häufig mit einem Ausschluss aus der Gesellschaft einher. Und gegen diesen Ausschluss konnte man sich nicht wehren, denn es gab keinen Rechtsweg. Wie auch. Es hatte ja auch keine Rechtsetzung in diesem Bereich gegeben.

Zu spät erkannten die nationalen Parlamente, dass sie - um des eigenen Machterhalts Willen - fast alles verloren hatten. In einem letzten Akt von Verzweiflung riefen sie eine Parlamentarierkonferenz der Vereinten Nationen (PK-VN) für den Herbst 2026 ein. Es spielte keine Rolle mehr, wieviel Einwohner/innen ein Land hatte. Die nationalen Parlamente legten einen Rahmen fest, in dem sich die UNO auf gemeinsame Regeln verständigen sollte. Die nationalen Parlamente fanden sich damit ab, dass Rechtsetzung zukünftig vor allem auf der internationalen Ebene stattfinden wird. Ihre Kompetenz würde sich auf die Verabschiedung von Haushalten, die Verteilung der im immer mehr verschwindenden Nationalstaat noch anfallenden Steuern und auf die Umsetzung der von der UNO vorgegebenen Regelungen beschränken. Zumindest in den Bereichen, die mit Daten zu tun haben – und das sind fast alle. Die Frage, wer wen unter welchen Bedingungen heiraten darf und welche steuerrechtlichen Auswirkungen eine Hochzeit hat, sollte beispielsweise in nationaler Hoheit bleiben. Erwerbsarbeit, welche durch Menschen geleistet wird, lässt sich ebenfalls noch nationalstaatlich regulieren. Die Durchsetzung des international gesetzten Rechtes wiederum soll den nationalen Polizeien und Gerichten überlassen bleiben.

Der Kampf der Lobbyisten

Die Idee hinter der Parlamentarierkonferenz der UNO (PK-VN) ist, den Oligopolen einen Rechtsrahmen vorzugeben, an den sie sich zu halten haben. Weltweit. Die Oligopole setzen viele Lobbyisten ein um genau das zu verhindern. Sie argumentieren, dass es für alle Beteiligten besser wäre, sie würden über ihre Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) die Regeln setzen. Schließlich sei man doch in den vergangenen knapp zwanzig Jahren damit ganz gut gefahren. Es scheint zunächst so, als hätten die Lobbyisten Erfolg. Die Nationalstaaten debattieren, ob die Oligopole nicht zu Völkerrechtssubjekten gemacht werden sollten. Dann könnten sie über Verträge zu einem bestimmten Verhalten verpflichtet werden. Doch schließlich wird dieser Gedanke verworfen. Aus demokratietheoretischen Erwägungen und aus ganz praktischen Gründen. Oligopole mit Staaten gleichstellen, das ist dann doch zu heftig. Und die Gefahr unterschiedlicher Verträge liegt auf der Hand. Der Gedanke der PK-VN setzt sich schließlich durch. Es ist der Gedanke der Rechtseinheit: Auf jedem Flecken der Erde gilt das gleiche Recht- und die erhöhte Legitimation einheitlicher Regelungen durch eine PK-VN geben den Ausschlag.

Auf der Tagesordnung der PK-VN im Herbst 2026 stehen viele Punkte. Allen Beteiligten ist klar, die Setzung gemeinsamer Regeln wird nicht an einem Tag oder in einer Woche möglich sein. Deshalb gibt es bald eine breite Mehrheit dafür, die Parlamentarierkonferenz als ständig tagendes Gremium zu verankern. In Arbeitsgruppen sollten Entscheidungen vorbereitet werden. Die PK-VN würde am Ende des ganzen Prozesses die Rolle der UN-Vollversammlung einnehmen. Selbstverständlich unternehmen die Oligopole in den jeweiligen Nationalstaaten den Versuch, Einfluss auf die zu entsendenden und schließlich auch entsandten Parlamentarier zu nehmen. Eine kritische Öffentlichkeit schaut allerdings genau hin, wer zur PK-VN delegiert wird. Die meisten Teilnehmer/innen der PK-VN verpflichten sich deshalb, jeden Termin mit Lobbyisten bekannt zu geben.

Am Anfang der Tagung im Herbst 2026 geht es um – Überraschung - Geld. Die Macht der Banken bröckelt seit Jahren, zu spät hatten sie den Nutzen von Blockchain und der daraus entwickelten digitalen Währung erkannt. Die vielen FinTech Unternehmen hatten einen  

Großteil des Geldtransfers und die Kreditvergabe übernommen. Alles lief völlig unkontrolliert ab. Mobile Bezahlmodelle waren jenseits irgendeiner Aufsicht entwickelt worden. Die PK-VN legt also als erstes Regulierungsvorschläge für FinTech-Unternehmen auf den Tisch, die das Bezahlen bequem machen, anonyme Bezahlmöglichkeiten erlauben und gleichzeitig eine strikte Zweckbindung der Datennutzung festlegen. Gleichzeitig wird eine Aufsichtsbehörde geschaffen. In unmittelbarem Zusammenhang mit der Regulierung von FinTech-Unternehmen legt man eine Datenschutz-Verfassung und eine sog. Internetverfassung vor.

Ein Meilenstein – die neue Verfassung

Die Datenschutz-Verfassung sieht auf der Grundlage des Eigentumsbegriffs der sogenannten Internetverfassung ein Eigentum an persönlichen Daten vor. Nur wenn jemand seine Einwilligung gibt, können die Daten verwendet werden. Jegliche Geschäftsidee, die auf Datennutzung basiert, soll klaren weltweiten Vorgaben genügen. Privacy by Design (Datenschutz durch Technik), Privacy by Default(datenschutzfreundliche Grundeinstellung) und einfach verständliche Informationen zur Datenverwendung werden weltweiter Standard. Soweit ein öffentliches Interesse an Daten von Einwohner/innen besteht ist es möglich –im Rahmen des aus Deutschland bekannten früheren Artikel 14 Abs. 2 GG - auf eine Einwilligung zu verzichten. Trotz erheblicher Anstrengungen können Oligopole und Monopole nicht verhindern, dass sich Open Source Software und Datenportabilität als Standard durchsetzen. Im Rahmen der sog. Internetverfassung wird ein einklagbarer Anspruch eines jeden Menschen auf Zugang zum Internet verankert. Hinzu kommen die Definition von Daten als Eigentum, das Recht auf Vergessenwerden, der Anspruch auf wesentliche Nachvollziehbarkeit von Algorithmen (unter Wahrung des Betriebs- und Geschäftsgeheimnisses), das Recht auf Informations- und Meinungsfreiheit, die Gewährleistung einer soziale Absicherung durch ein bedingungsloses Grundeinkommen, das Recht, als Urheber/in an den Erträgen aus digitaler Nutzung der von ihnen geschaffenen Kunst- und Kultur beteiligt zu werden, die Festlegung der Netzneutralität, und der Anspruch, das Entstehen von Monopolen und Kartellen zu verhindern. Schließlich wird auch ein Recht auf Datensicherheit und ein Recht auf Hard- und Software zur Beteiligung am sozialen Leben festgeschrieben.

Gerade das in der Verfassung festgeschriebene Recht auf Vergessenwerden war jahrelang eine Domäne der privaten Anbieter und Oligopole. Je nach selbst gesetzten Regelungen hatten sie entscheiden können, was gelöscht werden durfte. Einen Rechtsweg gegen ihre Entscheidung hatte es nicht gegeben. Es lag in der Natur der Sache, dass diejenigen die sich Anwälte leisten konnten und über entsprechende finanzielle Mittel verfügten, unliebsame Veröffentlichungen eher löschen konnten, als Menschen mit geringem Einkommen. Das Recht auf Vergessenwerden soll jetzt diesen Zustand beenden. In Kombination zwischen Eigentumsrechten an Daten und einer digitalen Archivgesetzgebung strebt die PK-VN endlich klare gesetzliche Vorgaben an. Sie sollen sowohl das Recht des Einzelnen schützen, als auch dafür sorgen, dass auch noch in 2000 Jahren historische Dokumente auffindbar sind.

In einem zweiten Schritt will sich die PK-VN mit dem Urheber- und dem Erbrecht beschäftigen. Seit einigen Jahren sind eigentlich alle Menschen Urheber/innen. Sie sind in sogenannten sozialen Netzwerken unterwegs und das, was sie produzieren, wird von vielen anderen gelesen. Ohne diese Beiträge würden die sozialen Netzwerke nicht existieren. Lange Jahre haben sie mit den Inhalten der Nutzer/innen Geld gemacht. Sie stellten diese Geschäftsidee sogar noch als Großzügigkeit dar, schließlich müssen die Nutzer/innen nichts zahlen. Doch irgendwann hatte sich langsam die Idee durchgesetzt, dass es eigentlich umgedreht ist: Die Nutzer/innen sorgen durch ihre Inhalte dafür, dass die sogenannten sozialen Netzwerke überhaupt Geld verdienen können. Im Rahmen der PK-VN gingen die Überlegungen also dahin, deren Betreiber zu verpflichten, die Nutzer/innen entsprechend der von ihnen hervorgebrachten Inhalte und deren Verbreitung auch finanziell zu entschädigen. Ob diese Idee sich durchsetzen wird, ist im Jahr 2026 noch nicht klar. Die Debatte um diesen Vorschlag ist aber heftig. Darüber gerät die Diskussion, wie Wissen und Kunst jedem/jeder zugänglich gemacht und eine Weiterverarbeitung urheberrechtlicher Werke ermöglicht werden kann, fast in den Hintergrund. Das liegt aber auch daran, dass zunehmend die sog. Vermittler aus der Beziehung zwischen Urheber/in und Nutzer/in verdrängt wurden. Beim Erbrecht wollen die Teilnehmer/innen der PK-VN vereinbaren, wer unter welchen Bedingungen Zugang und am Ende auch Eigentümer von digitalem Erbe wird. Dazu müssen vor allem die Regelungen einer gesetzlichen Erbfolge und der Reichweite eines Testamentes vereinheitlich werden.

In einer dritten Runde soll es um das Vertragsrecht und die Unternehmensbesteuerung gehen. Die Frage, welche Ansprüche Verbraucher/innen gegenüber Hersteller/innen und Händler/innen haben, insbesondere welche Schadensersatz- und Garantieleistungen bestehen, soll dabei im Mittelpunkt stehen. Hinsichtlich der Unternehmensbesteuerung zeichnet sich ein Konflikt ab: Während die einen die Besteuerung am Sitz des Unternehmens vornehmen wollen, sehen die anderen die Notwendigkeit, eine Besteuerung dort vorzunehmen, wo das Geschäft abgewickelt, also der Umsatz erzielt wird. Zumindest solange noch Monopole existieren, erscheint letztere Variante für die radikal-libertär-sozialen Parteien der Welt der bessere Weg zu sein.

Eines der schwierigsten Themen soll in einer vierten Runde geklärt werden. Das ist die Frage, was alles mittels Strafecht verfolgt werden soll. Seit vielen Jahren sind die Regelungen, insbesondere im Hinblick auf die Meinungsfreiheit, unterschiedlich. Hinzu kommt, dass es immer noch Diktaturen gibt, in denen Meinungsfreiheit – trotz der Internetverfassung - nicht wirklich gewährleistet ist. Es besteht die Vermutung, dass man sich hier nur auf einen schmalen Korridor gemeinsamer Regelungen wird einigen können. Dieser Punkt wird bewusst an das Ende der Debatte gelegt um auch vor dem Hintergrund der Ergebnisse der anderen Runden ins Detail gehen zu können.

Die Verhandlungen der PK-VN werden im Übrigen per Livestream übertragen. Jede Delegation hatte sich bereit erklärt, Anregungen der Einwohner/innen ihres Landes, soweit sie ein Quorum von fünf Prozent der Einwohner/innen erreicht haben, in die Verhandlungen einzubringen. Davon wird rege Gebrauch gemacht.

Ob die Menschen im Jahr 2050 mit den Vereinbarungen aus dem Jahr 2026 und den nachfolgenden Regelungen durch die PK-VN zufrieden sind, wird sich zeigen.

Gib mir Musik… Zukunftsmusik

Gib mir Musik… Zukunftsmusik!


Über den Autor Daniel Bartsch

Daniel Bartsch, * 1971 – kann ohne Musik nicht leben, auch, wenn diese sich bei ihm, ganz Old-School-Gothic, hauptsächlich ums Sterben dreht. Eine Zeit lang floss seine Freude über „gute Noten“ auch in Musikrezensionen von Online-Musikmagazinen. Und weil das Ende vielleicht

 


doch nicht so nah ist, schien es lohnenswert, bei der schönsten hörbaren Nebensache der Welt auch mal in die Zukunft zu schauen.

Daniel Bartsch ist stellvertretender Pressesprecher der Partei DIE LINKE.

Im Februar 2015 beteiligte sich Will Butler an einem Projekt der britischen Tageszeitung „The Guardian“. Der Musiker sollte an jedem Tag einer Woche einen Song zu einem Beitrag aus der jeweils aktuellen Ausgabe schreiben. Das Aufbäumen der jungen griechischen Linksregierung, ihr Kampf gegen die Schuldenkrise hatten es ihm an einem der Tage angetan. Er schrieb den berührenden Song „Clean Monday“. Bis zum Februar 2016 wurde dieser Titel bei „youtube“ etwas mehr als 6.100 Mal angesehen.

Nun, Will Butler ist nicht Irgendwer, er und sein Bruder Win sind die Köpfe der kanadischen Indie-Rockband „Arcade Fire“. Mit ihren Songs über Vorstädte und die Unzulänglichkeiten moderner Zeiten füllen sie die größten Stadien der Welt, David Bowie war Fan und Förderer, sie zählen U2 zu ihren Anhängern. Ihr Titel „The Suburbs“ wurde auf der erwähnte Videoplattform bisher rund 15.000.000 Mal angesehen.

Zig Millionen Klicks bei einem schönen Lied über das Leben im Vorort gegen ein paar Tausend bei einem Song, der sehr konkret politisch Stellung bezieht. Was sagt das aus über Musik, über ihre Möglichkeiten? Was sagt das aus über den Einfluss von Musikern auf ihr Publikum? Was über Marketing und den Puls der Zeit? Was sagt es aus über neue Wege und Schritte auf diesen Wegen in die Zukunft? Ganz ehrlich? Gar nichts. Eine Menge.

Ein Blick zurück, ein Blick ins Heute

Musik ist im allerbesten Fall in Noten gepacktes Gefühl, ist Seele. Insofern schwebt sie ein wenig über den profanen Dingen, wie etwa Erklärbarkeit und Rationalität, technischen Möglichkeiten, Vertriebswegen, Werbung… Wir werden also auch im Jahr 2026 noch Mozart hören, Édith Piaf und David Bowie. Oder Lieder anstimmen, die schon die Proteste gegen den Vietnam-Krieg in den 1960er Jahren begleiteten, wenn es in zehn Jahren noch immer unfriedlich ist auf der Welt. Was musikalisch von Wert ist, bleibt – unabhängig davon, ob die Musik von CD, aus einer Wolke oder einem implantierten Chip im Gehörgang kommt. Und das Schöne dabei: WIR, jede und jeder Einzelne von uns wird nach wie vor selbst entscheiden, was von Wert für ihn oder sie ist.

