Rassismus – ein tief verwurzelter Machtmechanismus


Über die Autorin Zerrin Güneş

Zerrin Güneş, Jahrgang 1986, ist Diplom-Politologin, Freundin, Schwester, Tochter, Aktivistin und Kollegin. Seit 2010 arbeitet sie im Wahlkreisbüro von Halina Wawzyniak, wo sie vor allem für das Gebiet Kreuzberg zuständig ist. Nebenbei arbeitet sie an einem Film, der die langjährigen antirassistischen Widerstände in Berlin von Menschen die 

 


Rassismuserfahrungen machen, ein wenig nachzeichnet. Zudem ist sie in außerparlamentarischen politischen Gruppen aktiv, die vor allem zu Rassismus in Deutschland arbeiten, aber auch in kurdischen Gruppen, die in der Diaspora kurdische Widerstände und Lebendrealitäten thematisieren.

„Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ (GG Art. 3 Abs. 3)

Die intensive Auseinandersetzung mit einem der schrecklichsten Kapitel deutscher Geschichte oder mit Filmen wie ‚Die Welle’ von Dennis Gansel sollen junge Menschen sensibilisieren, damit sich die in den Jahren 1939 bis 1945 begangenen Gräueltaten nicht wiederholen. Kein Mensch in Deutschland sollte jemals wieder aufgrund seiner Herkunft und/oder Religionszugehörigkeit verfolgt oder ermordet werden.

Doch die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), öffentlich geworden im Jahr 2011 zeigt, dass es Rechtsextremen über ein Jahrzehnt möglich war, insgesamt neun Menschen mit sogenannter Migrationsgeschichte zu töten und viele weitere zu verletzen. Menschen, die einzig und allein wegen ihrer Herkunft und Religionszugehörigkeit sterben mussten. Bei den rechtsextremen Täter_innen handelt es sich jedoch nicht um verwirrte Einzelpersonen. Vielmehr repräsentieren sie die Spitze des Eisberges und einen Staatsapparat, der die Morde durch die Verstrickungen der Täter_innen mit Sicherheitsbehörden und dem Verfassungsschutz möglich gemacht hat. Behörden und Staatsorgane, deren Aufgabe es ist, die Menschen, deren Rechte und deren Wohlergehen zu schützen, haben diese Aufgabe nicht erfüllt.

Die jüngere Geschichte Deutschlands zeigt also, dass einige Menschen in diesem Land auch heutzutage nicht immer mit Schutz rechnen können. Die Gewaltanschläge auf Asylunterkünfte in den 1990er Jahren und auch heute sind nur einige traurige Beispiele dafür. Verantwortlich sind nicht nur Einzeltäter_innen am rechten Rand der Gesellschaft. Pegida und die sogenannten Wutbürger_innen gehen zu Tausenden auf die Straße. Sie hetzen gegen u.a. Muslime und Asylbewerber_innen und sind auch nach 1945 mit ihrer Wir-sind-das-Volk-Attitüde erneut gesellschaftsfähig. Dies führt unter anderem dazu, dass eine Partei wie die AfD, die rassistische und menschenverachtende Inhalte vertritt, mittlerweile in neun Landtagen sitzt (Stand:05.09.2016). Und auch die Bundesregierung reagierte auf Angriffe auf Asylunterkünfte, sowohl in den 1990er Jahren als auch aktuell, nicht etwa mit einer intensiveren Strafverfolgung der Täter_innen oder Schutzmaßnahmen für die Opfer, stattdessen mit rassistischen Asylrechtsverschärfungen.

Positiv ist jedoch, dass sich parallel zur AfD und ihren Gesinnungspartner_innen, auch eine Bewegung entwickelt hat, die sich für ein Für- und Miteinander stark macht. Vor allem in den deutschen Großstädten bemühen sich seit dem Sommer 2015 immer mehr Menschen mit einem sicheren Aufenthaltsstatus und deutsche Staatsbürger_innen um Hilfe und Unterstützung für die Geflüchteten. Sie helfen dort (meist ehrenamtlich), wo Behörden – wie zum Beispiel das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) in Berlin – versagen. Zuvor hat sich ein selbstbewusster Widerstand von Menschen entwickelt, die von struktureller Diskriminierung betroffen sind. Sowohl bei Migrierten, Geflüchteten als auch bei hier Geborenen mit Migrationsgeschichte. Sie kritisieren den Rassismus in Deutschland und fordern das Aufbrechen rassistischer Gedanken, sowie rassistischer Strukturen in den Institutionen.

