Nicht über Sachen ist zu reden, stattdessen mit den Menschen


Über den Autor Wolfgang Storz

Wolfgang Storz, Jahrgang 1954, ist Sozialwissenschaftler und arbeitet als Publizist und Medienberater. Von 2002 bis 2006 war er Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“, zuvor Chefredakteur der Mitgliederzeitung IG Metall.

 


Er ist einer der Herausgeber der Monatszeitung „OXI“, die sich zur Aufgabe gestellt hat, aus unabhängiger, linker Sicht über Wirtschaftsthemen zu schreiben. Wirtschaft für Gesellschaft lautet der Untertitel der Zeitung und des gleichnamigen Blogs www.oxiblog.de

Der Blick von ganz oben auf eine große Stadt im Jahr 2026: Raumgreifende von humanoiden Robotern verantwortlich organisierte Auslieferungslager liegen rundum verteilt an der Peripherie. Autonom und lautlos fahrende Elektroautos transportieren bestellte Güter, unterstützt von zahllosen Drohnen. Das Angebot lautet: Bleib zuhause in deiner gated community, dort ist es sauber, sicher, die Güter kommen zu dir. An den Rändern der Parks lagern Ausgegrenzte, von gut sichtbaren Überwachungskameras in Schach gehalten. Die konsumfähigen Bewohner, mit implantierter Abbuchungs-Funktion, bewegen sich konzentriert und zielgenau. Die öffentlichen Räume sind perfekt überwacht. Die erste Phase der Technisierung, Roboterisierung und Digitalisierung der privaten Haushalte, Verwaltungen, Schulen, Krankenhäuser, Pflege- und Altenheime ist abgeschlossen. Die Menschen haben sich den neuen Techniken angepasst und genießen es, ihren Lebensalltag fehlerfrei steuern zu lassen. Die gewonnene Zeit nutzen sie, um ihre sozialen Kontakte von zuhause aus zu pflegen. Das einst unberechenbare, von Eigensinn, Gefühlen, zufälligen öffentlichen Begegnungen und Tätigkeiten geprägte Leben ist komfortabel minimiert und eingehegt.

Demokratie funktioniert im Großen nur, wenn sie im Kleinen auf für alle jederzeit zugänglichen öffentlichen Plätzen der Städte sinnlich gelebt und verhandelt werden kann. Demokratie braucht Bühnen, Arenen, Zeit, viele einladende Gelegenheiten. Teilnehmen, sich beraten, begegnen und austauschen auf nicht-vermachteten Plätzen - der Philosoph Jürgen Habermas hat das alles mit seinem Ideal der partizipativen und deliberativen Demokratie geschildert und begründet. Wo es keine öffentlichen, stattdessen nur noch leblose Plätze gibt, entscheiden nach und nach allein Repräsentanten, Sachzwänge und Lobbyisten. Alexander Kluge, Schriftsteller und Filmemacher, sieht in der Fähigkeit, sich mit anderen auszutauschen und „Öffentlichkeit zu bilden, eine Lebensnotwendigkeit“. Öffentlichkeit ist für ihn „ein um keinen Preis der Welt verkäufliches Gemeingut“, denn sie erst ermögliche den unmittelbaren Verkehr zwischen dem Subjektiven und dem Gemeinwesen.     

Die Plätze sind erblindet

Es geht um die allgemeine Öffentlichkeit, nicht um die Nischen und Szenen, in denen Privates ausgelebt und inszeniert wird, durch Mode, Musik, Körperformung, Kochen, Lebensstile... Es geht nicht um die sozialen Netzwerke, die jeder und jede knüpfen muss, um im Berufsleben, in dem Instabilität zur Konstante geworden ist, halbwegs durchzukommen.

Diese allgemeine Öffentlichkeit kann nur leben, wenn in den Zentren der Städte unterschiedliche und nicht für den Konsum abgerichtete Plätze einladen: Parks mit Bänken, offene Theater, Buchhandlungen und Cafés, kommunale Kinos und Medien, Museen, Stadtbüchereien mit vielen Medien und Services, Veranstaltungsorte für kulturelle und politische Tätigkeiten, Initiativen und Manifestationen. Leben werden diese Plätze nur, wenn es in den Städten wiederum genügend digitale und gedruckte Medien gibt, die sich aktuell den Themen der Allgemeinheit widmen, die auf diesen öffentlichen Plätzen verhandelt werden können. Was wir seit Jahren erleben: Genauso wie die öffentlichen Plätze schrumpfen die Medien, die sich den allgemeinen, die Stadtgesellschaft (zu) interessierenden Themen widmen. Und: Zudem schwächeln jene organisatorischen Dinosaurier, die Wohl und Zukunft der Allgemeinheit zumindest im Programm stehen haben. Parteien, Gewerkschaften und Kirchen schrumpfen, altern, verlieren Mitglieder, vor allem Vertrauen. Vereinen geht es oft nicht viel besser. Robert Kaltenbrunner, Stadtplaner und in verantwortlicher Position beim Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung tätig, schreibt in einem seiner Texte, die Plätze einer Stadt sollten ihre „lächelnden Augen“ sein. Seien jedoch zu 