Und doch sind die veränderten technischen Möglichkeiten und Musik nicht zu trennen, da braucht das Geistige, Fühlbare – da braucht die Seele einen Körper. Im Guten, wie im Bösen. Segen und Fluch werden auch in der nächsten Dekade nicht zu trennen sein. Dazu später – zunächst ein Blick zurück, ein Blick ins heute; vielleicht lässt sich etwas gebrauchen für den Blick nach vorn.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war das „Machen“ von Musik weitestgehend Profis überlassen, die entsprechend ausgebildet waren und die ihre Kunst an den Höfen der Könige und Fürsten, in den Villen von Magnaten aller Art und eher selten zur Freude des gemeinen Volkes darboten. Eine kleine Musikerelite spielte für eine kleine gesellschaftliche Elite. Es war ein wenig wie auf dem Transfermarkt für Fußballer: man kaufte sich gegenseitig die musikalischen Genies ab, gab mit ihnen an und diese lieferten dann entsprechend Auftragskunst.

Dem Pöbel blieben Gassenhauer, Volks- und Kinderlieder oder Schmähgesänge – und natürlich die sakralen Gesänge in den Kirchen und der Marschgesang beim wechselseitigen Morden. Dass heute von allem etwas überliefert ist, bedeutet nicht, dass die musikalische Welt im Gleichgewicht war. Mehr Seele war aber vermutlich beim Pöbel in der Gasse und auf den Festen.

Die Französische Revolution hier nicht zu erwähnen wäre ein unverzeihlicher Patzer. Wie für so viele gesellschaftliche Bereiche, war sie auch für Kultur und Musik eine Art Initialzündung. Die Umsetzung der Idee von Freiheit und Gleichheit nahm auch der Musik ihre Fesseln. Öffentliche Musikschulen, Orchester und Chöre gerade für das Volk wurden gegründet. Alles toll und schön – aber an der prinzipiellen Einteilung von Musik der Hochkultur für wenige und Geräuschen für den großen Rest änderte das nicht grundlegend etwas. Immerhin – ein Hauch von Demokratie wehte. Und auch wenn man sie nicht sofort zu Zwillingen erklärt, Musikentwicklung und Demokratisierung sind nicht voneinander zu trennen.

Der technische Fortschritt des 20. Jahrhunderts gepaart mit den „Errungenschaften“ der modernen Industriegesellschaft ließen das Kulturgut Musik einen gewaltigen Sprung nach vorn machen: Es waren viel mehr Menschen da, die nach getaner Arbeit Vergnügen bei Musik und Tanz suchten und neue Techniken erschlossen wiederum neue Hörerkreise. Fast alle Menschen zu erreichen war technisch möglich – und wurde umgesetzt.

Mit Musik lassen sich Affen dressieren – und so folgten Hunderttausende neuen Ideologien, zu Parolen unter Fahnen, begleitet von Musik. Gemeinsam Gesungenes schafft Gemeinschaft – auf dem Weg in eine neue Zeit, auf dem Weg ins Verderben. Das machten alle Ideologien gleich schlecht – also, auf perfide Weise gut. Sowohl die, die schon in den Texten zur Musik ankündigten, dass ihnen morgen die ganze Welt gehöre und sie weiter marschieren, auch wenn alles in Scherben fällt, wie auch diejenigen, die die einzige Wahrheit gepachtet hatten, der Partei in Liedform immer Recht gaben und das kollektive Glück auf Erden besangen.

Der Trick bei den einen, wie den anderen und allen Heilsbringern dazwischen war, dass es immer erst so aussah, als ginge es um unsere Unterhaltung…aber kaum im Kino mussten man die Filme bis zum, in der Regel blutigen, Showdown ansehen. Eindeutig keine Ausnahme bilden da im Übrigen die aufpeitschenden, extrem modernen Songs in IS-Werbevideos oder allerlei Werbevideos für die Armeen dieser Welt. Musik als Lockmittel für die Verwirklichung von Allmachtphantasien.

Musik braucht Freiheit

Also und zurück: Neue Ordnungen ordneten auch die Kultur und mit ihr die Musik. Gefühle aber lassen sich nicht verordnen: Liebe, Wut, Trauer, Rebellion lassen sich schwer kanalisieren. Musik braucht Freiheit – und die will erobert sein. Jazz und Swing, Freibeuter gegen die (Ver)ordnung, erste ernsthafte Subkulturen mit dem Drang zum Höheren. Nicht nur Unterhaltung, sondern viel, viel mehr, sind Lebensgefühl, Rebellion, politisch aufgeladen.

Und es etabliert sich ein Muster, das bis in Gegenwart und wohl auch Zukunft existent ist: Subkulturen erobern sich erste kleine Räume, breiten sich aus, werden Massengeschmack, dominieren eine Zeit lang den Zeitgeist und werden - kaum, dass sie Mainstream sind - von neuen aufstrebenden Untergrundbewegungen weggewischt. Dazwischen wetteifern Gut und Böse um die Lösung der Frage nach Huhn und Ei. Die Musik-Industrie kauft und verkauft, macht den Niemand zum Star und schickt ihn nach Verwertung ins Niemandsland zurück. Damit die Maschine läuft braucht es aber immer neue Künstler, manche Sterne leuchten hell und lange, andere verglühen fast sofort in der rauen Atmosphäre. Wieder andere zerbrechen an dem, was die Industrie aus ihnen gemacht hat, was sie unter dem Druck – letztlich – selbst aus sich gemacht haben. Der „Club 27“ findet immer neue Mitglieder.

Rock’n’Roll, Flower-Power, Glam-Rock, Punk, Post Punk, 80er, Techno, Grunge – allesamt mit der Kraft des Ursprünglichen gestartet, als Bettvorleger der Massenkompatibilität gelandet. Parallel dazu die Technik: Schallplatte, Tonband, Kassette, CD, MP3… Ganz Kapitalismus-like erstickt der Konsument im (Über)Angebot der – mittlerweile – gigantischen Musikindustrie. Was gut zu finden ist, wird der Masse weitgehend diktiert. Die Folge über Jahrzehnte: „Penetranz statt Varianz“ – wie es David Foster Wallace in einem anderen Zusammenhang nannte.

Aber immerhin, es ist bei Weitem ja nicht alles schlecht, denn im Konsumverhalten wächst mit dem Angebot auch die Chance auf Emanzipation. Hier verstanden als Prozess der Abkoppelung des Einzelnen vom großen Ganzen, meinetwegen auch der Selbstbefreiung aus musikalischer Unmündigkeit, der musikalischen Norm von Schlager, Schnulze, heiler Welt.

Man hat zunehmend die Aus-Wahl, auch, wenn selbst diese noch ausgeschlachtet wird – natürlich eigentlich, denn die Verwertungskette ist es zu Ende, wenn sie am Arsch ist. Ende der 50er/Anfang der 60er werden so flächendeckend „Hitparaden“ eingeführt, Musik-Ranglisten, die sich am Verkauf orientieren, der in der Regel als Zustimmung zum Produkt gilt. Demokratie light, wie im echten Leben. Begrenztes Angebot an Parteien oder Musik, Wahlen im Rhythmus von vier Jahren oder einer Woche.

Aber und trotzdem: Auf Konsumentenseite herrscht beinahe Demokratie, bzw. ein Demokratie-Äquivalent. Dieses sorgt dafür, dass, z.B. in die heile Welt der ZDF-Hitparade mit „dem Dieter, dem Thomas, dem Heck“, diesem Ausbund aus Gute-Laune-Kitsch und seichter LaLa-Musik in den 80er Jahren plötzlich die „Neue Deutsche Welle“ bricht. Kreativ, bunt, zuweilen wütend und kritisch wird in der musikalischen Komfortzone des Bildungsbürgertums aufgeräumt, sehr zum Verdruss der Menschen in Ohrensesseln an Couchtischen mit Käseigeln. Aber es ist gut! So gut so!  

Die Karten werden neu gemischt

Und dann kommen die 90er Jahre und mit ihnen erst der Computer, flächendeckend in Heimnutzung, und dann das Internet. Die Karten werden neu gemischt, es gibt Sieger, es gibt Verlierer. Und ja – die Industrie gehört mit einem Mal zu den Verlierern.

Das digitale Zeitalter macht Vieles möglich. Das beinahe Wichtigste jedoch ist, dass der Konsument ein Werkzeug an die Hand bekommt, dass ihn selbst zum Produzenten macht. Nie zuvor war es einfacher, Musik selbst zu machen – es brauchte nicht einmal mehr Garagen oder mühsam erspartes, geborgtes Equipment wie zu Zeiten des 3-Akkorde-Punk.

Millionen tanzen auf der „Loveparade“ in Berlins Straßen zu Klängen, die mit Tastatur und Maus im Jugendzimmer entstanden. Vielleicht ist das wirklich eine Revolution. Die zweite Hälfte gelingt dann mit dem Internet. Nun ist es ebenso einfach, seine Musik an die Hörerin, den Hörer, zu bringen. Künstler und Konsumenten emanzipieren sich weiter von den Vorgaben der Industrie, machen ihre Deals jetzt untereinander selbst. Musikalische Volksabstimmungen finden im Internet statt – Graswurzelrevolution, Bewegung, Kampf dem Kapital. Eigentlich alles drin, für sozialromantisches Schwärmen. So einfach jedoch ist es auch wieder nicht.

Die Musikindustrie hatte den Trend verpennt – statt innovativ aufzuholen, versuchte sie am Beginn des neuen Jahrtausends ihre Macht zu restaurieren, mit Hilfe von Gesetzen und Verboten. Dazu kam, dass mit „illegalen“ Downloads der Musik etablierter Künstler die Gewinne der Industrie schrumpften (cool!) aber auch die Einnahmen der Künstler wegbrachen (nicht so cool, wenn man davon leben muss!). Gegenwärtig sortiert sich einiges neu, auf allen Seiten werden Chancen und Möglichkeiten ausgelotet.

Musik gehört zum bedingungslosen Grundeinkommen

An dieser Stelle stehen wir nun, das Internet als Zentrum des Ganzen. Hier spielt – im wahrsten Sinn – die Musik. Und wird es weiter tun. Um Wünsche, Fantasien oder Utopien für 2026 zu äußern, war der Blick zurück zwingend – einfach, um zu verstehen, welchen Weg wir gegangen sind, wie weit wir es gebracht haben. Musik hat keine Revolutionen ausgelöst, aus keinem Proberaum kam der gesellschaftliche Umsturz. Aber Musik hat Revolutionen begleitet, Hymnen zu Umstürzen geliefert – hat Herzen gewärmt, Glut entfacht – zwischenmenschlich, gesellschaftlich.

Viel bedeutender aber ist, mit dem Blick in die Zukunft, dass Musik quasi zum bedingungslosen Grundeinkommen geworden ist. Sanktionsfrei, wenn man nicht gerade in einem Fahrstuhl steckenbleibt, in dem Justin Bieber aus den Boxen… äh…, nun ja… singt.  

Musik begleitete die Emanzipation, die Loslösung, von Konventionen und Zwängen auf vielen Ebenen – ist letztlich selbst Emanzipation. Musik durchlief, viel schneller als die Welt, einen Prozess der Demokratisierung – ist letztlich reiner Ausdruck von Demokratie. Musik ist gesamt-gesellschaftliche Übereinkunft (siehe Helene Fischer) oder reinster Ausdruck von Individualität.

Und weil das so ist, weil wir so weit gekommen sind, gibt es einen kleinen Vorsprung für uns als gewöhnliche Hörerinnen und Hörer; der Konsument bestimmt den Trend. Deshalb ist es an uns, Vielfalt zu ermöglichen, zu bewahren und zu gestalten.

Wenn alles gut geht, ist 2026 das Internet DIE Datenautobahn als Umgehungsstraße, die großzügig um Musik-Industrie, Verwertung und Vermarktung herumführt. Jede und jeder soll die Chance haben, sich auf der großen Bühne zu probieren, wenn er mag – und jede und jeder machen den Star, wenn es ihm oder ihr gefällt, egal, wann es uns gefällt.

Allein der individuelle Geschmack, die eigene Laune, das selbsterlebte Ereignis, das es musikalisch zu untermalen gilt, wird Grundlage für Erfolg von Musik. Nicht die Größe des Budgets entscheidet, nicht die Größe der Werbetafeln, nicht die gekauften Minuten Airplay.

Niemand wird etwas dagegen haben, dass ein Wirtschaftszweig sich um eine vernünftige Infrastruktur für Künstler kümmert – aber reinreden in künstlerische Prozesse, Bedarfe nach niedlichen Boy-Bands kreieren und am Ende Drogenwracks ausspucken, das große Geld mit emotionslosem Plastic-Pop machen – NIE WIEDER! Wenn es den Bedarf danach wirklich gibt und ihn jemand freiwillig befriedigt, dann passt das zusammen. Aber Bevormundung, Entmündigung – NIE WIEDER!

Wer sich jetzt auf einer rosa Sound-Cloud sieht, muss sich - von links gesehen – eines aber klar machen: Das bedeutet auch Verantwortung. Es ist sicher schön für das linksdrehende Bewusstsein im Jahr 2026 (hoffentlich und spätestens) die reine Verwertungslogik der Musikindustrie überwunden zu haben, die zu oft auf „Tits ´n´ Ass“ setzt, als auf Seele. Schön, wenn Subkultur und Mainstream chancengleich, gleichberechtigt und gleichwertig sind. Schön, wenn feiste Plattenbosse ihre Besetzungscouch zum Sperrmüll tragen. Schön, wenn Konzertkarten dann wieder reelle Preise haben, weil kein Rattenschwanz an Mitessern mitverdienen will. Schön, schön, schön…

Worin unsere Verantwortung liegt

Aber: Auf der anderen Seite müssen wir auch die negativen Seiten der Internet-Umsonstkultur überwinden. Wenn heute selbst von Major-Firmen unabhängige Streamingdienste Musikerinnen, Musikern und Bands nur Cent-Beträge zahlen für gestreamte Songs, wird das in Zukunft nicht aufgehen. Ja, in der Demokratie die wir wollen, ist es mit dem „Kreuzchen machen“ nicht getan. Es braucht Verantwortung, Engagement und die Bereitschaft, selbst etwas zu leisten. In diesem Fall einen Obolus, der es Musikerinnen und Musikern erlaubt, von ihrer Arbeit – und das ist es – auch zu leben. Auch gut zu leben, meinetwegen.

Die Zeiten der überaus materialistischen Sicht, welche die Fabel von der geigenden Grille und den fleißigen Ameisen predigt, sind hoffentlich für immer gegessen. Auch wenn Grille wie Künstlerinnen und Künstler eher immaterielle Werte schaffen – wie oft geben sie uns mit ihrer Musik die Kraft für das plagenreiche Tagwerk. Wir müssen die Musik schützen und stützen.