Bevor ein Vorschlag, ein Gedankenspiel oder vielleicht auch nur ein paar optimistische Hoffnungen beschrieben werden, möchte ich sichergehen, dass dem Folgenden ein gemeinsames Verständnis von Rassismus zugrunde liegt.

Zu Beginn ist es wichtig, Rassismus nicht mit Rechtsextremismus, Ausländerhass oder Fremdenfeindlichkeit zu verwechseln, auch wenn dies vor allem im öffentlichen Diskurs noch sehr häufig geschieht. Michel Foucault und Mark Terkessidis haben beschrieben, weshalb Rassismus eben keine extreme Ideologie vom rechten Rand der Gesellschaft, kein irrationaler Hass und auch nicht bloße Feindlichkeit gegen Menschen ist, die oft seit mehreren Generationen hier leben und dennoch als fremd betrachtet werden. Vielmehr handelt es sich um einen Machtmechanismus, der in der gesamten Gesellschaft vorhanden ist und strukturell wirkt.

Leben machen und sterben lassen

Um die Rassismustheorie des Philosophen Michel Foucaults zu verstehen, muss mit seiner Definition der Souveränitätsmacht begonnen werden. Foucault lokalisiert die Souveränitätsmacht vor dem 19. Jahrhundert. Sie bestimmt das Recht über Leben und Tod – genauer gesagt das Recht, töten und somit über das (Über-) Leben entscheiden zu können. Kurzum – die Macht zu haben „sterben zu machen oder leben zu lassen.“[1] Die Souveränitätsmacht transformiert sich zunehmend im Zuge des Nation-Building Prozesses im 19. Jahrhundert zur Biomacht. Diese Macht orientiert sich am Leben und wird auch als „Leben machen und sterben lassen“ [2] beschrieben. Die Politik der Biomacht entwickelt Mechanismen, um die Sterberate zu verändern und zu senken, das Leben zu verlängern und die Geburtenrate zu stimulieren, wodurch Kräfte gesteigert und ausgeschöpft werden sollen. Kapitalistische Staaten sollen damit effektiver werden. Die zentralen Machtinstrumente sind dabei Disziplinierung und Regulierung. Die Disziplinierung des Individuums findet durch Institutionen und gesellschaftliche Handlungsfelder und die (staatliche) Regulierung der Bevölkerung durch Verwaltungsapparate sowie Justiz statt. In diesem Zusammenhang wird eine Normalisierungsgesellschaft konstruiert, in der es darum geht, das Leben in einem Bereich von Wert und Nutzen zu organisieren.

Dabei stellt Foucault die Frage, wie es innerhalb der Biomacht dennoch möglich ist, zu töten bzw. den Tod zu fordern?

Die Antwort darauf ist Rassismus. Foucault führt aus, dass Rassismus bereits vor dem Aufkommen der Biomacht existierte. Doch mit dem Aufkommen der Biomacht zieht der Rassismus in die Mechanismen des Staates ein. Dabei ist er ein Mittel, um eine Zäsur im Bereich des Lebens (den die Biomacht in Beschlag genommen hat) einzuführen: eine Zäsur zwischen dem, „was leben und dem, was sterben muss.“ Aus diesem Gedanken leitet Foucault zwei Funktionen des Rassismus ab

Einmal die Aufteilung der Menschen in sogenannte „Rassen“, die Hierarchisierung der „Rassen“ und die Kategorisierung bzw. Einteilung in zwei Gruppen. Diese beiden Gruppen werden innerhalb der Bevölkerung gegeneinander ausgespielt. Quasi die „Normalen“ bzw. Normalisierungsgesellschaft gegen „die Anderen“.