oft schon erblindet – von Autos durchbraust oder zugeparkt, Anleitungen zum zügigen Durchqueren, nicht zum Verweilen. Wer möchte schon auf dem Innsbrucker Platz in Berlin ein Buch lesen, mit seinen Kindern am Sendlinger Tor in München spielen oder am Kölner Neumarkt ein Sonnenbad nehmen. Wo es also Plätze gibt, da sind sie zu oft wie Bahnhöfe angelegt, zum zügigen Wieder-Verlassen, nicht zum Verweilen und Flanieren.

Rückzugsorte für Ausgeschlossene

Die für uns alle bestimmte öffentliche Räume werden seit vielen Jahren mit zunehmender betriebswirtschaftlicher Uniformität zu Wirtschaftszonen geformt, dem privaten Hausrecht unterworfen: Shopping, Entertainment, Reinraus-Gastronomie, unterlegt mit kaufanimierenden Musikteppichen; der auf den ersten Blick Konsum-Untüchtige wird von geschultem Sicherheits-Personal möglichst unauffällig aussortiert. Die Handels- und Gastronomiekonzerne mit ihrer digitalen Auslieferungs-Präsenz und ihren weltweit platzierten Einheits-Filialen verjagen die alteingesessenen Händler und Wirte aus den Innenstädten. Amazon fresh wird in den nächsten drei, vier Jahren auch noch den Lebensmittelhandel umpflügen. Bahnhöfe geizen mit Sitzplätzen – setz dich in das Eiscafe oder den Schnellimbiss! Nur die Kommerz- ist Komfortzone. Die Übernahme der öffentlichen Räume wird demonstriert: Das Frankfurter Fußballstadion, die Commerzbank-Arena, trägt den Namen einer gerade noch mit Steuergeldern aufgefangenen abstürzenden Bank. Daimler und Sony geben dem Stadtzentrum von Berlin ihren Namen. Und der noch verbleibende wirtschaftlich nicht direkt genutzte öffentliche Platz? Der wird oft unansehnlich – im Vergleich mit der (vordergründigen) Attraktivität der Einkaufs-Tempel. Und weil die Stadtverwaltung Geld, Pflege und Verantwortung scheut, um ihn einladend zu gestalten. Die öffentliche Hand vernachlässigt ihre öffentlichen Plätze. Sie werden nicht selten, so Kaltenbrunner, zum „Rückzugsort für ausgeschlossene Bevölkerungsgruppen“.

In Zeiten dieses digital-totalitären Kapitalismus wird deshalb bisher alltäglich Banales zum politisch bedeutsamen Abenteuer umgedeutet werden müssen: die vielen Initiativen, wie beispielsweise urban gardening. Oder: Bauern-Märkte als Stätten ökonomischer Transaktionen und Umschlagplätze für Nachrichten und Meinungen. Sie wachsen unter diesen Bedingungen zu „sozialen Immunsystemen“ und „emotionalen Herzstücken“ von Städten heran, so Götz Eisenberg, Familientherapeut und Psychologe. Mieter- und Bau-Genossenschaften, neue Wohn- und Arbeitsformen, die sich nicht abschotten, sondern sich der allgemeinen Öffentlichkeit zuwenden und als Teil von ihr verstehen, werden bedeutend, weil sie von den prägenden Tendenzen zwangsläufig zu Gegenwelten gemacht werden. Unter materiellen und sozialen Ungleichheiten und Instabilitäten und wegen dieser rückt das Thema, öffentliche Gemeinschaften zu fördern, nach vorne.

Eine Aufgabe der Städte

Die städtische Politik sollte sich also einer Aufgabe widmen, die bisher als zu unbedeutend angesehen worden ist: die Märkte und öffentlichen Plätze als für alle zugängliche Angebote auszubauen und sorgsam so zu gestalten, dass sie vielfältig nutzbar und zum zweckfreien Verweilen geeignet sind. In dem öffentlichen Alltagsleben und der spannungsvollen Erfahrung, dieses sicht- und greifbar auch verändern und gestalten zu können, wird darüber entschieden, ob eine Demokratie lebt. Noch ein Vorteil: Während dieser Arbeit an der Gestaltung der Plätze würde im Sinne von Ernst Bloch mehr mit und „zu Menschen“ und weniger „von Sachen“ geredet werden.

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