Die Möglichkeiten, unseren Beitrag zu leisten, Verantwortung zu übernehmen, stehen vielleicht noch am Anfang, aber es zeichnen sich bereits mögliche Formen ab. Stichwort „Crowdfunding“. Getreu dem Motto, dass Kleinvieh auch Mist macht, suchen Musikerinnen und Musiker, junge Bands ohne vertragliche Bindung an Plattenlabel und Musikverlage mit der Online-Spendenbüchse nach Finanziers. Hier geht es nicht ums große Geld, sondern um Starhilfe. Viele Leute, Fans und Liebhaber kleiner, feiner Musikprojekte ermöglichen durch ihre Zahlung, dass Kosten für Studio, Instrumente, Gestaltung und Pressen von CDs zusammenkommen. Das erlaubt vielen Künstlern überhaupt erst, sich im Konzert der Kolleginnen und Kollegen einzureihen, sich dem Wettbewerb um Fans und Liebhaber zu stellen. Und es gibt Resultate. Der eine oder andere Diamant im Schlamm der Unterhaltung konnte so schon zutage gefördert werden.  

Und wir müssen uns von der Erwartungshaltung verabschieden, dass alles schon gut würde, wenn es nur gerecht zugeht. Auch 2026 wird Musik nicht nur aus sozialkritischen Balladen und rebellischer „Fuck the System“-Attitüde bestehen. Zum Glück. Das Lied zum ersten Kuss, das Lied zur Hochzeit, den (vorher) ausgesuchten Song zur eigenen Beerdigung, der Soundtrack zum Sonnenuntergang – all das soll und wird weiterbestehen.

Aber ein Lied zur Lage in Griechenland erhielte dann vielleicht die Aufmerksamkeit, die es verdient.

Wissenserweiterung oder Instant-Medien? Film und Fernsehen im Jahre 2026

Wissenserweiterung oder Instant-Medien?
Film und Fernsehen im Jahre 2026


Über den Autor Detlef Kannapin

Detlef Kannapin, Jg. 1969, Dr. phil., Promotion 2005 zum Umgang mit NS-Vergangenheit im deutschen Spielfilm als Ost-West-Vergleich, zahlreiche Veröffentlichungen zur deutschen und internationalen Filmgeschichte, zu Politik und Philosophie der Gegenwart, letzte größere Veröffentlichung: Vernunft im Abseits. Aufsätze  

 


zum Studium des Klassenkampfes (2015), Organisator und Moderator der Filmreihe "3 D - Deutsche Demokratische Dokumente", arbeitet zur Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter von Roland Claus in der Fraktion DIE LINKE im Bundestag, lebt in Berlin.

Was gezeigt werden soll

Zunächst die (potenziell) gute Nachricht: Auch im Jahre 2026 wird es Film und Fernsehen geben. Wie beide Medienformen dann aussehen werden, steht buchstäblich in den Sternen. Da Prognosen ja immer etwas Lächerliches an sich haben, selbst wenn sie ernst gemeint sind, ist gerade auf dem sich technologisch (weniger inhaltlich-ästhetisch) rasant weiterentwickelnden Feld der audiovisuellen Medien Vorsicht geboten, wenn es um Spekulationen geht. Die Idee, sich zur Zukunft von Film und Fernsehen auf der Basis heutiger Medienwirklichkeit zu äußern, entspringt der strategischen Überlegung, aus emanzipatorischer Perspektive durch Herleitung, Warnung und Zielvorstellung etwas zur Verbesserung medialer Übertragungsformen beizutragen. Die dabei gemachten Erkenntnisse sind nicht einfach naiv-utopisch zu behandeln, sondern sollen als Antizipationen wahrgenommen werden – also als Bestandteile einer konstitutiven und kritischen Auseinandersetzung mit den möglichen Entwicklungslinien dieser Medien unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen.

Dabei sind Zukunftsbilder noch nie nur reine Hirngespinste gewesen, noch nicht einmal im Zentralgenre der ästhetischen Verdichtung kommender Zeiten, dem Genre der Science-Fiction bzw. der utopischen Erzählkonvention. Immer spielen Wünsche und Ängste, Wahrscheinlichkeiten und Perspektivpotenziale der Gegenwart die entscheidende Rolle, die allein in eine Zukunft transferiert werden, um ihre Wirkungskraft zu erhöhen, ästhetisch zu verfremden und damit zugleich zu verdeutlichen. Film und Fernsehen haben diesen Aspekt in ihrer mittlerweile 130- bzw. 90-jährigen Geschichte für sich zu nutzen verstanden, ob die Beiträge nun ideologisch zwiespältig wie „Metropolis“ (1927), fortschrittsverbunden wie „Der schweigende Stern“ (1960), popkulturell codiert wie in „Star Trek“ (1966-69 und ff) und „Raumpatrouille Orion“ (1966) oder dystopisch-verhängnisvoll wie in „Solaris“ (1972 und 2002) oder „Blade Runner“ (1982) ausgerichtet sind. Man sollte daher stets darauf achten, dass die prognostischen Elemente mit den realistischen Gegebenheiten des außermedialen Kontextes verbunden bleiben, um nicht völlig haltlosen Illusionen zu verfallen.

Es gibt im Zusammenhang mit der analytischen Einordnung von Film und Fernsehen nun zunächst das Problem, dass man vorab in Grundzügen daran erinnern muss, was bisher geschah, um zu zeigen, was beide Medien könnten, was beide Medien schon einmal konnten und wie sich ihnen theoretisch zu nähern ist, bevor auf deren Zukunftsprojektion eingegangen werden kann. 2026 ist ja nicht mehr lange hin, und ohne eine wenigstens rudimentäre Rekonstruktion des mediengeschichtlichen Hintergrundes sind emanzipatorische Positionen auf Sand gebaut.

Was bisher geschah

Vor etwa zwanzig, fünfundzwanzig Jahren sah die ideologische Struktur der audiovisuellen Medien (Film und Fernsehen) in ihren Grundelementen so aus: Es fand erstens eine ausschließlich lineare Informationsübertragung vom Sender zu den Empfängern statt. Zweitens gab es eine räumlich und zeitlich unüberbrückbare Distanz zwischen Sender und Empfänger. Drittens waren mediale Inhalte Produkte in ästhetisierten Formen, denn ohne Attraktivitätseffekte wären reine Informationen als abstrakte Größen kaum massetauglich. Und viertens transportierten audiovisuelle Medien Ausschnitte der sozialen Wirklichkeit – die verantwortlichen Medienproduzenten, Redakteure, Journalistinnen und Journalisten entschieden über die Relevanz von Nachricht, Berichterstattung und Botschaft. Zu dieser Zeit existierten auch noch Rudimente sozialistischer Medien, die aber in Auflösung begriffen waren. Die dominierenden kapitalistischen Medienkomplexe, deren Wachstum unbegrenzt schien, vervollkommneten sich.

Der technologische Fortschritt des Computerzeitalters hat seitdem neben den traditionellen Medien eine neue informationelle Infrastruktur der digitalen Medien entstehen lassen. In dieser Parallelwelt zweier Medienformen sind die traditionellen Medien fast bruchlos weiter durch die genannten ideologischen Grundelemente geprägt, während sie in den digitalen Medien modifiziert zur Geltung kommen. Das obige Präteritum gehört also ins Präsens zurückübersetzt, zumal das Leitmedium heute immer noch das Fernsehen ist. Rechnergestützte Vereinfachungen der Informationsübermittlung haben vor allem für eine zeitliche Straffung des Medienprozesses gesorgt. Die Distanzierung zwischen Codierung und Decodierung von Informationen fällt nun deutlich schwerer, deren Zwischenzeiten sind immer kürzer geworden und zum Teil kaum noch wahrnehmbar. Nach wie vor ist man aber angehalten, die Medieninhalte auf ihren Wahrheitswert zu prüfen (die Agenturmeldung kann genauso ideologisch sein wie der Blogeintrag), und zu den fatalsten Folgen der Euphorisierung der digitalen Möglichkeiten zählt die Missachtung der theoretischen und empirischen Konsequenzen einer allein schon aus Gründen des exorbitant gestiegenen Informationsumfangs unreflektierten Mediennutzung. Entscheidend ist beurteilen zu können, was einen anzugehen hat und was nicht.

Will man den Stellenwert des Verhältnisses von audiovisuellen Medien und Digitalisierung mediengeschichtlich bestimmen, so sind zunächst drei Autoritäten heranzuziehen, die von den ersten Auswirkungen der Binärcodeverarbeitung entweder nur träumen konnten oder sie lediglich theoretisch durchdachten. Dennoch haben sie uns einiges dazu zu sagen: aus ethischer Sicht der Publizist Saul Ascher, aus medientheoretischer Sicht der Soziologe Paul F. Lazarsfeld und aus praktisch-politischer Sicht der Kybernetiker Georg Klaus.

Saul Ascher (1767-1822) schrieb 1818 eine Adresse an den preußischen König mit der Überschrift „Idee einer Preßfreiheit und Zensurordnung“. Darin heißt es: „Es kommt alles auf die Form an, wie es gesagt wird. Die Wahrheit, schlicht und dürre vorgetragen, wird für den, den sie von der schwachen Seite trifft, nie solchen Nachteil bewirken und nie so tief verwunden, als wenn sie mit hämischen Ausfällen, beleidigenden Floskeln und satyrischen Seitenhieben ausgestattet wird. Und die Lüge, Sophisterei und Verleumdung wird es nie der Mühe wert halten, sich hervorzudrängen, wenn sie nicht schadenfroh, stechend oder vergiftend sich äußern kann. Es gibt daher jetzt für die Regierung keinen anderen Ausweg, wenn sie eine begrenzte Preßfreiheit üben lassen will, als Form und Materie der schriftstellerischen Arbeiten zu trennen. Über die Form mögen die Zensoren wachen, nicht über den Inhalt. Sage ein jeder im Staate über jeden Zweig der Verwaltung und deren Handhaber, was er Tadelnswertes daran findet, sage er es aber nach der vorgeschriebenen Form. Spreche er wie ein Mann die Wahrheit, einfach, ungeschmückt, bescheiden und ernst. Was bedarf es mehr, wenn es darauf ankommt, etwas Gutes und Heilsames zu bewirken?“

Verfasst für die Seriosität der Publizistik, aber nicht weniger relevant für die ethischen Grenzen der Darstellbarkeit von Informationen überhaupt, ist die Anwendbarkeit auf Film und Fernsehen wenig praktikabel und verfassungsrechtlich sicherlich höchst prekär. Aber allein, dass hier Bedenkenswertes vorgetragen wird, das selbst auf die Verantwortung der Medienproduzenten zielt (und unter derzeitigen Umständen weniger auf den Staat), zeigt die perspektivische Bedeutung auch für Film und Fernsehen. Es ist sehr fraglich, ob man zur Erklärung von Familientragödien den Tod von Kindern wirklich zeigen muss (Alfred Hitchcock verneinte das unbedingt, Lars von Trier praktizierte es) oder ob das Wissen über die Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg erst erreicht wird, wenn die Kamera die Mordtaten in den Gaskammern als Nachstellung begleitet. Man muss also außerhalb des analogen wie digitalen Mediensektors nach den Ursachen für das Vergreifen in Ton und Form suchen.

Der Soziologe Paul F. Lazarsfeld (1901-1976) schrieb 1941 den Aufsatz „Bemerkungen über administrative und kritische Kommunikationsforschung“. Darin beobachtete er, dass die wesentlichen Verhältnisse der Massenmedien nicht innerhalb der Medien selbst zu studieren sind, sondern am Zustand der Literatur, des Bildungs- und Ausbildungssystems, des kulturellen Entwicklungsstandes und in der aktuellen Situation der sozialen Kämpfe sichtbar werden. Oskar Negt kommentierte 1973 diesen Text mit den Worten: „Das Zentrum einer kritischen Medientheorie bilden nicht die Medien.“ Nie wäre dem Lazarsfeld von 1941 und auch nicht dem Negt von 1973 eingefallen, den Unsinn zu glauben, das Medium sei die Botschaft. Sozialistische Medienkundige wie Peter Hacks haben sich das gemerkt. Wo das Mittel nämlich die Botschaft selbst sei, verzichtet man darauf, nach dem Absender zu fragen. Das bedeutet für die Zukunft aller Medien: Das Zentrum des theoretischen Zugangs zu ihnen und zu ihren Inhalten bilden nicht die Netze, Algorithmen oder Datenverkehrswege, auch wenn jene die Mediendistribution nachhaltig prägen werden.

In seiner letzten Abhandlung „Rationalität – Integration – Information“ formulierte der Kybernetiker Georg Klaus (1912-1974) dies: „Meiner Meinung nach wird es in Zukunft überhaupt keine Sachbücher mehr geben. Auch in der Sammlung von belletristischen Werken wird man sich auf wertvolle, bibliophile Ausgaben beschränken. Die Orientierung für künftige Wohnungsbauer kann also nicht heißen: Für jede Familie eine Privatbibliothek, sondern: Jeder Familie einen Anschluss an ein umfassendes Informations-, Bildungs- und Unterhaltungssystem. Die technische Lösung eines solchen Problems ist nur eine Frage der Zeit und der finanziellen Mittel. Ich darf jedoch hier schon darauf hinweisen, dass ein solches System das Problem der Verantwortung und der weiteren Entfaltung unserer Demokratie stark in den Vordergrund rückt. Denn erstens bedarf ein solches System einer permanenten Rückkopplung, beispielsweise um die Wünsche und den Entwicklungsstand der Verbraucher zu ermitteln, es bedarf aber auch der ständigen Mitarbeit der Werktätigen an der Programmgestaltung. Mit Sicherheit lässt sich feststellen, dass ein Informations- und Unterhaltungssystem großen Stils im Kapitalismus unweigerlich zu einer für die Massen schädlichen Manipulation führt.“ Das war 1974 und in der DDR. Lapidare und glasklare Sätze. Man kann, so ist zu folgern, den Weg in die Digitalisierung (mit Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Film- und Fernsehprodukten) nicht bestimmen, ohne von Manipulation zu reden.

Bedauerlicherweise findet exakt eine solche Wendung in den Debatten über die gesellschaftlichen Grundlagen des derzeitigen Medienwandels, trotz aller Litaneien über Gefahren der Super-Data-Highways, der maschinellen Verselbständigung, von Ausspähung, Kommunikationsüberwachung und Verlust der Privatsphäre oder Netzneutralität, kaum Widerhall. In ethischer Perspektive verläuft sich der Ärger über die Missachtung zivilisatorischer Regeln in der Empörung über empörende Empörer. In medientheoretischer Hinsicht gilt den Kanälen und der Schaltung alles, der damit transportierten Ideologie im Produkt nichts. Im praktisch-politischen Bereich scheut man den Begriff der Manipulation wie weiland den des Kommunismus unter Hinweis darauf, dass der inzwischen zum Co-Produzenten umdefinierte kulturindustrielle Konsument ja interaktiv mitmacht.