Die zweite Funktionsweise des Rassismus ist die Rechtfertigung der Akzeptanz des Tötens innerhalb einer Normalisierungsgesellschaft: „Um zu leben musst du töten [können]“ [3], wodurch eine biologische Selbststärkung gewährleistet wird. Mit der Tötung ist nicht nur die physische Tötung gemeint, sondern unter anderem auch, jemanden der Gefahr des Todes oder dem politischen Tod, z.B. Vertreibung und Abschiebung, auszusetzen.[4]

Rassismus ist demzufolge nicht eine Form der Irrationalität Einzelner, sondern ein Machtmechanismus oder auch eine politische Rationalität, die gesellschaftliche Handlungsfelder strukturiert. Die sogenannte Normalisierungsgesellschaft konstruiert sich dabei als ‚das Volk’ und legitimiert somit den Ausschluss von Personen, die nicht als Teil eben dieses ‚Volkes‘ betrachtet werden. Dabei ist die Identifikation mit einer Normalisierungsgesellschaft nicht statisch, so definierte man sich in den 1990er Jahren als ‚Deutsches Volk‘ und heute eher als ‚christlich abendländische Europäer_innen‘.

Fundamente der Rassifizierung

Der Migrationsforscher Mark Terkessidis befasst sich detailliert mit diesem Machtmechanismus und entwickelt eine anschauliche Theorie, die den Rassismus in unserer Gesellschaft verständlicher macht. Er versteht Rassismus als etwas, das sich aus drei Funktionsweisen zusammensetzt: Rassifizierung, Ausgrenzungspraxis und differenzierende Macht.

Die Rassifizierung wird als ein Prozess beschrieben, in dem eine Gruppe von Menschen mit Hilfe der Zuschreibung bestimmter Merkmale als natürlich festgelegt wird. Es entsteht also zu allererst die Kategorisierung in eine Gruppe. Gleichzeitig wird das Verhältnis zwischen dieser und der eigenen Gruppe formuliert. Rassismus entsteht also nicht erst durch die Wertung der Unterschiede – egal ob negativ oder positiv – sondern auch durch die Zuschreibung einer Gruppe als naturgegeben. Damit ist die Unterscheidung zum Eigenen von vornherein bewertend.

Als Fundament der Rassifizierung wird ein bestimmter Wissensbestand vorausgesetzt: das sogenannte rassistische Wissen. Des Weiteren geht Terkessidis davon aus, dass sich das rassistische Wissen, das die Rassifizierung überhaupt möglich macht, aus vier Elementen zusammensetzt. Zum einen aus morpho-physiologischen Kennzeichen, bei denen körperliche Merkmale, wie u.a. Haut- und Haarfarbe oder Augen- und Nasenform, kategorisiert werden. Zum anderen aus soziologischen Kennzeichen, z.B. Sprache, Ernährung, Kleidung und Gewohnheiten. Hinzu kommen symbolische und geistige Kennzeichen wie politische Praktiken, Einstellungen, Lebensauffassungen, religiöse und kulturelle Verhaltensweisen. Ferner spielen auch imaginäre Kennzeichen eine Rolle, die oft völlig willkürliche Zuschreibungen zu Fakten, Ereignissen, Praktiken beinhalten, die nicht notwendigerweise real sein müssen.[5]

Ein weiteres Element, das den Rassismus ausmacht, ist die Ausgrenzungspraxis. Terkessidis beschreibt diese als die praktische Seite des Rassismus. Wichtig ist hierbei auch zu unterstreichen, dass der rassistische Wissensbestand innerhalb einer Gesellschaft, Einfluss auf die gesellschaftlichen Institutionen hat. Dadurch gibt es dann eine ungleiche Behandlung in der Zuteilung von Dienstleistungen und Ressourcen. Dies sind z.B. ökonomische Unterschiede, wie die Art der Arbeit, die Höhe der Löhne, die Wohnorte etc.. Wenn man sich den deutschen Arbeitsmarkt ansieht, fungiert das Anwerbeabkommen der 1960er Jahre zwischen der Türkei und der BRD als anschauliches Beispiel. Die sogenannten Gastarbeiter_innen übernahmen unqualifizierte Arbeit und waren äußerst prekär beschäftigt. Leider ist fünf Jahrzehnte später kein gravierender sozialer Aufstieg bei den Folgegenerationen festzustellen. Terkessidis betrachtet die soziale Schließung als einen möglichen Grund. Als Folgen der sozialen Schließung benennt er ungleiche Partizipationsmöglichkeiten, unqualifiziertere Jobs, was wiederum dazu führt, dass dieser Gruppe von Menschen ‚Dummheit’ und ‚Faulheit’ unterstellt wird. Diese Unterstellungen modifizieren sich später in ‚problematische kulturelle Unterschiede’ was auch gut als Legitimation der strukturell bedingten sozialen Schließung auf dem Arbeitsmarkt dienen kann, bzw. oft dient.