Völlig vergessen erscheinen frühe Mahnappelle wie die von Joseph Weizenbaum, wonach der Computer Probleme lösen soll, die ohne ihn gar nicht da wären. Auch zeitgenössische Warnungen wie jene des Romanautors Daniel Suarez, dessen technische Schriften in ihren Science-Fiction-Plots die sehr realen Möglichkeiten der kompletten sozialen Handlungsunfähigkeit durch technologischen Rationalismus thematisieren, werden kaum wahrgenommen. Technikfetischisten und Fantasten der Allgläubigkeit an die umfassende algorithmische Erdbefriedung, wie z.B. Luciano Floridi mit seiner These vom Eintritt in die Hypergeschichte durch die Abhängigkeit der Gesellschaft von Informations- und Kommunikationstechnologien, verkünden eine nahezu paradiesische „immaterielle“ Zukunft, während nicht weniger betörte Skeptiker (z.B. das Autorenduo Buckhardt/Höfer) auf der anderen Seite jede Gegenbewegung vergeblich finden und eine digitale Weltvernichtung für unausweichlich halten (zwischen dem Binärcode Null/Eins liegt die Entscheidung zwischen Allem und Nichts, alles darüber hinaus, darum herum usw., vor allem die Widersprüchlichkeit, sei überholt). Die meisten Aufregungen kreisen bei Leuten wie Mercedes Bunz und Jewgeni Morozov, ehedem bei Frank Schirrmacher und bei Ilija Trojanow etc. höchstens um die Auswüchse der Digitalisierung, die angeblich durch die Restitution bürgerlicher Rechte wieder eingerenkt werden könnten.

Mitnichten. Die Wirkung der Manipulation ist gerade dann am treffsichersten, wenn sie überhaupt nicht mehr als solche erkannt wird. In der jetzigen Situation dürfte für jeden ziemlich offensichtlich sein, dass sich durch Digitalisierung und Internet nicht ein einziges repressives oder ideologisches Herrschaftsmittel überlebt hat. Im Gegenteil: Es gilt nicht nur mehr denn je das Hacks-Wort, dass, wer Medien habe, keine Zensur mehr brauche, sondern es bewahrheitet sich auch der alte Hegel-Satz, dass nicht mehr begriffene Dinge einfach nicht mehr sind. Insofern gilt dem Blick zurück in die Mediengeschichte mindestens so viel Aufmerksamkeit wie dem nach vorn.

Was in der Mediengesellschaft passiert

Unter der Überschrift „Vom Überleben in der Mediengesellschaft“ imaginierten Markus Metz und Georg Seeßlen 2011 in einem kurzen Abschnitt ihrer Arbeit „Blödmaschinen“ eine Medienfamilie der Gegenwart, die versucht, sich miteinander über den Begriff Mediengesellschaft zu verständigen. Der jüngere Sohn der Familie fragt reihenweise zunächst den zeitunglesenden Vater, dann die radiohörende Mutter, dann den netzaffinen älteren Bruder und schließlich die musikhörende Schwester danach, was eine Mediengesellschaft ist. Da er von keinem eine Antwort bekommt, weil alle mit „ihrem“ Medium beschäftigt sind, begibt sich der Junge vor den Fernseher, wo gerade „Raumschiff Enterprise“ läuft. Eine selbstgewährte Antwort des Jungen könnte lauten: Alles geht schneller, auch das Vergessen, meistens gibt es Bilder, nie wird geschwiegen, und ich bekomme in dieser Familie eben keine Antwort, weil alle mit irgendetwas Medialem etwas machen oder es über sich ergehen lassen. Da ist das Fernsehgerät offenbar doch vertrauenswürdiger als die Ignoranz der nächsten Mitmenschen. Irgendwann haben die Familienmitglieder jedoch ihren Medienkonsum beendet und erinnern sich an den fragenden Quälgeist. Der Vater sagt: Die Mediengesellschaft ermöglicht die permanente indirekte Kommunikation. Die Mutter betont: Jeder kann an der Kommunikation teilhaben. Der Bruder stellt fest: Das Internet klärt unbestechlich über Missstände auf. Die Schwester meint: Jeder kann im Netz Musik unbegrenzt teilen und hören. Nun allerdings scheint der Junge vor dem Fernseher einen eigenen Kurs zur Definition der Mediengesellschaft durchlaufen zu haben, denn er entgegnet: „Jetzt glaube ich euch nicht mehr.“ Und versenkt sich wieder in die unendlichen Weiten des Enterprise-Universums.

Metz und Seeßlen weisen innerhalb ihrer konstruierten Überlebensgeschichte der Mediengesellschaft darauf hin, wo das eigentliche Problem der zukünftigen Ausgestaltung von Medien liegen könnte: in dem Verlust der Fähigkeit, menschliche Fantasie zur Erzeugung von Bildern und Erzählungen einzusetzen. Die wahre Medienkrise besteht ihnen zufolge weniger darin, dass sich Medien weiter ausdifferenzieren, „konvergieren“, ineinander verschränken oder „zu viel“ werden (wobei aus ideologiekritischer Sicht die überbordende Informationsredundanz natürlich doch ein Problem darstellt, da Entscheidungen immer schwerer fallen und sich vor allem das Zeitkontingent erhöht, um auf dem „neuesten Stand“ zu bleiben – informativ wie unterhaltungstechnisch). Die Medienkrise ist vielmehr Ausdruck einer Krise der Perspektive, wohin die Gesellschaft gehen soll, und damit eine Krise der produktiven Haltung zur Welt. Wo der Mensch als schlecht dargestellt wird und das meiste zweifelhaft erscheint, ist die Wiedergewinnung des Rohstoffes Fantasie (an allen Enden der Kanäle) ungleich schwieriger als in Zeiten des mittelbar Möglichen und Gerechtigkeit erzielenden Zusammenlebens. Es wird nicht überliefert, ob der Junge im Weltall das Fantastische wiederfindet.

Was wahrscheinlich ist

Das Filmbild bleibt nach wie vor die Grundlage aller weiteren audiovisuellen Entwicklungen auf der Basis bewegter Bilder. Fernsehbilder funktionieren exakt nach dem filmischen Modell, ob in der Direktübertragung, der Aufzeichnung, der Kinofilmausstrahlung oder der Fernsehfilmeigenproduktion. Wesentlich für diese Übereinstimmung ist die Montage als Grundproduktionsprinzip des Films, die auch beim Fernsehen Anwendung findet. Dadurch hat sich ein dialektisches Verfahren als visuelles Produktionsmuster etabliert, da Montagetechniken, je nach Einsatz und Verantwortung, enthüllende und verhüllende Funktionen erfüllen können, die in sich widersprüchlich sind, weshalb sich eben nicht in den Werken selbst, sondern erst in ihrem Kontext ein synthetischer Gesamtcharakter für die Interpretation erschließen lässt. Durch die anfangs sehr anfällige Übertragungstechnik des Fernsehens war der Film im Kino über lange Zeit das ästhetisch attraktivere Medium, selbst wenn das Fernsehen durch die Privatrezeption zu Hause (bald auch „Heimkino“ genannt) den einfacheren Zugang bot. Die Konkurrenzsituation zwischen Kinofilm und Fernsehen seit Ende der 1950er Jahre resultierte daher hauptsächlich aus einem Mobilitätskonflikt. Allerdings ist am Verhältnis von Kino und Fernsehen aus medienhistorischer Sicht auch abzulesen, warum die Zunahme der Variabilität von Medienformen nicht notwendigerweise zum Verschwinden eines Mediums führen muss.

Die unter dem Stichwort „Medienkonvergenz“ geführte, oftmals weit in die Beliebigkeit reichende Debatte über die zukünftige Medienordnung und Medienanordnung berührt an einigen Stellen zwar auch den Stellenwert von Film und Fernsehen, kommt dabei aber in der Regel fast ohne Kenntnis der beiden wesentlichen Strukturelemente (die Grenzen der dialektischen Montage und die Relevanz des Bildschirms) aus. Die produktionsästhetische Angleichung von Film und Fernsehen, die seit etwa zwei Jahrzehnten zu beobachten ist, hat nicht nur Gründe in der veränderten Marktmacht von Fernsehanstalten im Medienverbund oder im sich ausdifferenzierenden Wahrnehmungsverhalten des Publikums. Vielmehr ist nämlich möglich, dass die Digitalisierung im Bildbereich erstmals den dialektischen Charakter der audiovisuellen Medien sprengen könnte. Das liegt substanziell daran, dass sich erstens die Produktivität der Zivilisation zunehmend ohne rationale Zwecksetzung (Algorithmen „erzeugen“ Algorithmen) darbietet (was sich natürlich auch in der Verarmung bildästhetischer Formen manifestiert), dass zweitens die technologischen Erfindungen der Gegenwart aus sich heraus keine gesellschaftlichen Probleme lösen, stattdessen bislang mehr hervorrufen, die dann wieder mittels Technik gelöst werden sollen (Anpassung der Bildstrukturen an Datentransformationen), und dass drittens der evolutionäre Grad des technischen Fortschritts seiner (auf Gesellschaft bezogenen) geistigen Durchdringung weit vorauseilt.

Der Soziologe Arnold Hauser hat darauf hingewiesen, dass die Kultur- und Kunstgeschichte bis etwa zum Beginn des 20. Jahrhunderts davon geprägt war, im Widerstreit zwischen Evolution und Revolution zu stehen. Die Technisierung, Verwaltung und Durchkapitalisierung der Welt verhindert nun aber zunehmend kulturelle und ästhetische Äußerungen, die auf jede dieser Kriterien kritisch Bezug nehmen könnten, so dass überhaupt nicht mehr vorstellbar erscheint, andere als die gesellschaftlich vorhandenen Ausdrucksformen zu akzeptieren. Mit anderen Worten: Die gesellschaftliche Funktion der audiovisuellen Medienbilder zur Antizipation wird eliminiert. Hauser sah in der Dialektik die unbedingt typische Gesetzlichkeit historischer Vorgänge und in dieser Hinsicht auch ihre weitere Gültigkeit gegeben. Er betonte jedoch darüber hinaus, dass Widersprüchlichkeit nur dann eine sinnvolle wissenschaftliche Kategorie ist, wenn sie durch sich selbst zu Problemlösungen führt: zur Verwirklichung der Totalität des menschlichen Daseins, zur Überwindung der Entfremdung gegenüber den Resultaten und den Denkformen des Produktionsprozesses und zur Wiederaneignung verdinglichter sozialer Vermittlungsformen.

 

Der Digitalisierungsprozess in seinen bisher bekannten Ausmaßen hat nicht die Absicht, Widersprüchlichkeit zu offenbaren und aufzulösen. Durch technische Vereinfachung, radikale Beschleunigung, Verführung zur und Ausführung einer manipulatorischen Produktionspraxis potenziert die Digitalisierung im Moment die negative (die gesellschaftlichen Verhältnisse verhüllende) audiovisuelle Bildbestimmung, die nicht an der Identifizierung der Fehler des Systems interessiert ist. Es handelt sich hierbei nicht um die Manipulation aus einer verschwörerischen „Zentrale“, die sich angeblich hinter den Fassaden der Informationsflut verbirgt. Sondern es gilt anzuerkennen, dass eine aus den ökonomischen und politischen Systemanforderungen des Kapitals gespeiste Gesetzmäßigkeit dafür sorgt, den Kontext seiner eigenen Bedingungen so konsequent wie möglich zu verschleiern. Dazu gehört vor allem die statuarische Setzung der Gegenwart als immerwährend, um historische Bezugspunkte und zukünftige Emanzipationsplanungen gleichermaßen zu denunzieren und abzuwehren.

Der wichtigste analytische Gegenstand audiovisueller Kernwahrnehmung ist heute der Bildschirm. Das mag sich wie eine Binsenweisheit anhören. Allerdings sollte angemerkt werden, dass die hohe Ausstattungsdichte mit Bildschirmen im Alltagsleben des entwickelten Kapitalismus, die exorbitante Zunahme der Telearbeit und Teleunterhaltung sowie die Selbstverständlichkeit, mit der viele soziale Tätigkeiten am Bildschirm ausgeführt werden, sicherlich dazu berechtigen, die jetzige Gesellschaftsform als intensiv bildschirmabhängig zu betrachten. Und diese Abhängigkeit verändert natürlich quantitativ, sensorisch und qualitativ die Bildwahrnehmung. Benutzeroberflächen sind standardisierte Bilder, die in sehr engen Grenzen visuelle Informationen transportieren. Alternative Größenordnungen und Formate müssen an die Bildschirmgröße angepasst werden, womit nahezu programmiert ist, nur noch passgerechte Bilder für den Bildschirm zu produzieren. Die Vergrößerungs- und Verkleinerungsbefehle erweitern zwar formal den Sichtkreis der Betrachter auf Totalen oder Details - Gesamteindrücke gehen dadurch aber genauso verloren wie kontextuelle Zuschreibungen von Details.

Freilich war die Erfindung des Fernsehens der Ausgangspunkt für die Dominanz des Bildschirms. Allerdings hatte sich das Fernsehmedium darauf beschränkt, als partiell eigenständiges Mittel der Bildübertragung zu fungieren und dabei alle anderen Bilderformen (Fotografie, Kino, bildende Kunst) in ihrer Autonomie relativ unangetastet zu lassen. Die computerbasierte Bildschirmkonstitution ist hingegen darauf angewiesen, alle Bildermodalitäten auf die Größe des Bildschirms zu verlagern. Das ist mittlerweile so weit gegangen, dass selbst die kleinsten Bildschirme in Mobiltelefonen für Medien genutzt werden, die dafür weder ausgerichtet noch vorgesehen sind, was dazu führt, dass sich einerseits der Bildeindruck ändert und andererseits Formatabweichungen als störend empfunden werden. Zwar dürften die immer wiederkehrenden Klagen verschiedener Medienschaffender wie zuletzt vom Filmregisseur Quentin Tarantino über die unpassende Formatübertragung des Breitwandkinofilms auf Smartphones auch einem durchaus inadäquaten Ressentiment gegenüber subjektiv empfundener Fehlwahrnehmung eigener Werke geschuldet sein, aber die Kritik am Prinzip einer unsachgemäßen Verwendung lässt sich sicherlich nachvollziehen. Wichtiger hingegen ist jedoch die Tatsache, dass sich dadurch die Wahrnehmung grundsätzlich zu ändern beginnt, denn im Zuge der Medienmobilität werden kognitive Fähigkeiten (Aufmerksamkeit, Erfassung und Verarbeitung von Informationen und Eindrücken, Konzentration aufs Wesentliche u.a.) nach und nach „anwendungstechnisch umgeschult“ – mit von heute aus gesehen kaum abschätzbaren Folgen. Der ursprüngliche Grundsatz jedenfalls, dass technische Vorgänge keine Beeinträchtigung der ästhetischen Qualität darstellen, ist durch die Vorherrschaft des Bildschirms radikal in Frage gestellt worden.

Nach einer Beobachtung von Mark Fisher hat sich in der populären Musik seit etwa Mitte der 1990er Jahre keine Stiländerung ereignet. Das heißt nicht, dass es im Popbereich gar keine, den engen Konventionen dieser Musikgattung entsprechenden innovativeren Neuerungen gegeben hätte, aber irritierend sei das schiere Fortbestehen identifizierbarer Muster, das für jene, die mit ständig wechselnden Unterkategorien in der Popmusik aufgewachsen sind, verstörend wirken müsse. In der Tat scheinen die heutigen Elterngenerationen (es sind in den letzten zwanzig Jahren inzwischen schon wieder zwei) alles wiederzuerkennen und als gewohnt einzustufen, was ihre Kinder als „aktuelle Hits“ hören und dem Stand der Adoleszenz angemessen gut finden. Hätte Adorno z.B. die Punkmusik noch erlebt, wäre er vermutlich auf der Stelle tot umgefallen – heutige Musikwissenschaftler und Musikphilosophen changieren eher phänomenologisch zwischen sog. „neuer Klassik“ (= „theoretischer“ Musik), Popattitüden, der Recyclingfunktion moderner Musikstile wie Jazz oder sog. „Weltmusik“ und klassischen sinfonischen Werken hin und her, um noch so etwas wie Funken einer augenblicksübergreifenden Bedeutung zu finden. Für Fisher ist dieser Stilstillstand ein kulturelles Symptom und gleichbedeutend mit dem Aufkündigen der Zukunft, was mit einer „Deflation der Erwartungen“ einhergeht.

Damit stellt sich die Frage, ob und inwiefern davon Film und Fernsehen betroffen sind und welche Entwicklungslinien sich daraus ergeben. Beim Film ist eine ähnliche stilistische Stagnation zu konstatieren, die schrittweise mit dem Niedergang des Realsozialismus und dem Aufkommen der Digitalisierung im Weltmaßstab einsetzte, und die bis heute anhält. Während die technologische Komponente der Ablösung analoger Produktions- und Distributionsmechanismen durch digitale weder das eigentliche Problem darstellt (auch für die entsprechende Sicherung der Filmarchivbestände wird es Lösungen geben), da sich die hauptsächliche Rezeptionsform der Filmwahrnehmung weiterhin in (jetzt digitalisierten) Kinos bzw. an Heimbildschirmen abspielen wird, noch der Film in seiner jetzigen bekannten Form als audiovisuelle Erzählung verschwindet, bezieht sich diese Beurteilung vor allem auf die inhaltlichen und formal-ästhetischen Aspekte des Films. Die Vermutung, wonach die Kategorie des Bewegungsbildes wie auch das Kino als bevorzugter Standort des Filmkonsums früher oder später obsolet werden, erfasst mit dem eher hilflosen Stichwort „Postkinematographie“, ist mindestens zu voreilig. Wenn man vielmehr rückblickend bedenkt, dass filmästhetische Novitäten sparsam gesät sind und sich ansonsten der Kinofilm in einer ziemlich gleich aussehenden Dreierschleife aus Abenteuerblockbuster, Familien-/Animationsfilm und subjektiviertem Depressionsdrama nahezu kreisförmig reproduziert, dann muss die wesentliche Problemstellung des Films auf diesen beiden Ebenen gesucht werden. Inhaltlich wie formal dominieren durchschaubare Handlungs- und Personalkonstellationen, die Dramaturgie ist größtenteils schematisch, bildästhetisch prägend sind Halbtotalen, die Filmmusik formalisiert sich immer mehr, und letztlich geben sich „Problemfilm“ (unter dem höchst fragwürdigen Label „Kunsthaus“/„Arthouse“) und Unterhaltungsfilm psychologisch wenig differenzierten Erwartungshaltungen hin. Erschwert wird die Orientierung durch eine ausgesprochen zahnlose Filmkritik, die oft klingt, als käme sie aus den Marketingabteilungen der Studios und Produktionsfirmen. (Wie immer bestätigen Ausnahmen die Regel, allerdings dürften die im Höchstfalle drei bis fünf haftenbleibenden, gesellschaftlich und künstlerisch verantwortungsvollen Filme im Jahr wohl kaum davon zeugen, dass die Filmkunst eine wiedergewonnene Blütezeit erlebt.) Der Hauptmakel ist die fehlende progressive Gesellschaftsorientierung, die in den meisten Fällen zu realitätsnahen, aber negativ-melancholischen Werken führt. Darüber hinaus entstammt die weiter oben erwähnte Verarmung bildästhetischer Formen einer Verschüttung früherer filmischer Möglichkeiten, wobei die Filmtradition nicht als nachahmenswerte Beispielhaftigkeit für das Streben nach Verbesserung des einmal Erreichten, sondern als nostalgischer Steinbruch betrachtet oder als unverständliche Vorgeschichte virtueller Perfektionshysterie behandelt wird. Wahrscheinlich ist, dass sich dieser apathische Zustand vorläufig nicht ändert.

Das Fernsehen wiederum hat im letzten Vierteljahrhundert in seiner herkömmlichen Form als lineare Programmmaschine eine unglaubliche Regression durchgemacht. Konnte es in der Umbruchzeit 1989/90 und bis dahin durchaus als Paradebeispiel eines funktionierenden Diskursmediums gelten, so dass der Medienwissenschaftler Klaus Kreimeier noch 1995 ein „Lob des Fernsehens“ zu schreiben geneigt war, muss heute, im Verhältnis zur damaligen Heterogenität der Programmangebote vom pädagogischen Aufklärungsfernsehen bis zum kulturell ambitionierten Fernsehspiel in der Hauptsendezeit, eine absolute Reduktion der Bandbreite des aufgeführten Informations- und Unterhaltungsmaterials konstatiert werden. Trotz regulativer Eingriffe ist das Hauptelement des Fernsehens die Werbung, an deren quantitativer Ausbreitung sich die Kommerzialisierung des Alltagslebens hervorragend ablesen lässt. Die voranschreitende Privatisierung der Fernsehlandschaft kann naturgemäß unter den herrschenden Verhältnissen nur die weiterführende Kommerzialisierung zum Ziel haben, wobei der Programmcharakter sich konstant in Richtung der fließenden Ununterscheidbarkeit von Inserats-Fernsehen, Product Placement, Verkaufskanälen und Quotensendungen bewegt. Was vor etwa zwanzig Jahren in kritisch gemeinten Programmankündigungen noch ironisiert wurde („RTL 22.15 Uhr: Werbung, dazwischen Boxen.“), besitzt heute kein Aufregungspotenzial mehr. Es vermag kaum zu überraschen, dass aufgrund dieser Tendenzen (auch im Kino sind die Weiterungsmöglichkeiten der Werbeverbreitung durch Ausdehnung der Werbezeit vor dem Film, Aufführungsunterbrechungen oder Inserateinblendungen noch längst nicht ausgereizt) die jüngeren Generationen unter 50 Jahre sich mehrheitlich von der gängigen Form des linearen Fernsehens abwenden und Angebote bevorzugen, die unabhängig vom stationären Empfangsort und einer vom Sender festgelegten Zeit wahrgenommen werden. Das Verhältnis zu den eher weniger mobilen und auch bislang noch formatbezogen weniger variablen älteren Generationen über 50 wirkt sich wegen des demographischen Faktors momentan noch so aus, dass das traditionelle Fernsehen prozentual im Medienkonsum weiterhin als Leitmedium fungiert.

Es ist aber sehr wahrscheinlich und bereits jetzt abzusehen, dass die lineare Form des Fernsehens an Bedeutung verliert und durch Formen der mobilen und verteilten Fernsehnutzung abgelöst wird. Das sind dann sicherlich noch Fernsehprogramme, wobei die weltweit operierenden Medienkonzerne vor allem auf dem Sektor der Nachrichten und Information alles daransetzen werden, ihre Monopolstellung zu behaupten. Wissen und Information werden jedoch mehr und mehr über verteilte Netzwerke generiert, weshalb die wesentliche Frage der nächsten Zeit die ist, ob der Mobilitätszugewinn durch digitale Übertragungstechnik aus dem Fernsehen ein offenes, vielschichtiges System macht oder ob große Internetfirmen über ihre Datenmanipulationen auch die digitalen Kanäle schließen und monopolisieren. Die Entscheidung darüber ist durchaus offen, obwohl jede Informationsdienstleistung auf Entgeltbasis natürlich in der kapitalistischen Verwertungslogik zur Schließung des Systems führt. Auf der Seite der Unterhaltung ist es dem Fernsehen seit einiger Zeit gelungen, über die Produktion anspruchsvoller Serien eine politische und soziale Dimension zurückzugewinnen. Hier spielen Streamingdienste eine wichtige Rolle, die bei der stetigen Verbesserung der Übertragungswege und der Endgeräte ihren Anteil an der Programmstruktur sukzessive erhöhen werden und ja zum Teil auch bereits als Eigenproduzenten in Erscheinung treten. Durch die permanente Abrufbarkeit ist für die Konsumenten nicht nur eine zeitunabhängige Empfangbarkeit, sondern auch eine flexible Wiederholbarkeit des Empfangs gegeben, was darüber hinaus (parallel mit anderen Trägermedien) eine Mehrfachverwertung ermöglicht. Ob die Fernsehserien als Epen tatsächlich, wie schon einige Male gemutmaßt, den Grundstein für die audiovisuelle Erzählform des 21. Jahrhunderts legen, muss sich zeigen. Interessant ist in jedem Fall, dass die sich etablierenden Serienproduktionen ihre nicht weniger attraktiven Vorläufer in den mehrteiligen Fernsehromanen der 1960er Jahre haben, die nicht umsonst damals „Straßenfeger“ genannt wurden.

Was zu vermeiden ist

Im Prinzip ist das, was wahrscheinlich ist, überwiegend auch das, was zu vermeiden wäre. Das bedeutet, dass wir heute offenbar in einer Welt zu leben verdammt sind, in der ihr Untergang realistischer zu sein scheint, als die Abschaffung des Kapitalismus und damit der Beginn der menschlichen Gesellschaft. Allerdings ist diese defätistische Diagnose auch keineswegs neu, denn bereits der Gesellschafts- und Sprachkritiker Karl Kraus hat sich vor mehr als einhundert Jahren geweigert, an einer Welt teilzuhaben, die sich im Kino daran weidet, ihre eigene Zerstörung ästhetisch vorweg zu nehmen. Die Beispiele dafür sind Legion, und es ist höchst bezeichnend, dass film- und fernsehpolitisch bedeutsame Innovationen eher davon ausgehen, dass es keinen kollektiven Ausweg gibt, die Welt wirklich schlecht ist und der Sozialismus unmöglich. Im Kinofilm sind die „Avengers“ (2008 ff) und diverse Katastrophen-Szenarien (Muster „The Day After Tomorrow“ von 2004 oder wirtschaftspolitisch „The Margin Call“ von 2011) unterwegs, im Fernsehen liefert eine Serie nach der anderen Abgründe (mal irrational wie in „The Walking Dead“ seit 2010, mal autoritär wie „24“ bis 2015, mal ohnmächtig wie in „Trepalium“ von 2015 oder auch demokratisch eingehegt wie in „Borgen“ 2010-2013), mit der Anrufung ans Publikum, dass der Zustand der Gesellschaft noch lange nicht der ist, der er schrecklicherweise sein könnte. Das Fatum lautet hier: „Schlimmer geht’s immer.“, wobei natürlich stets eine moralische Instanz davor warnt, „es“, zumindest in Zukunft, nicht „soweit“ kommen zu lassen. Einige wenige Beiträge erahnen immerhin eine Situation dauerhafter Unsicherheitsvalenz, die prägend zu werden sich anschickt, solange und soweit keine perspektivische Änderung in Sicht ist – als Innenansicht einer überforderten Gesellschaft (z.B. im Kinofilm „Die Jagd“ von 2012) oder als Nebeneinander von Krieg und Frieden der Klassen in der Innen- und Außenpolitik (z.B. mit der Fernsehserie „Occupied – Die Besatzung“ 2015 ff). Da eine höhere Stufe der Ausbeutung nicht mehr möglich ist, gibt es nur zwei Varianten, die an die althergebrachte Alternative „Sozialismus oder Barbarei“ erinnern, nämlich endlich soziale Emanzipation oder eine Art Neofeudalismus.

Zu vermeiden ist im Rahmen des derzeitig Gegebenen eine weitere Auslieferung an die Kommerzialisierung der Gesellschaft, was natürlich mit ökonomischen Mitteln nicht erreicht werden kann, sondern nur auf ordnungspolitischer Grundlage. Zu vermeiden ist weiterhin die unreflektierte Hinnahme der Manipulation durch sämtliche Arten konformer Berichterstattung, seien diese nun „öffentlich-rechtlich“, was ja immer auch bedeutet, im rechtlichen Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft, oder „privat“, was ja nur ein euphemistischer Ausdruck dafür ist, dass das Programm ein Vehikel des Tauschwerts darstellt („eine halbe Stunde ‚Fox News‘, und man hält den Springerkonzern für ein Projekt der Erben der Kritischen Theorie“, wie Dietmar Dath und Barbara Kirchner sagen). Die kritische Reflektion des medialen Angebots bleibt Gebot der Stunde (zusammen mit der Forderung, dass Information einen „sozialen Wert“ hat, der eigentlich nicht verhandelbar sein dürfte), wobei besonderes Augenmerk darauf zu legen sein wird, dass der manipulative Charakter der Medieninformation nicht großflächig in die Selbstmanipulation der Konsumenten übergeht, was ja durchaus leider schon passiert. Damit einher geht auch die Warnung vor der totalen Vernetzung, deren Apostel ihre Segnungen der Erleichterung des technischen Lebens preisen, ohne ganz bewusst darüber zu reden, welche individuellen Verwerfungen auf uns zukommen können, wenn jeder mit jedem „verbunden“ ist.

Was wünschenswert ist

Wünschenswert ist natürlich ein Kino- und Fernsehprogramm, das zur Erweiterung des Wissens über die Funktionsweise der Gesellschaft und die Überwindung ihrer menschenfeindlichen Elemente beiträgt. Insofern muss eine reale Antizipation zumindest Hinweise geben, wie die Wissenserweiterung durch Medien bewerkstelligt und die Ausbreitung von Instant-Medien verhindert werden kann. Es gibt unter den derzeit herrschenden Bedingungen dafür zwei Möglichkeiten: politische Regulation und Umgehung des Systems. Die erste Möglichkeit betrifft die Stärkung des staatlichen Hintergrunds, nicht im Sinne der unkontrollierten Aufblähung des staatlichen Sektors, sondern im Hinblick auf die wahrzunehmende Verantwortung staatlicher Stellen für die verfassungsmäßig garantierte Grundversorgung mit gesellschaftlich relevanten Informationen, Daten und Unterhaltungsformaten. Das heißt, Medienunternehmen müssen politisch gezwungen werden, in ihren Angebotsstrukturen gesellschaftliche Anforderungen zu problematisieren. Da sich der Medienkreislauf in der Warenform aus Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis herstellt, sind regulative Eingriffe vonnöten, um zumindest die administrativen und produktionstechnischen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich emanzipatorische Inhalte, unabhängig von ihren Wirkungsfaktoren, entfalten können.

Die Umgehung des Systems ist in Zeiten von Digitalisierung und Internet rein technisch gesehen kein Problem mehr, sofern Programmierung und Prozessierung mit einem kollektiven Ziel vermittelt werden. Die heute noch bekannten Arten des Güter- und Informationsaustausches können Auslaufmodelle werden, wenn sich die Produktionsgrundlage nicht mehr nach notwendiger Arbeitszeit bemisst. Die Möglichkeit anderer Verkehrsformen ist durch die Digitalisierung erheblich erweitert worden, was übrigens auch den Einsatz eines emanzipatorischen Mediengebrauchs und die alte Vorstellung des gesellschaftlichen Mitredens und Eingreifens über Medien durch alle befördert. Die entscheidende Frage für das Jahr 2026 wird sein, wie sehr Film und Fernsehen noch nach dem traditionellen warenproduzierenden Muster der Medienkonzernstrukturen funktionieren und inwieweit sich die digitale Sphäre davon erfassen lässt.