Als dritte und letzte Funktionsweise führt er die differenzierende Macht an. Auch hier ist, ähnlich wie bei Foucault, der Ausgangspunkt, dass Rassismus nach einem bestimmten Machtmechanismus funktioniert. Das bedeutet, dass eine „Gruppe [...] über die Mittel [verfügt], eine andere Gruppe sichtbar zu machen, zu unterdrücken etc.“[6]

Diese differenzierte Macht besteht im Falle des Kolonialismus, aber auch im Umgang mit der Einwanderungsgesellschaft. Eine Gruppe besitzt die Macht, die als „anders“ kategorisierte Gruppe auszuweisen, ihr Ressourcen zu verwehren oder deren Mitglieder abzuschieben, wobei die Existenz der eigenen Gruppe nicht in Frage gestellt wird.[7] Dabei fungiert vermeintliches Wissen als Erkenntnis und Legitimation von Macht zugleich.

Als kurzes Beispiel sei an dieser Stelle die Diskussion über kriminelle muslimische Migrant_innen erwähnt. Es ist egal, ob sie hier geboren und aufgewachsen sind oder vielleicht sogar in der zweiten oder dritten Generation in der BRD leben: Sobald sie als unverwertbar für einen kapitalistisch-neoliberalen Staat erachtet werden, kann darüber diskutiert werden, ob sie abgeschoben werden sollen. Kaum vorstellbar, dass diese Diskussion über weiß-deutsche Menschen je geführt wird.

Unser Umgang mit Geschichte

Nun aber von der Theorie zur Praxis. Die Theorie soll an dieser Stelle unter anderem dazu dienen, verständlich zu machen, dass Rassismus nicht einzig und allein als eine individuelle Befindlichkeit zu betrachten ist. Es handelt sich um einen Zustand, der in vielen Gesellschaften existiert, vor allem in kolonialisierenden und jenen Gesellschaften, die Rassismus als Legitimation für Gewalt gegenüber als anders definierte Gruppen benutzt haben.

So ist auch unser Wissen rassistisch, da es u.a. auch auf die gern zitierten und heroisierten „Väter der Aufklärung“ zurückgeht: Immanuel Kant und Friedrich Hegel. Kant, unterteilte und hierarchisierte die sogenannte Menschenart in „Rassen“.[8] Er unterscheidet zwischen Weißen und Schwarzen, wobei Schwarzen keinerlei künstlerische und wissenschaftliche Fähigkeiten zugesprochen wurden. Sogar beim „niedrigsten [weißen] Pöbel“[9] können solche Fähigkeiten emporkommen, jedoch nicht bei Schwarzen. Auch Hegel verbreitet ein ähnlich rassistisches Wissen, wobei er Schwarzen eine feste Objektivität abspricht und ihnen „Wildheit und Unbändigkeit“ unterstellt.[10]Hegel zufolge besitzen Schwarze nicht das Bewusstsein von Freiheit, weshalb sie zu „Wertlosen“ herabsinken und ihre Sklaverei gerechtfertigt werden kann.[11]

 

Doch was bedeutet das alles für uns und was hat das überhaupt mit uns zu tun?