 

Literatur:

  • Saul Ascher: Idee einer Preßfreiheit und Zensurordnung (1818), in: Flugschriften, Mainz 2011, S.173-192.
  • Martin Burckhardt/Dirk Höfer: Alles und Nichts. Ein Pandämonium digitaler Weltvernichtung, Berlin 2015.
  • Dietmar Dath/Barbara Kirchner: Der Implex. Sozialer Fortschritt: Geschichte und Idee, Berlin 2012.
  • Mark Fisher: Gespenster meines Lebens. Depression, Hauntology und die verlorene Zukunft (2014), Berlin 2015.
  • Luciano Floridi: Die 4. Revolution. Wie die Infosphäre unser Leben verändert (2014), Berlin 2015.
  • Peter Hacks: Unter den Medien schweigen die Musen. Begründung einer Wissenschaft (1989/90), in: Hacks Werke Band 13, Berlin 2003, S.425-461.
  • Arnold Hauser: Soziologie der Kunst, München 1974.
  • Georg Klaus: Rationalität – Integration – Information. Entwicklungsgesetze der Wissenschaft in unserer Zeit, Berlin 1974.
  • Karl Kraus: Untergang der Welt durch schwarze Magie (1908-1925), Frankfurt/M. 1989.
  • Klaus Kreimeier: Lob des Fernsehens, München-Wien 1995.
  • Paul F. Lazarsfeld: Bemerkungen über administrative und kritische Kommunikationsforschung (1941), in: Dieter Prokop (Hg.): Kritische Kommunikationsforschung, München 1973, S.7-27.
  • Paul Mason: Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie (2015), Berlin 2016.
  • Markus Metz/Georg Seeßlen: Blödmaschinen. Die Fabrikation der Stupidität, Berlin 2011.
  • Georg Seeßlen/C. Bernd Sucher (Hg.): Postkinematografie. Der Film im digitalen Zeitalter, Berlin 2013.
  • Daniel Suarez: Daemon / Darknet / Kill Decision / Control, Reinbek 2009-2014.
  • Joseph Weizenbaum: Computermacht und Gesellschaft, Frankfurt/M. 2001.
  • Hartmut Winkler: Prozessieren. Die dritte, vernachlässigte Medienfunktion, Paderborn 2015.
  • Tim Wu: Der Master Switch. Aufstieg und Niedergang der Medienimperien (2010), Heidelberg, München u.a. 2012.

Die Linke und ihre Angst vor dem Kontrollverlust

Die Linke und ihre Angst vor dem Kontrollverlust


Über die Autorin Kathrin Gerloff

Kathrin Gerlof, Jahrgang 1962, ist Autorin und Journalistin. Ihre Romane sind beim Aufbau-Verlag erschienen, sie ist Herausgeberin der Monatszeitung „OXI Wirtschaft für Gesellschaft“ 

 


und vernetzt in Degrowth-Bewegungen und wirtschaftlichen Wandel-Initiativen. Außerdem arbeitet sie in Teilzeit, aber mit ganzem Herzen im Bundestagsbüro von Halina Wawzyniak mit.

„Nach den Gesetzen der Natur sind diese Dinge allen Menschen gemeinsam: die Luft, das fließende Wasser, das Meer und folglich auch die Küsten des Meeres.“
Kaiser Justinian, 529 vor Christus

Der Homo oeconomicus hinterlässt einen ruinierten Planten.
Massimo de Angelis, Politökonom, 2012 nach Christus

Kämpfen heißt, konkrete Auswege zu erfinden und dies, wenn möglich, gemeinschaftlich zu tun. Es steigen also diejenigen aus, die die Figur des Staatsbürgers aufgeben, und dies kann man auf zwei unterschiedliche Arten tun. Die erste besteht darin, eine andere Welt aufzubauen, die sich dieser Welt hier entgegenstellt. (…) Die zweite Art bringt Zerstörung mit sich. Nicht länger Staatsbürger zu sein bedeutet dann, die von einer erzwungenen Verantwortung erzwungenen Grenzen zu untergraben. „Die Wirtschaft ist in der Krise, soll sie krepieren!“ unmögliche Rechte zu verlangen und zu erzwingen.
Santiago López Petit, Professor für zeitgenössische Philosophie in Barcelona

Es gibt viele denkbare Szenarien, will man die Frage beantworten, wo die Linke 2026 steht, welche Rolle sie spielen und ob sie mehr Bewegung oder nur noch Partei sein wird. Gegenwärtig schlagen sich die Gutmeinenden, die weniger Gutmeinenden, die Hämischen und die Liebesblinden gern gegenseitig die Köpfe ein, indem sie bei verschiedensten Themen behaupten, die seien geeignet, über das Wohl und Wehe, über die Existenz oder Nichtexistenz der Linken zu entscheiden. Krieg und Frieden, Flüchtlinge und Entwicklungshilfe, gute Arbeit und Kampf gegen Prekarisierung, Digitalisierung und informationelle Selbstbestimmung, Geschlechtergerechtigkeit und Inklusion, Verteilung von Reichtum und Verhinderung von Armut – alles scheint und ist möglicherweise geeignet, um zu sagen, dass hier zukunftsfähige Lösungen vorliegen müssen und dass die Linke daran zugrunde gehen wird, hat sie dafür keine Konzepte. Alles stimmt wahrscheinlich. Nichts davon ist wahr. Andere Parteien beweisen, dass es auch ohne Konzepte und Lösungen geht. Eine Partei kann sehr wohl Selbstzweck, Versorgungsapparat und Auffangbecken sein, ohne jeden gestalterischen Anspruch und in aller damit verbundenen Verantwortungslosigkeit. Kaum jemand erwartet, dass Parteien die Welt vor dem Untergang retten, und die das doch tun, glauben womöglich auch an den Weihnachtsmann.

Eingedenk dessen weist die Linke, wenn sie als Partei daherkommt, eine verständlich große Angst vor Kontrollverlust auf, gepaart mit einer großen Lustlosigkeit, zu experimentieren – und sei es nur in Gedanken. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die Regel besagt, dass die Angst vor sinkenden Mitgliederzahlen, schlechten Wahlergebnissen und schlechter Presse größer ist, als die Einsicht, dass eine Partei auf lange Sicht vielleicht doch zum Untergang verdammt ist, misst sie sich ausschließlich an Umfragewerten und Einschaltquoten.

Die Autorin will deshalb an ein Zukunftsszenario in Bezug auf eine linke Partei oder sagen wir einfach DIE LINKE als Partei nicht allzu viel Gedanken verschwenden. Parteien sind eine sehr eindimensionale Antwort auf eine schrecklich vieldimensionale Welt. Ihnen gehört die Zukunft nicht, bzw. die Zukunft gehörte ihnen nur dann, wären sie bereit, sich geradezu aufzulösen in etwas anderem, Teil von etwas Größerem zu werden, sich zu zerstören, um sich neu zu erfinden: ihr staatsbürgerliches Denken aufzugeben im Sinne des Satzes: „Staatsbürger ist nicht derjenige, der denkt, sondern derjenige, der glaubt.“ (Santiago López Petit)

Das ist das eine und damit könnte dieser Text, der noch gar kein Text ist, enden. Das andere ist, dass man immer mit dem arbeiten und denken muss, was da ist. Und natürlich ist nicht auszuschließen, dass aus einer Partei heraus Impulse und Denkansätze ihren Weg in die Freiheit und damit ins Ungewisse finden. Schließlich – und das ist nicht zu verachten – verfügen Parteien über Logistik, Geld und institutionelle Räume, die dazu dienen können, dass nachgedacht wird.

Jetzt geht es um ein Thema, bei dem bislang wenig Hoffnung besteht, dass dies geschieht, das aber außerhalb von Parteien diskutiert und gedacht wird und dem zumindest die Möglichkeit innewohnt, dass es zum Überleben der Spezies Mensch und des Planeten beitragen kann. Es geht um Commons oder Allmende – beides Begriffe, die synonym für ein anderes Leben stehen.

Ich bin das Eigentum von meinem Eigentum,
bin allem hörig, was mir gehört,
ich bin besessen von dem, was ich besitze
und werd‘ gefressen, von dem, was mich ernährt.
Ich bin der Diener von dem, was ich verdiene,
ich bin der Sklave von dem, was ich versklavt.
Und allen Dingen über die ich verfüge,
füge ich mich brav.
Knorkator

Gemeingüter – auch Allmende oder Commons genannt – sind gesellschaftlicher Reichtum, zumindest so lange, wie wir die Verfügungsgewalt über sie haben. Wir meint nicht den Staat, sondern die Bürgerinnen und Bürger in ihrer Gesamtheit oder Teile der Bürger_innengesellschaft. Gemeingüter gibt es überall, sie sind Gaben der Natur und Ergebnis kreativen Handelns vorheriger und heutiger Generationen. Sie sind alt und modern zugleich, sie fördern das Gemeinwohl und den sozialen Zusammenhalt. Sie sind eine kollektiv entstandene Kultur- und Wissensallmende, über die wir mehr und mehr die Verfügungsgewalt verlieren oder bereits verloren haben. Commons sind etwas anderes als open access. Sie sind eine Form des gemeinsamen Eigentums, für die es klare Nutzungsregeln und Zugangsbeschränkungen gibt. Für open access gibt es das nicht, hier mehrt sich, was geteilt wird, weil das Teilen zugleich die Weiterentwicklung beinhaltet – beispielsweise einer freien Software.

Die Kontrolle über fast alle Dinge hat das Kapital. Gemeingüter sind dem Prozess der Einhegung unterworfen, der Wachstumslogik zum Opfer gefallen und durch die Theorie von der „Tragik der Allmende“, die Garret Hardin begründete, in Misskredit geraten. Die Tragik der Allmende geht von jenem Typus Mensch aus, der als Homo oeconomicus vor allem eigennützig handelt. Die dazu erfundene Konstruktion heißt MDI – massiv destruktives Individuum, dem man sich in diesen Zeiten gern anschließen möchte, es aber nicht tun sollte. Die Verlockung, sich dieser Auffassung vom Menschen anheimzustellen, ist allerdings groß.

Wer dies zwar nicht zugrunde legt, aber stattdessen Markt und Staat als allein taugliche Akteure beschreibt, geht davon aus, dass wir die Natur und das Ergebnis von Kreativität besitzen, nicht aber Teil von ihr sind. Was man besitzt, kann aufgeteilt, privatisiert, vernutzt und den Bedingungen der Akkumulation unterworfen werden.

In der Moderne hat sich der Markt erstmals als eine Einrichtung etabliert, die die gesellschaftliche Realität in ihrer Gesamtheit durchdringt. Das Kaufverhältnis hat unsere Körper und Seelen kolonialisiert. Wir veräußern beträchtliche Teile unseres Lebens am Arbeitsmarkt, kommen dank komplexer Finanzinstrumente namens Hypotheken zu einem Dach über dem Kopf, die von uns geatmete Luft wird auf Märkten für Kohlendioxydemissionen gehandelt, und unsere Nahrung ist Teil komplexer Spekulationsketten.

Cesar Réndueles in „Soziophobie“, 2016 bei Suhrkamp erschienen

Beide Paradigmen gehen von einem Verständnis der Commons aus, bei dem es für die Nutzung von Gemeingütern keine Regeln und keine Beschränkung gibt. Aus diesem Grund werden sie, so sie allen zugänglich sind, vernutzt, verbraucht und verspielt, bis nichts mehr übrig bleibt, was sich verbrauchen lässt und gebraucht werden kann. Garret Hardin ging in seiner Begründung der Theorie von der „Tragik der Allmende“ davon aus, dass jede Ressource übernutzt wird, wenn nicht der Staat oder der Markt eingreift. Auch diesem Gedanken liegt ein falsches Paradigma zugrunde, das von der Dichotomie Staat-Markt, die schon lange nicht mehr existiert. Staat und Markt sind längst nicht mehr zwei getrennte Bereiche, denn beide durchdringen sich zunehmend, nützen sich gegenseitig im Sinne des Machterhalts – auch bei der Einhegung der Commons. Der Staat ist Marktakteur geworden, der Markt hat den Staat in allen Bereichen mit Metastasen durchdrungen. Den Staat zu stärken und mehr Staat einzufordern bedeutet in der Gegenwart, dem Markt mehr Raum zu geben. Dessen sollte sich auch die Linke bewusst sein. Ist sie aber nicht.

Eine kurze Begriffsbestimmung

Eine erste und sehr allgemeine Definition besagt, dass Gemeingüter all jene Güter sind, die „allen Mitgliedern einer Gemeinschaft gehören, die jedem einzelnen Mitglied oder jedem Bürger bzw. jeder Bürgerin zum Nutzen oder Nachteil gereichen, weil sie Mitglieder einer spezifischen Gemeinschaft oder einfach Bürgerinnen und Bürger sind.“ (Yochai Benkler, „Wem gehört die Welt“) „Gemeingüter sind institutionelle Räume, in denen Menschen ungehindert von den für Märkte notwendigen Beschränkungen handeln können.“ (ebenda) Kein Individuum hat die ausschließliche Kontrolle über den Zugang zur und die Nutzung der Ressource. Dabei ist zu unterscheiden zwischen Gemeingütern, die offen für alle sind (Luft, Meere) und solchen, die einer Gruppe zugänglich sind und für die der Zugang begrenzt ist (Weideland, Bewässerungsanlagen).

Commons sind von der (einer spezifischen) Gemeinschaft geteilte Werte oder Interessengegenstände. Sie sind ein gemeinsames Erbe, das, was einer Gemeinschaft überliefert wurde oder was im Ergebnis Commons sind von der (einer spezifischen) Gemeinschaft geteilte Werte oder Interessengegenstände. Sie sind ein gemeinsames Erbe, das, was einer Gemeinschaft überliefert wurde oder was im Ergebnis kollektiver Produktion entstand. Commons bezieht sich auf alles, was zum Erhalt derer beiträgt, die eine Identität teilen: Biodiversität, Land, Wasser, Handlungswissen, (Transport-)Netzwerke, Sprache oder kulturelle Rituale. (...) Commons sind die materiellen Güter und das Wissen, die Menschen gemeinsam haben.“

Helfrich/Heinrich-Böll-Stiftung, „Wem gehört die Welt?“

Die Frage was alles unter Commons oder Gemeingüter fällt, ist also nicht abschließend zu beantworten. Wasser, Wald, Landschaft, biologische Vielfalt, kollektiv geschaffene kulturelle Ressourcen, freie Software (umstritten) oder Heilmittel zählen dazu. In der Diskussion wird zum Teil auch eine Unterscheidung zwischen gemeinsamen Ressourcen, die die Gemeinschaft baut/herstellt und instand hält auf der einen Seite, sowie nationalen und globalen Ressourcen auf der anderen Seite gemacht. Hinzu kommt noch die sogenannte Gabenökonomie, d.h. wissenschaftliche Erkenntnisse und Wissen im Allgemeinen. Zentrale Begriffe der Commons sind das Leihen (sharen) und Kooperieren. Leihen ist eine Möglichkeit, viele Menschen an Gemeingütern zu beteiligen, ohne diese zu verbrauchen.

Linke haben in der Mehrzahl ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Thema Commons. Sie sind für teilen, meinen aber eher „anders verteilen“ – also in neue Eigentumsverhältnisse überführen, die jedoch am Ende natürlich Eigentumsverhältnisse bleiben und somit Anstrengungen und Kämpfe zur Besitzstandswahrung zur Folge haben. Sie sind in ihren Vorstellungen weit weniger radikal als es der Kapitalismus ist, der alle Grenzen überschreitet, um seine Interessen zu verwirklichen und einzuhegen was ihm noch nicht gehört und noch nicht in Privateigentum überführt ist. Ihre Vorstellung von einer Gesellschaft bezieht sich maßgeblich auf die Beschreibung einer Arbeitsgesellschaft, in der Lohnarbeit eigennützig, aber wenn möglich zu besseren Bedingungen erfolgt. Arbeit hat ausreichend Geld zum Leben zu generieren, mit dem Geld kann konsumiert werden. An der Stelle hören viele Erzählungen der Linken auf, obwohl der Satz vollständig heißen müsste: Arbeit hat ausreichend Geld zum Leben zu generieren, mit dem Geld kann konsumiert werden, mit dem Konsumieren wird Müll produziert und die Umwelt zerstört. Die Linke in ihrer gegenwärtigen Verfasstheit orientiert sich am Haben, an einem Fortschrittsbegriff, dessen Grundlage Wachstum ist und an einer recht paternalistischen Vorstellung davon, wozu Menschen gemeinsam in der Lage sind und wozu nicht.

Commons passen da schlecht rein. Zumal sie für Parteien, aber nicht nur für die, sondern auch für andere Institutionen und Zusammenschlüsse, immer auch mit einem Kontrollverlust einhergehen. Was, wenn der Bürger und die Bürgerin seine und ihre Angelegenheiten nicht nur wirklich in die eigenen Hände nimmt, sondern auch in einer Form miteinander agiert, die den Einfluss von Parteien und im Übrigen auch Gewerkschaften etc. zurückdrängt oder obsolet macht?

Stefan Meretz schrieb in einem Artikel in der Zeitung „neues deutschland“, dass Commons kein Ding meint, sondern ein soziales Verhältnis beschreibt. So wie auch die Ware ein soziales Verhältnis definiere, das uns in dinglicher Form erscheine. Dies zu verstehen ist sehr wichtig, vor allem dann, wenn man sich die zaghaften Versuche der Linken anschaut, sich dem Thema Commons zuzuwenden. Meretz: „So wird, wie es sich in der Linken gehört, die Eigentumsfrage hervorgehoben. Das ist nicht verkehrt, doch das Eigentum steht bei den Commons nicht im Mittelpunkt. Hier geht es um den tatsächlichen Besitz, also nicht bloß um die Rechtsfrage, sondern um die reale Verfügung über die Ressourcen und Güter. (…) Linke glauben hingegen oftmals, dass mit der Eigentumsfrage gleichsam automatisch die Frage der praktischen Verfügung gelöst sei.“

Dass dies zu kurz gegriffen ist, liegt für den Autoren auf der Hand, der auf die Vollendung der Commensidee verweist, die in der Aufhebung der Warenform der Güter und der gesellschaftlichen Vermittlung durch Geld liege.  

Die Utopie ist obsolet geworden, aber sie ist die einzige Tugend, die uns bleibt.

Los Amigos de Ludd

 An Utopien, das wird auch im Jahr 2026 noch so sein, mangelt es. Auch der Linken sind sie abhanden gekommen – zumindest in Deutschland. Anderswo wird mehr nachgedacht und mehr gewagt. Das Denken und Reden der Commoners beschreibt eine andere Sichtweise auf die Welt. Wenn nicht mehr der Tauschwert aller Dinge betrachtet wird, stattdessen der Gebrauchswert in den Mittelpunkt rückt, verbietet sich die Einteilung der Menschen in Produzenten und Konsumenten. Der Begriff Verbraucher – gern genutztes Wort bei den Linken – gehörte ebenfalls auf den Prüfstand, wie so vieles andere auch. Ob wir die Welt noch in Arbeitende und Arbeitslose einteilen sollten, müsste zumindest gefragt werden, weil dahinter die Auffassung steckt, dass ein Mensch ohne Lohnarbeit gleich gar nichts tut. Über Commons nachzudenken bedeutete, sich tatsächlich dem Arbeitsbegriff zuzuwenden – an dieser Stelle hat der wachsende gewerkschaftliche Einfluss in der Linken fatale Folgen gehabt und daran wird sich auch in den kommenden zehn Jahren wenig ändern. Gewerkschaften sind mehr als notwendig in einer entfesselten kapitalistischen Gesellschaft, aber sie sind nicht geeignet, eine Neubewertung der Erwerbsarbeit vorzunehmen und auch nicht geeignet, Konzepte für solidarische Ökonomie zu entwickeln.

Die größte Hürde für Linke mag allerdings bei dem Thema Commons der radikale Pluralismus sein, dem man sich anheimstellen muss, will man es ernsthaft diskutieren und überdenken. „Preguntando caminanos“ – Fragend schreiten wir voran – soweit so gut und das wird gern auch hierzulande benutzt, wenn die Linke sich an die Zukunft wagt. Allerdings haben die Zapatisten diesem Satz hinterhergeschickt, dass man in der Geschwindigkeit vorangehen würde, die der Langsamste vorgibt. Das macht die Sache schon schwieriger, denn Parteien verstehen sich als Eliten, was sie nicht sind. Und das Tempo der Langsamsten zum Maßstab zu machen könnte bedeuten, bei den nächsten Wahlen ein paar Prozentpunkte zu verlieren.

Die Unmöglichkeit, der Entfremdung einen Bruch zuzufügen, führt uns zu einer anderen Überlegung zurück, nämlich zu den katastrophalen Zuständen, die sich am Horizont abzeichnen: Die Erschöpfung diverser natürlicher Ressourcen wie Erdöl, Gas, fruchtbarer Erde und die Knappheit an anderen wie Wasser; der Klimawandel; eine Zunahme der menschlichen Gesundheitsstörungen; der Verlust der Biodiversität – Zustände, die gleichzeitig ein unvorhersehbares soziales Chaos hervorrufen werden (Hungersnot, Feudalisierung der Gesellschaft...). Welche Auswirkung wird die progressive Verstärkung dieser objektiven Verhältnisse wohl auf das Bewusstsein haben? Kann man daran glauben, dass das konkrete Ziel einer notwendigen Revolution wiederkehren wird?

Los Amigos de Ludd

Das ist die Frage aller Fragen und die Linke hat keine Antwort und wird voraussichtlich auch 2026 nicht allzu viel weitergekommen sein. In Bezug auf das Thema Commons heißt dies: Sie wird sich des Themas nicht oder nur widerwillig annehmen. Schon allein deshalb, weil sie nicht über Selbstbeschränkung, also die Fähigkeit einer menschlichen Gemeinschaft, den Sinn für ihre Grenzen anzuerkennen und danach zu handeln, verfügt. Die historischen Formen des menschlichen Zusammenlebens sind an ihre Grenzen gestoßen. Neue Formen müssen erst gedacht, gefunden und ausprobiert werden. Die Degradierung der Individuen zu Konsument_innen, Verbraucher_innen, scheint erst einmal vollendet und etwas anderes ist nicht in Sicht. Natürlich kann man darüber nachdenken, was aus den Menschen wird, wären sie – zum Beispiel – Commonerinnen. Das muss man aber erst einmal wollen. Darüber nachdenken. Dann könnte man auch weitersehen.

Der beschwerliche Weg zu Super Maria – Das Frauenbild in Videospielen

Der beschwerliche Weg zu Super Maria – Das Frauenbild in Videospielen


Über den Autor Dirk Schröter

Dirk Schröter, Jahrgang 1979, ist Diplom-Politikwissenschaftler. Von 2009 bis 2012 hat er das Wahlkreisbüro der Abgeordneten Halina Wawzyniak geleitet und ist bei ihr seit 2012

 


wissenschaftlicher Referent für Netzpolitik. In seiner Freizeit hat er das eine oder andere Videospiel gespielt.

Wir schreiben das Jahr 2026: Zum ersten Mal macht sich die neue Videospieleheldin Super Maria auf den Weg, um den entführten Prinzen aus den Fängen des Oberbösewichts zu befreien. Unterwegs meistert sie jede Gefahr mit Bravour, überwindet Fallen und Hindernisse ohne Mühe und eignet sich nach und nach Fähigkeiten an, die sie dazu ermächtigen, den Endgegner zu besiegen und den Prinzen von seinem Leid aus erlösen. Super Maria ist die Heldin einer neuen Generation von Videospielerinnen und Videospielern.

1986 - Super Mario: Wehrlose Frauen wollen gerettet werden!

Vierzig Jahre früher: 1986 erscheint Super Mario Bros., das als ein Meilenstein der Videospielgeschichte gilt. Der wohl berühmteste Videospieleheld aller Zeiten, Super Mario, macht sich auf den Weg, Prinzessin Toadstool aus den Fängen des Oberbösewichts Bowser zu befreien. 30 Jahre lang soll dies in 13 Super-Mario-Spielen die Hintergrundgeschichte bleiben: Ein Mann rückt aus, um eine wehrlose Frau zu befreien. Auch wenn man dies kaum als ernstzunehmende Hintergrundgeschichte bezeichnen kann und sie eher Mittel zum Zweck ist, um zu begründen, warum sich Super Mario nun schon wieder auf einen beschwerlichen Weg voll mit gefährlichen Gegnern und Fallen macht, offenbart dieses Grundgerüst ein sehr klischeehaftes Rollenverständnis von Männern und Frauen. Sie kann kaum auf sich selbst aufpassen und daher muss er sie permanent beschützen und im Notfall sogar retten. Super Mario war nicht das erste Spiel, das ein derart stereotypes Geschlechterrollenverständnis transportierte Und es sollte noch lange nicht das letzte sein. Die Videospielbranche erkor junge heterosexuelle Männer zur wichtigsten Zielgruppe und stellte daher deren – vermeintliche – Interessen in den Mittelpunkt. Junge heterosexuelle Männer wollten vor allem Helden sein und interessierten sich für Frauen, so die recht einfache Analyse der Spielefirmen. Dementsprechend wurden Videospiele produziert, in denen männliche Helden, weibliche Opfer schützten und/oder retteten. In den 80er und 90er Jahren erschienen so zahlreiche Videospiele, die auf genau auf dieselbe Motivation des männlichen Hauptcharakters wie bei Super Mario Bros. setzten, um dann sein Abenteuer zu erzählen. Auf diese Art hat sich in Videospielen ein Frauenbild etabliert, das bis heute nachwirkt. Die Frau wurde zu einem reinen Objekt degradiert, das permanent aus allen möglichen Notsituationen gerettet werden musste, weil es dazu selbst nicht in der Lage war. Oder sie wurde zur „Belohnung“ für den Mann am Ende einer langen und gefahrvollen Reise. Frauen als gleichwertige Partnerinnen oder gar als Hauptprotagonistinnen suchte man vergebens. Videospiele reproduzierten damit ein jahrhundertealtes Rollenbild.

Ausnahmen gab es, doch auch diese reduzierten letztlich Frauen viel zu oft zu einem Objekt. In dem Spiel Metroid aus dem Jahr 1986 spielt man zum Beispiel die Kopfgeldjägerin Samus Aran, die in einer nicht näher bestimmten Zukunft die Geheimnisse fremder Planeten erkundet. Im Verlauf dieser Reise erlangt sie immer wieder neue Fähigkeiten, mit deren Hilfe sie noch weiter ins Innere der Planeten vordringen kann. Dort erwarten sie stärkere Gegner, die sie aber mit ihrer immer größer werdenden Kampfkraft mühelos beseitigen kann. Alles in allem also ein klassisches Videospiel-Abenteuer. Wäre da nicht der Umstand, dass die Protagonistin eine Frau ist und der Spieler bzw. die Spielerin dies erst ganz am Ende des Spieles erfährt. So gut wie jeder, der dieses Spiel ohne dieses Wissen zum ersten Mal durchspielte ist wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass Samus Aran ein Mann ist. Denn der futuristische Anzug der Figur ließ keinerlei Rückschlüsse auf das Geschlecht zu. Und ein Charakter mit solchen Fähigkeiten – das konnte ja nur ein Mann sein. Umso größer war bei vielen die Überraschung als sich am Ende herausstellte, dass man die ganze Zeit keinen Mann, sondern eine Frau spielte. Mit Sicherheit ist das ein interessantes Spiel mit den Erwartungen der Spieler, das vielleicht bei dem ein oder anderen für ein Aha-Erlebnis hätte sorgen können und – glaubt man zahlreichen Berichten – bei vielen wohl auch sorgte. Doch leider kann das Beispiel nur bedingt als eine positive Darstellung von Frauen in Videospielen dienen. Zum einen gab einer der Hauptentwickler, Yoshiho Sakamoto zu, dass erst ganz am Ende des Entwicklungsprozesses entschieden wurde, dass Samus Aran eine Frau sein soll und dies vor allem dazu dienen sollte, den Spieler zu überraschen. Die Entwicklung selbst stand also immer unter der Prämisse, dass Samus Aran ein Mann ist. Zum anderen ließ es sich der Entwickler Nintendo nicht nehmen, gute Leistungen im Spiel damit zu belohnen, dass Samus Aran am Ende immer spärlicher bekleidet auftrat. Schaffte man es, das Ende des Spiels in unter einer Stunde zu erreichen, war sie nur noch in einem Bikini bekleidet zu sehen. So wurde letztlich auch diese Protagonistin zu einem sexualisierten Objekt degradiert, das dem heterosexuellen männlichen Spieler als Belohnung dient. Nichtsdestotrotz sollte man bei aller notwendigen Kritik die Bedeutung von Samus Aran als einer der wenigen weiblichen Hauptcharaktere zu dieser Zeit nicht unterschätzen.

1996 – Lara Croft: Das spielbare Sexsymbol

Zehn Jahre später, 1996, tauchte eine weitere weibliche Hauptfigur auf, die sich zu einer Popkultur-Ikone entwickeln sollte: Lara Croft aus der Videospielreihe Tomb Raider. Lara Croft war eine starke Frau, die sich auf der Suche nach archäologischen Schätzen durch diverse exotische Schauplätze hangelte, rätselte und schoss. Dabei hatte sie immer einen coolen Spruch auf den Lippen und war ihren – meist männlichen – Gegnern nicht nur in Sachen Schusskraft, sondern auch in Sachen Intelligenz überlegen. Eigentlich der Inbegriff einer starken, gleichberechtigten Frau. Doch gab es ein Problem. Lara Croft wurde nicht deshalb eine Ikone, weil sie eine selbstbewusste Frau war. Sie wurde zu einer Ikone, weil sie von ihren Entwicklern mit großen Brüsten und schmaler Taille ausgestattet und äußerst leicht bekleidet war. Lara Croft wurde so zum Sex-Symbol, ihr Hintern war wichtiger als ihre charakterlichen Eigenschaften. Geschenkt, könnte man meinen, nur weil eine Frau gut aussieht und sich sexy kleidet, heißt das nicht, dass sie automatisch zu einem Objekt degradiert werden muss. Doch einem männlichen Protagonisten wäre das niemals passiert. In der 2007 erstmals erschienenen, im Grundaufbau sehr an Tomb Raider angelehnten, Spielereihe Uncharted ist der Hauptcharakter männlich. Auch Nathan Drake hangelt, rätselt und schießt sich durch exotische Schauplätze, auch er hat immer einen coolen Spruch auf den Lippen und auch er ist seinen - meist männlichen Gegnern – in Sachen Schusskraft und Intelligenz überlegen. Doch niemand kam auf die Idee Nathan Drake übertrieben sexualisiert darzustellen und ihn in knapper Bekleidung durch das Spiel laufen zu lassen oder ihn in aufreizenden Posen darzustellen. Er darf sein Abenteuer ganz leger und zweckdienlich in Jeans und Shirt bestreiten. Hier zeigt sich, dass auch ein vermeintlich starker und selbstbewusster Frauen-Charakter zu einem sexualisierten Objekt degradiert werden kann.