Diese „Väter der Aufklärung“ klären aus der Position weißer Männer mit einer zugesprochenen Deutungshoheit auf. In der Schule lernen wir viel darüber, wie wichtig sie für unsere heutige Gesellschaft waren, jedoch sehr wenig darüber, welche schreckliche Epoche sie legitimiert haben. Wir lernen wenig bis gar nichts über die Kolonialgeschichte Deutschlands und verhindern so eine Auseinandersetzung mit unserem immanenten rassistischen Wissen. Auch wenn es Sklaverei in der Form wie zur Zeit des Kolonialismus nicht mehr gibt, ist rassistisches Wissen noch immer wirkmächtig. Wie auch hätten Sicherheitsbehörden die Opfer des NSU sonst zu kriminellen Tätern machen, sie in konstruierte Rollen von Drogendealern stecken können? Wie hätte Oury Jalloh einfach in der Polizeizelle verbrennen können? Wie können tausende Menschen abgeschoben werden und wieso muss eine nicht-weiße Person viel mehr Qualifikationen vorweisen, als weiße Mitbewerber_innen, um Chancen auf einen Arbeitsplatz oder für eine Wohnung zu haben?

Die Antwort ist: Wir leben in einer rassistisch strukturierten Gesellschaft und es sind nicht allein Neonazis oder Rechtsextreme, die all dies möglich machen.

Einige Ausgrenzungspraxen müssen also mit dem Begriff Rassismus zusammengefasst werden, da er ihnen zugrunde liegt. Doch wie kann diese Ausgrenzungspraxis, dieser Machtmechanismus überwunden werden? Im Folgenden möchte ich ein paar Gedankenspiele machen und einige Hoffnungen für das Jahr 2026 formulieren.

Diskussionen, die geführt werden müssen

Anfang 2013 entfachte eine Debatte über pejorativ verwendete Begriffe in Kinderbüchern: Die sogenannte „N-Wort Debatte“. In meinen Augen eine vollkommen berechtigte, wichtige und längst überfällige Diskussion. Was aus der Forderung, kolonial-rassistische Wörter aus Kinderbüchern zu streichen, folgte, war ein trauriges Ereignis. Der Aufschrei war groß. Es war von Zensur und Geschichtsfälschung die Rede. Wochenlang wurde das Thema in vielen Tageszeitungen von Autor_innen und Leser_innen diskutiert.[12] Doch weshalb hängen die Menschen an diesen Ressentiments? Machen diese beleidigenden und verletzenden Worte in Kinderbüchern die Geschichten aus? Es ist ein wichtiger und notwendiger Schritt in die richtige Richtung gewesen, Kinderbücher neu zu editieren und auch zugänglich für nicht-weiße Kinder zu machen. Es ist möglich, rassistisches Wissen, stereotype und beleidigende Beschreibungen nicht Teil des Wissens der nächsten Generation werden zu lassen.

So möchte ich mir für 2026 vorstellen, dass alte Bücher editiert werden oder zumindest kenntlich gemacht wird, wenn sie diskriminierende Inhalte verbreiten. Dann können sich Käufer_innen bewusst entscheiden, ob sie diese Bücher für ihre Kinder kaufen möchten. Ich möchte mir eine neue Generation der Kinderliteratur vorstellen, in der die Diversität der Gesellschaft abgebildet ist und keine Stereotype, egal welcher Art, vermittelt werden. So haben wir unter anderem auch die Gelegenheit, Schwarze oder dunkel-haarige Heldinnen in

Geschichten kennenzulernen und damit eine Verschiebung von „Normalität“ zu erfahren.