Nichtsdestotrotz markierte Lara Croft einen kleinen Wendepunkt. Immer häufiger traten starke Frauenfiguren als Protagonistinnen in Videospielen auf. 2003 wurde Beyond Good & Evil mit der Fotojournalistin Jade in der Hauptrolle veröffentlicht. Auf einem fernen Planeten deckt die Reporterin eine Verschwörung auf und kann als eine der wenigen gelungenen Darstellungen von Frauen in Videospielen bezeichnet werden. Weder ist sie nach klassischen stereotypen Rollenklischees und Schönheitsidealen designt noch ist sie nicht in der Lage, sich selbst aus Notsituationen zu befreien noch ist sie ein reines Abziehbild eines männlichen Charakters. Vielleicht liegt es daran, dass die Verkäufe es Spiels weit hinter den Erwartungen lagen. Doch darüber lässt sich nur mutmaßen. Auch Lara Croft hat sich weiterentwickelt. Im Neustart von Tomb Raider aus dem Jahr 2013 wird der Charakter von Lara Croft noch einmal neu erfunden. Vorbei sind die Zeiten knapper Outfits. Stattdessen erlebt man eine junge Lara Croft, die noch sehr unsicher und zweifelnd die Welt erkundet, dabei aber zu einer starken wehrhaften Frau heranreift.

2016 – Gamergate: Junge weiße Männer proben den Aufstand

Inzwischen ist die Debatte um die oft stereotype Darstellung von Frauen in Videospielen auch bei den Videospielerinnen und –spielern sowie den Entwicklerfirmen angekommen. Einen vielbeachteten Beitrag leistete dazu die Feministin Anita Sarkeesian. In einer auf Youtube veröffentlichten Videoreihe sezierte sie detailliert das Frauenbild in vielen Videospielen und präsentierte wie Frauen in Videospielen auch heute noch oft als reine Objekte dargestellt werden. Dafür musste sie allerhand Anfeindungen über sich ergehen lassen, die bis hin zu Morddrohungen reichten. Der überwiegend heterosexuell-männlich geprägten Kern-Spielerschaft missfiel es in Teilen, dass geliebte Videospielereihen unter solchen, in ihren Augen vernachlässigbaren, Gesichtspunkten kritisiert werden. Argumente waren, dass Sarkeesian nicht die Mehrheit der Videospielerinnen und -spieler vertrete. Videospielerinnen und -spieler wollten vor allem Spaß haben und sich nicht mit soziologischen und politischen Auseinandersetzungen beschäftigen. Abgesehen davon, dass dies in der Absolutheit garantiert nicht der Wahrheit entspricht, zeigten sich die überwiegend männlichen Kritiker an Sarkeesian für Gegenargumente erstaunlich wenig offen. Erstaunlich auch deshalb, weil die Kern-Spielerschaft Jahrzehnte dafür kämpfte ihr eigenes negatives Image zu wandeln (Stichwort: Killerspiel-Debatte) und dabei vor allem für mehr Offenheit für ihre Interessen stritt. Wer solche Offenheit von anderen fordert, sollte aber in der Lage sein, sich kritisch mit dem präferierten Medium auseinanderzusetzen. Dazu gehört auch, sich damit auseinanderzusetzen, wie stark die strukturelle Benachteiligung der Frau in den Medien der Unterhaltungsindustrie verankert ist  

und damit fortgeführt wird. Allein durch die Art und Weise erwiesen die Kritikerinnen und Kritiker an Anita Sarkeesians Analyse Ihrem eigenen Anliegen einen Bärendienst und das in einer Zeit, in der Videospiele eine immer höhere Akzeptanz erfuhren. Sie präsentierten sich als reine Hardliner, die mit allen Mitteln versuchen, jede Kritik an ihrem Hobby mundtot zu machen und zerstörten damit einiges an Aufbauarbeit, die sie selbst jahrelang leisteten.

Die persönlichen Angriffe auf Sarkeesian markierten den Tiefpunkt einer dringend notwendigen Debatte, die zu diesem Zeitpunkt erst richtig begann. Diese Debatte wurde eingebettet in eine kritische Auseinandersetzung, die einige sehr lautstarke Videospielerinnen und -spieler unter dem Stichwort „Gamergate“ führten. Auslöser dieser Auseinandersetzung war ein Blogeintrag, in dem der Ex-Freund einer Spieleentwicklerin ihr vorwarf, ihn mit Spielejournalisten namhafter Videospiel-Internetseiten betrogen zu haben. Damit soll sie – nach seiner Auffassung – bessere Besprechungen für ihre Videospiele erreicht haben. Es entbrannte eine heftige Debatte um Verquickungen von Spielepresse und den großen Spielekonzernen. In einer Branche, in der sehr viel Wert auf Besprechungen gelegt wird und in der positive Besprechungen oft gute Verkaufszahlen und Verrisse oft schlechte Verkaufszahlen bedeuten, ist eine Thematisierung solcher Verbindungen sicherlich angebracht. Doch schon der Auslöser dieser Diskussion demonstriert, welch einem stereotypen Frauenbild die größtenteils männlichen Anhänger der „Gamergate“-Bewegung unterliegen. Da geht ein geschasster Mann mit Behauptungen über seine Ex-Freundin an die Öffentlichkeit und anstatt dies zu hinterfragen wird die Geschichte sofort geglaubt und eine der wenigen Spieleentwicklerinnen plötzlich zum Sinnbild dessen, was in der Videospielindustrie schief läuft. Es ist daher kaum ein Zufall, dass die „Gamergate“-Auseinandersetzung schnell in Richtung der Beiträge von Anita Sarkeesian schlug und aus der Debatte um Verquickungen von Industrie und Presse plötzlich eine Debatte um Feminismus und Gendertheorie wurde. Das eigentliche Thema der Verquickung von Presse und Industrie trat dabei komplett in den Hintergrund.

Inzwischen ist die „Gamergate“-Debatte wieder abgeklungen, auch wenn sie hier und da immer noch mal aufflammt. Die Auswirkungen hallen aber nach. Die „Gamergate“-Debatte hat dabei vor allem für Solidarisierungseffekte mit angefeindeten Personen wie Sarkeesian geführt und so erreicht, dass Videospielerinnen und -spieler sowie Entwicklerfirmen sensibler für das Thema Sexismus in Videospielen geworden sind. Immer häufiger gibt es nun in einschlägigen Videospielpublikationen kritische Artikel über die Darstellung von Frauen in Videospielen und immer häufiger sind in Besprechungen zu einzelnen Videospielen kritische Anmerkungen darüber, wie Frauen darin präsentiert werden, zu lesen. Aber auch Videospielerinnen und -spieler selbst sind in der Frage kritischer geworden. Bei weitem nicht alle teilten die heftige Kritik an der feministischen Sichtweise auf Videospiele und fingen von sich aus an, sexualisierte Darstellungen von Frauen in Videospielen zu diskutieren. Das zeigt zum Beispiel die Diskussion um den fünften Teil der Metal-Gear-Solid-Reihe aus dem Jahr 2015. Diese Reihe ist durchaus dafür bekannt, sowohl männliche als auch weibliche Charaktere sehr sexualisiert darzustellen. Metal Gear Solid V machte da keine Ausnahme. Auf besondere Kritik stieß dabei die äußert knappe – eher kaum vorhandene – Bekleidung des weiblichen Charakters Quiet. Die Kritik war so stark, dass sich der hauptverantwortliche Spieleentwickler, Hideo Kojima, bemüßigt fühlte, darauf zu reagieren. Er merkte an, dass sich alle schämen würden, wenn sie im Spiel den Grund für die knappe Bekleidung von Quiet erführen. Der lachhafte Grund ist, dass ihre Lunge so verbrannt wurde, dass sie nur noch mit Hilfe eines Parasiten über die Haut atmen kann. Dazu muss die Haut aber möglichst frei liegen. Einen absurderen Vorwand, eine Frau fast nackt zu zeigen, kann man wohl kaum erfinden. Vielleicht hätte es atmungsaktive Kleidung auch getan. Vielleicht hätte man aber auch einfach ganz auf diesen Vorwand verzichten und der Figur Quiet normale Kleidung tragen lassen können. Ihrem Charakter hätte dies keinen Abbruch getan. Schämen mussten sich die zahlreichen Kritikerinnen und Kritiker zumindest nicht.

Dieses Beispiel zeigt daher auch, dass sich bei den Videospielefirmen nur in kleinen Schritten etwas bewegt. Zwar begegnen einem Frauen als Hauptcharaktere häufiger. Doch noch viel zu oft werden Frauen sexualisiert oder als einziger weibliche Charakter unter vielen männlichen dargestellt. Das unterstreicht, dass Frauen in den Augen vieler Entwicklerfirmen noch immer eine Ausnahme sind.

Doch die anhaltende kritische Begleitung in Bezug auf stereotype Frauenbilder durch Presse und Spielerinnen und Spieler führt immerhin dazu, dass einige Videospielefirmen versuchen zu vermeiden, solche Kritik überhaupt erst aufkommen zu lassen. Ein Beispiel: Im Spiel Xenoblade Chronicles X kann der Spieler oder die Spielerin das Aussehen des Spielecharakters rudimentär selbst einstellen. Dabei gibt das Spiel auch die Möglichkeit zwischen einem männlichen und einem weiblichen Spielcharakter zu wählen. In der japanischen Originalversion konnte bei einem männlichen Charakter lediglich Gesicht und Frisur bestimmt werden. Bei einem weiblichen Charakter konnte man darüber hinaus aber auch noch die Größe der Brüste einstellen. Diese Möglichkeit wurde bei der Veröffentlichung in den USA und Europa dankenswerterweise komplett gestrichen. Mit Sicherheit kein Ausdruck eines modernen Frauenbildes, aber doch Ausdruck dafür, dass ein ständige kritische Auseinandersetzung bewirken kann, dass Spielefirmen sensibler mit ihren eigenen Werken umgehen und in kleinen - sehr kleinen – Schritten, einer möglichen Kritik entgegenwirken wollen.

2026 – Super Maria: Retten Frauen Männer?

Also entwickelt sich alles langsam, aber wenigstens in die richtige Richtung? Das ist noch lange nicht gesagt. Denn noch immer ist die gesamte Videospielebranche dominiert von heterosexuellen Männern, die Spiele für heterosexuelle Männer produzieren. Die Rechnung der großen Spielefirmen ist dabei ganz einfach: Es sind die heterosexuellen Männer, die treu Videospiele kaufen, also stehen auch vor allem deren vermeintliche Bedürfnisse im Vordergrund. Welche Bedürfnisse das sind – wir erinnern uns: Frauen und Held spielen –, daran hat sich in den Augen der Entwicklerfirmen seit den 80er Jahren nicht viel geändert. Sicher ist bekanntlich sicher. Doch der Markt der Videospiele ist stets einem starken Wandel unterzogen und so werden auch Frauen immer mehr zu einer begehrten Zielgruppe. Das könnte dazu führen, dass Frauen in Zukunft häufiger Protagonistinnen von teureren Videospielproduktionen sein werden. Auch der stetig wachsende Frauenanteil unter den Spieleentwicklerinnen und –entwicklern kann dazu führen. Ihr Anteil in der Branche liegt in Deutschland zwar immer noch bei sehr niedrigen 20 Prozent. Aber die Tendenz ist steigend. Ein höherer Frauenanteil könnte dazu führen, dass Frauen in Videospielen eine größere und vor allem differenziertere Rolle einnehmen dürfen. Die Wahrscheinlichkeit dafür steigt, wenn auch in den Führungsetagen der einzelnen Spielekonzerne vermehrt Frauen vertreten sind. Weiterhin ermöglichen neue Vertriebs- und Finanzierungswege, dass kleinere unabhängige Entwicklerinnen und Entwickler eine stärkere Rolle spielen. Durch digitale Distribution und Schwarmfinanzierung über Internetseiten wie Kickstarter sind sie nicht an große Spielefirmen und ihre Verwertungslogik gebunden. Sie können damit viel leichter ihre künstlerische Vision erfüllen, ohne dabei allzu sehr auf die Massenmarktkompatibilität und Verkaufszahlen achten zu müssen. Nicht selten verzichten Spiele unabhängiger Entwicklerinnen und Entwickler daher komplett auf eine stereotype Darstellung von Männern und Frauen oder spielen zumindest kreativ damit. Neue Vertriebs- und Finanzierungswege führen aber natürlich nicht zwangsläufig zu einer differenzierten Darstellung von Frauen und Männern. Auch unter Spielen von kleinen, unabhängigen Entwicklerfirmen finden sich oft Spiele, die stark stereotyp geprägte Frauenrollen beinhalten. Aber von einem gewissen Erfolgsdruck unabhängig zu sein, wie es besonders die teuren Produktionen großer Spielefirmen oft sind, macht es leichter aus gängigen Konventionen auszubrechen.

Letztlich wird es aber an der überwiegend männlichen Kern-Spielerschaft selbst liegen, ob sie dazu bereit ist, stereotype Frauenbilder weiterhin zu akzeptieren und zu goutieren und ob sie sich selbst weiterhin auf ein machistisches Rollenklischee reduzieren lassen wollen. Das setzt aber natürlich voraus, dass sie über ein gewisses Problembewusstsein verfügt. Dieses weiter auszubauen ist wiederum eine Aufgabe, die in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens bewältigt werden muss. Denn Rollenbilder, die sich in Videospielen manifestieren, sind lediglich eine Reproduktion von Rollenbildern, die tief in der Gesellschaft verwurzelt sind. Bei aller berechtigter Kritik an der Darstellung von Frauen in Videospielen, darf nicht vergessen werden, dass stereotype Rollenbilder in allen Unterhaltungsmedien stark vertreten sind – allen voran das Film-Medium, das besonders im Blockbuster-Bereich stark von klischeehaften Frauen- und Männer-Darstellungen durchsetzt ist. Solche Darstellungen gilt es zu enttarnen, denn nur wenn sie problematisiert werden, besteht die Hoffnung, dass irgendwann ein Konsens darüber erreicht wird, dass sie problematisch sind. Dafür bedarf es aber wohl länger als zehn Jahre harter Arbeit. Wenn also 2026 Super Maria das Licht der Welt erblickt, wird sie kaum Ausdruck eines stark gewandelten Verständnisses der Rolle der Frau in der Videospielebranche oder gar der gesamten Gesellschaft sein. Sie wird aber ein weiterer Versuch sein, dieses antiquierte Verständnis, wie Frauen (und Männer) zu sein haben, zu durchbrechen.