Ein weiterer wichtiger Bereich sind die Schulen. Dort machen die meisten Personen ihre ersten Rassismuserfahrungen – um aus meiner eigenen Perspektive und der vieler Freund_innen zu sprechen.[13] Hier suggerieren einige Lehrer_innen nicht-weißen Kindern, dass sie weniger Fähigkeiten besitzen als die meisten ihrer weißen Mitschüler_innen. Diese Erkenntnis hatte ja bereits Hegel, und in der Schule wird dies den meisten Kindern auch heute noch eingetrichtert. Zum Alltag gehört auch, dass weiße Mitschüler_innen sich über Eigenschaften anderer Kinder lustig machen, die nicht dem gängigen weißen Phänotyp entsprechen. Rassistisch ist aber ebenso, wenn Lehrer_innen z.B. türkeistämmige - manchmal auch arabischstämmige Kinder oder Jugendliche, weil weiße Lehrer_innen oft den Unterschied nicht erkennen – zu Expert_innen der Türkei machen. Nur weil deren Großeltern – mittlerweile oft auch Urgroßeltern – aus der Türkei kommen, müssen sie sich also perfekt mit diesem Land auskennen. Dies gilt auch für schwarze Kinder. Diese müssen sich meist mit dem gesamten afrikanischen Kontinent auskennen, egal ob sie schon mal dort waren oder nicht. Kinder werden mit solchen Aussagen und Handlungen also anders gemacht. Dies passiert direkt in der Schule. Doch das ‚Andersmachen’ bzw. die Kategorisierung nicht weißer Kinder beginnt bereits in der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Ein Stichwort ist dabei: NDH – Nicht-deutscher-Herkunft bzw. Herkunftssprache. In der Statistik der Senatsverwaltung taucht diese Unterscheidung auf, um nicht-weiße Schüler_innen statistisch zu erfassen.[14] Weshalb ist das notwendig? Für mich gibt es keine plausible Erklärung dafür. Vielleicht ist es wichtig für Kinder, die die deutsche Sprache nicht sprechen, um den Unterricht besser an sie anzupassen. Aber warum werden auch die erfasst, die der Sprache mächtig sind und keinerlei sprachliche Förderungen benötigen? Auch diese bekommen den Stempel: NDH. Folglich werden alle in einen Topf geschmissen und man suggeriert nicht-weißen Kindern, ein sprachliches Defizit, da sie Nicht-deutscher-Herkunftssprache sind.

Für 2026 wäre es ein schöner Gedanke, wenn zumindest Senats- und Landesverwaltungen keinerlei Unterschiede mehr zwischen den Schüler_innen machen, die in diesem Land geboren sind, und diese Herangehensweise auch von ihrem Personal (Lehrer_innen) verlangen. Doch leider kann mit der Forderung, keinen Rassismus mehr zu reproduzieren, wenig erreicht werden. Wichtig ist, dass bereits bei der Ausbildung der Lehrenden eine Auseinandersetzung mit Diskriminierungsformen stattfindet. Sensibilität für rassistische Vorurteile und Bewertungen sollte also zum Bestandteil eines Lehramtstudiums werden. Bereits ausgebildete Lehrende könnten dieses Versäumnis natürlich mit Hilfe von rassismuskritischen Fortbildungen nachholen.

Es gibt bereits einige Vereine, die dies anbieten. Der Staat hat Einfluss auf viele Lebensbereiche, sodass neben Lehrenden, Polizeibeamt_innen, Behördenbeamt_innen, Erzieher_innen auch andere Berufsgruppen mit diesem Thema vertraut sein sollten. Wenn in allen staatlich regulierten Bereichen eine kritische Auseinandersetzung mit Rassismus stattfände, hätte dies indirekt auch Auswirkungen in den Bereichen, die jenseits der staatlichen Kontrolle liegen – Familien, Freundes- und Bekanntenkreisen – da es im Idealfall zu einem gesellschaftlichen Umdenken führen würde.

Ein weiterer Punkt wäre, die deutsche Kolonialgeschichte endlich in den Geschichtsbüchern deutscher Schulen zu thematisieren. Der unsichtbarste Teil deutscher Geschichte muss sichtbar gemacht werden, damit eine Auseinandersetzung mit Rassismus möglich gemacht wird. Auch dies lässt sich leicht verändern und ist ein weiterer Schritt zum Versuch, die Gesellschaft anders zu gestalten.

Wenn solche neuen Impulse gesetzt werden, könnte rassismuskritisches Bewusstsein langsam zur neuen Geschichte Deutschlands werden.

Jedoch ist nicht nur der Bildungsbereich von Rassismus durchzogen, auch viele Zugänge zu anderen wichtigen Ressourcen werden Menschen, die von Rassismus betroffen sind, verwehrt bzw. schwer zugänglich gemacht. So z.B. der Arbeits- und Wohnungsmarkt.

Im Frühjahr 2015 erschien eine im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes erarbeitete Studie, die sehr gut verdeutlicht, dass Menschen, die eine Wohnung suchen, dabei häufig rassistisch diskriminiert werden. Menschen mit Migrationsgeschichte haben es viel schwerer, als andere, eine Wohnung zu finden, müssen meist eine höhere Miete zahlen und bewohnen in der Regel die kleineren und unsanierten Wohnungen. Besondere Benachteiligungen erfahren muslimische Frauen mit Kopftuch bei der Wohnungssuche.[15] Auch diese Form der strukturellen Diskriminierung könnte bearbeitet, vielleicht sogar überwunden werden. Die Studie enthält nämlich ganz gute und weiterführende Empfehlungen, die für das Jahr 2026 angedacht werden können. Unter anderem Sensibilisierungscoachings für die mittlere Mitarbeiter_innenebene und Hausverwalter_innen. Zudem sollte der politische Einfluss auf kommunaler Ebene in Bezug auf die Wohnungsbelegung zurückgewonnen werden. Ich teile diese Auffassungen, da der politische Einfluss zwar ein kurzfristiger Lösungsvorschlag, ähnlich wie die Quotenregelung für Frauen ist, langfristig aber vermutlich positive Auswirkungen auf die Art der Wohnungsvergabe haben würde. Zusammen mit den erwähnten Sensibilisierungsweiterbildungen kann meines Erachtens eine langfristige positive Veränderung herbeigeführt und im Idealfall eine Chancengleichheit auf dieser Ebene hergestellt werden.

Auch auf dem Arbeitsmarkt gehört struktureller Rassismus zum Alltag. Studien belegen hier ebenfalls eine empirisch nachweisbare Diskriminierung.[16]So haben es Menschen mit Migrationsgeschichte ersichtlich schwerer, einen qualifizierten Arbeits- und Ausbildungsplatz zu bekommen. Wie Terkessidis ausführt, steht rassistisches Wissen im engen Zusammenhang mit dem Zugang – oder eben auch nicht – zu gesellschaftlichen Ressourcen. Kurzfristige Ansätze, wie Quotenregelungen zusammengedacht mit sensibilisierenden Workshops, die ein langfristiges Umdenken bewirken sollen, wären auch hier ein Lösungsvorschlag. Dies sollte bis oder auch für das Jahr 2026 ernsthaft angedacht werden.

Das Allgemeine Gleichstellungsgesetzt von 2006 stellt dabei eine Entwicklung in die richtige Richtung dar. Doch wie so oft gibt es auch hier einen großen Unterschied zwischen der einfach wirkenden Theorie und der oft komplizierteren und komplexeren Praxis. Denn in der Praxis profitieren die Kläger_innen vom Gesetz nur selten, da die betroffene Person immer vollkommen in der Beweispflicht steht, um die Diskriminierung nachzuweisen. Gerade bei Ablehnungen bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche ist dies jedoch häufig sehr schwer. Deswegen wäre es wünschenswert, nicht mit bestrafenden und sanktionierenden Gesetzen für eine diskriminierungsfreie bzw. diskriminierungsärmere Gesellschaft zu arbeiten, stattdessen Menschen zu sensibilisieren und weiterzubilden. Ein Gesetz zu erlassen scheint ein sehr einfacher Weg zu sein (natürlich nicht für Oppositionsparteien), doch das wirkungsmächtige Wissen zu hinterfragen, zu kritisieren und umzugestalten, ist der langfristig erfolgreichere Weg. Allein den Begriff „Rasse“ noch im Grundgesetzt verankert zu haben, zeigt uns doch schon, dass wir von dem Gedanken der Existenz von „Rassen“ noch immer nicht abgekommen sind. „Rassen“ wurden konstruiert, um Gewalt, Ausbeutung und Unrecht zu legitimieren. Also können sie auch wieder dekonstruiert werden – sie sind nicht naturgegeben. Für 2026 wünsche ich mir, dass zumindest anhand der Änderung des Grundgesetzes ein symbolischer Schritt in Richtung Dekonstruktion gemacht und dieser Begriff nicht weiter reproduziert wird. Studierende oder Auszubildende in pädagogischen oder lehrenden Berufen sollten durch angepasste Lehrpläne und eine eigene kritische Auseinandersetzung einen sensiblen und rassismuskritischen Habitus entwickeln, sodass sich kein Kind als nicht zugehörig fühlen muss.

Das Ziel ist eine Gesellschaft, in der Rassismus bzw. rassistisches Wissen immer mehr schwindet und der rassistische Konsens in der Gesellschaft nicht mehr so mächtig ist, dass rechte, menschenverachtende Parteien, wie die AfD, in Landtage einziehen können. Erstrebenswert ist eine Gesellschaft, in der der Gedanke an Rassismus genauso absurd ist, wie die Vorstellung, dass Frauen nicht wählen oder studieren dürfen.

Abschließend ist es mir sehr wichtig an dieser Stelle deutlich zu machen, dass Rassismus nur eine von sehr vielen Machtmechanismen/Diskriminierungsformen ist, die in allen Bereichen des privaten und öffentlichen Lebens vorkommen. Die Funktionsweise von anderen Diskriminierungsformen wie Sexismus, Klassismus, Ableismus, Heterosexismus etc. sind dem des Rassismus sehr ähnlich. Bis 2026 sollten all diese Formen der Diskriminierung und Herabsetzung auf der Tagesordnung stehen.

Und so könnte der Art.3 Abs. 3 GG im Jahr 2026 lauten:

„Niemand darf aufgrund von Geschlecht, sexueller Identität, Sprache, Heimat und Herkunft, Glaube, religiöser oder politischer Anschauungen, Behinderung diskriminiert werden.“

 

[1]Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit Frankfurt am Main 1977; S. 165.

[2]Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit Frankfurt am Main 1977; S. 165ff.

[3] Foucault, Michel: In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am Collège de France (1975-76); Frankfurt am Main 1999; S. 276-305. Unter: http://www.momo-berlin.de/Foucault_Verteidigung_der_Gesellschaft.html

[4] Foucault, Michel: In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am Collège de France (1975-76); Frankfurt am Main 1999; S. 276-305. Unter: http://www.momo-berlin.de/Foucault_Verteidigung_der_Gesellschaft.html

[5] Guillaumin, Colette: RASSE. Das Wort und die Vorstellung. In: Bielefeld, Uli (Hrsg.): Das Eigene und das Fremde. Neuer Rassismus in der alten Welt; Hamburg 1991; S. 167.

[6] Terkessidis, Mark: Die Banalität des Rassismus – Migranten zweiter Generation entwickeln eine neue Perspektive; Bielefeld 2004; S. 98.

[7] Terkessidis, Mark: Die Banalität des Rassismus – Migranten zweiter Generation entwickeln eine neue Perspektive; Bielefeld 2004; S. 98.

[8] Kant, Immanuel: Von verschiedenen Racen der Menschen; S. 430.

[9] Kant, Immanuel: Beobachtungen über das Gefühl der Schönen und Erhabenen; S. 253.

[10] Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Vorlesung über Philosophie und Geschichte; Meiner 1919; S. 137.

[11] Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Vorlesung über Philosophie und Geschichte; Meiner 1919; S. 140.

 

[12] Greiner, Ulrich: Die kleine Hexenjagdt; in: Die Zeit Online (17.01.2013): http://www.zeit.de/2013/04/Kinderbuch-Sprache-Politisch-Korrekt . Siehe auch: Interview mit Dodua Otoo, Sharon: Pippi und der Kolonialismus; in: Taz Online (20.02.2013): http://www.taz.de/!5072942/

[13] Dehmer, Dagmar: Rassismus in der Schule- Lass dir nichts gefallen; in: Der Tagesspiegel (26.08.2014): http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/rassismus-in-der-schule-lass-dir-nichts-gefallen/10370482.html

[14]Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft: Blickpunkt Schule - Schuljahr 2014/2015; Berlin 2015. https://www.berlin.de/imperia/md/content/sen-bildung/bildungsstatistik/blickpunkt_schule_2014_15.pdf?start&ts=1451466659&file=blickpunkt_schule_2014_15.pdf

[15] Vgl.: Müller, Annekathrin: Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt – Strategien zum Nachweis rassistischer Benachteiligungen; Hrsg.: Antidiskriminierungsstelle des Bundes; Berlin 2015. In: http://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/Downloads/DE/publikationen/Expertisen/Expertise_Wohnungsmarkt_20150615.pdf?__blob=publicationFile

[16] Siehe Sekundärliteratur: Hummitzsch, Thomas: Diskriminierung von Migranten auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt; Berlin 2014: http://www.migration-info.de/artikel/2014-04-03/diskriminierung-migranten-dem-ausbildungs-und-arbeitsmarkt

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